Tierische Plagen:Kanonen auf Sittiche

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Tierische Plagen: Der Mönchssittich ist eine grüngefiederte Papageienart, die aus Südamerika stammt.

Der Mönchssittich ist eine grüngefiederte Papageienart, die aus Südamerika stammt.

(Foto: imago stock&people)

Warum sich Madrid gegen Papageien und Kaninchen wehrt.

Von Karin Janker

In Madrid leben 3,3 Millionen Menschen, 282 000 Hunde und knapp 114 000 Katzen. Zum Problem aber werden in der spanischen Hauptstadt gerade die schätzungsweise 12 000 Mönchssittiche, die in den Parks ihre Nester bauen. Dabei sind die grünen Papageien dem Menschen nicht unähnlich: Sie leben gern unter Artgenossen und besitzen einen gewissen Sinn für Ordnung. Die Sittiche bauen Gemeinschaftsnester für bis zu zehn Paare, jede Wohnung mit separatem Eingang und mehreren Kammern zum Schlafen und Brüten. An die 200 Kilogramm wiegt ein solches Konstrukt am Ende. Was teilweise erklärt, warum die Mönchssittiche in Madrid zum Problem werden: Man stelle sich vor, ein solches Nest fiele einem im Park auf den Kopf. Und auch wegen ihres Gekreisches und ihrer Exkremente gehören die Sittiche für die Madrilenen längst zu den Plagen.

Eine weitere: die Kaninchen, die ursprünglich vor allem den westlich vom Zentrum gelegenen Pinienwald Casa de Campo bevölkerten. Es waren wohl die Pandemie und die fast zwei Monate geltende Ausgangssperre, die die Kaninchen glauben ließen, sie könnten Glück und Futter künftig etwas weiter stadteinwärts suchen. Jedenfalls berichten die Bewohner des Bezirks Carabanchel nun, dass bei ihnen die Kaninchen überhandnehmen. Schulhöfe und Spielplätze sind gesperrt, Gärten abgenagt, Zäune untertunnelt. Man fürchtet die Übertragung der Leishmaniose, einer parasitären Krankheit. 2009 gab es unweit von Madrid einen der größten Ausbrüche beim Menschen in Europa. Als Auslöser galten bereits damals die Kaninchen.

Wo diese herkommen, ist in Madrid Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Eine besagt, dass sich beim Bau der Ringautobahn auf einem der Lastwagen voller Sand ein Kaninchen versteckt habe. Deutlich wahrscheinlicher ist eine andere These: Dort, wo jetzt Madrid ist, war einst Grasland, in dem nicht nur Kaninchen, sondern auch deren natürliche Feinde lebten. Als die Stadt sich ausbreitete, flüchteten die Raubtiere, die Kaninchen blieben. Im Falle der Mönchssittiche ist der Zusammenhang noch klarer: Die Papageien, die eigentlich aus Südamerika stammen, waren lange als Haustiere in Mode. Wegen der Vogelgrippe verbot die EU 2005 die Einfuhr von Wildvögeln, die spanische Regierung zog 2013 mit einem Gesetz nach, das auch den Besitz und Verkauf der Sittiche untersagte. Was also taten viele Spanier? Sie öffneten die Käfigtüren.

Weil Mönchssittiche bis zu acht Eier pro Jahr legen, bedrohen sie die einheimische Fauna. Umweltschützer warnen, dass sie etwa den Spatzen das Futter streitig machen und Krankheiten auf andere Arten übertragen. Madrid kündigte deshalb 2019 einen Plan an, um die Population zu dezimieren. Umgesetzt wird der pandemiebedingt erst jetzt: 2025 Mönchssittiche seien bereits eliminiert worden, verkündete das Rathaus an diesem Montag, erlegt von Jägern, die mit Luftgewehren durch die Parks streifen. Die linke Opposition spricht von einem "Massaker". Aus ihrer Sicht wäre es verträglicher und effektiver, die Eier in den Nestern unfruchtbar zu machen. Günstiger wäre es womöglich auch: Drei Millionen Euro soll es kosten, etwa 90 Prozent der Sittiche in Madrid zu erschießen. Ein Kopfgeld von 272 Euro pro Vogel. Es ist, als würde hier mit Kanonen auf die Feinde der Spatzen geschossen.

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