Sinus-Jugendstudie:Viele Krisen, viele Ängste

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Weltlage angespannt, Privatsphäre gechillt: Junge Menschen an einem Samstagabend in den Bögen der Hackerbrücke in München. (Foto: Wolfgang Maria Weber/Imago)

Angesichts der schwierigen Weltlage wünschen sich junge Menschen vor allem Sicherheit. Dennoch ist ein Großteil politisch desinteressiert – aber sozial aufgeschlossener als frühere Generationen.

Von Leila Al-Serori

Ein gutes Gespür fürs richtige Timing haben die Autoren der Sinus-Jugendstudie da bewiesen. Denn wann wäre die Frage „Wie ticken Jugendliche?“ spannender als kurz nach einer Europawahl, bei der gerade die jüngeren Deutschen überraschend deutlich etablierte Parteien abgewählt und sich dafür der AfD zugewandt haben? Sechzehn Prozent der 16- bis 24-Jährigen votierten am Sonntag für die Rechtsradikalen, die zuvor so beliebten Grünen verloren stark an Zustimmung. Was ist da los, fragte so mancher Kommentator am Wahlabend.

Die am Mittwoch vorgestellte Sinus-Jugendstudie 2024 gibt Antworten. Nicht auf alle Fragen, dafür ist die Gruppe der Jugendlichen zu heterogen, aber einige Befunde lassen Rückschlüsse auf die Wahlergebnisse zu. „Teenager wachsen heute mit multiplen Krisen auf“, betonen die Studienautoren des Sinus-Instituts bei der Präsentation in Berlin. Das wirke sich auf ihr Sicherheitsbedürfnis aus, auf ihre Weltanschauung und ihr Interesse an Politik.

Nachrichten via Social Media

Kriege, Energieknappheit, Inflation und der Klimawandel machten die junge Generation ernster und besorgter denn je. Viele Befragte haben laut Studie große Ängste, wünschen sich für ihre eigene Zukunft vor allem Sicherheit, eine Familie und ein verlässliches Einkommen. Der Hedonismus, der frühere Generationen geprägt habe, sei zurückgegangen. Die Jugendlichen kämpften zudem mit wachsendem Rassismus und Diskriminierung.

Viele fremdelten zudem mit der Politik, fühlten sich nicht ernst genommen und machtlos. Eine Bereitschaft für langfristiges Engagement gebe es kaum, das Interesse an Politik sei gering. Ein Teil der Befragten tendiere vielmehr zur Verdrängung politischer Probleme, von denen sie sich überfordert fühlen. Für die Studie wurden insgesamt 72 qualitative Fallstudien mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren zwischen Juni und September 2023 gemacht. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verschlechterung zu denen des Vorgängerreports von 2020, die Erhebung erscheint alle vier Jahre.

Als Nachrichtenquelle seien soziale Medien die Nummer eins geworden. Was die Jugendlichen dort nicht sehen, erreiche sie oft gar nicht. Politische Nachrichten würden demnach nur beiläufig konsumiert. Die Gefahr, Fake News zu konsumieren, sei den befragten Jugendlichen bewusst, aktiv recherchierten die meisten aber nicht.

Zweckoptimismus statt Enthusiasmus

Der hohe Stellenwert der sozialen Medien sei auch im Hinblick auf die EU-Wahlergebnisse bemerkenswert, sagt Marc Calmbach, Geschäftsführer des Sinus-Instituts. Die AfD sei dort wesentlich präsenter als andere Parteien, erreiche also auch viel mehr Jugendliche. Dennoch hält es der Sozialforscher für unwahrscheinlich, dass die jungen Wähler tatsächlich mehrheitlich einem rechtsextremen Weltbild zugeneigt sind, selbst unter den sechzehn Prozent AfD-Wählern denke nicht jeder extremistisch.

Außerdem sei vor allem bei jüngeren Menschen das Wahlverhalten volatil, die Bereitschaft für eine Protestwahl größer. Und Parteien in Regierungsverantwortung könnten Bürger generell schneller enttäuschen als eine Oppositionspartei wie die AfD. Das könnte überdies erklären, warum bei der Europawahl auch Kleinstparteien wie Volt überdurchschnittlich gut bei den Jungen abschnitten.

Der für die junge Generation typische Optimismus sei nicht komplett verloren gegangen, oft aber einem Zweckoptimismus gewichen, heißt es in der Studie weiter. An die Stelle von Enthusiasmus sei vielfach Realismus getreten – auch weil die Befragten, „seit sie denken können“, mit vielfältigen Krisen leben. Es gebe also weniger Sehnsucht nach einer als besser erlebten Vergangenheit. Auffällig in den Ergebnissen ist die hohe Sensibilisierung und Toleranz für die Genderthematik, für verschiedene Kulturen und Lebensentwürfe. Generell seien die Jugendlichen heute aufgeschlossener als früher.

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