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Sinti und Roma:Alte Vorurteile, neue Angriffe

Auschwitz-Birkenau, Ort des Grauens und des Gedenkens.

(Foto: imago stock&people)

Zum Holocaust-Gedenktag beklagt der Zentralrat anhaltende Diskriminierung. Heute findet sie sich etwa in Verschwörungstheorien in der Corona-Pandemie.

Von Francesca Polistina

Zwischen März 1943 und Juli 1944 deportierte die SS rund 23 000 überwiegend deutsche Sinti und Roma nach Auschwitz, in einen für sie eingerichteten Abschnitt des Lagers, von der Nazi-Propaganda "Zigeuner-Familienlager" genannt. Die Sinti und Roma kamen aus elf europäischen Ländern, fast alle fanden den Tod - in den Gaskammern oder als Folge von Unterernährung, Krankheiten, Misshandlungen. Am 2. August 1944 wurde das Lager endgültig aufgelöst: Einige Inhaftierte wurden in andere Konzentrationslager verschleppt, die letzten 4300 Verbliebenen ermordet. Das war vor 76 Jahren, die Diskriminierung und Ausgrenzung dieser Minderheit ist allerdings keine Geschichte von gestern. "Der Antiziganismus ist Realität", sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma.

Heute gilt der 2. August als "Europäischer Holocaust-Gedenktag für die Roma", erst vor fünf Jahren hat das europäische Parlament diesen ausgerufen - lange wurde um diese Anerkennung gekämpft. Der Tag soll der halben Million Sinti und Roma gedenken, die im NS-besetzten Europa ermordet wurden. Der Genozid findet im Holocaust-Narrativ wenig Beachtung, jahrzehntelang wurde er aus der öffentlichen Erinnerung verdrängt und selbst aus den Gedenkstätten ausgeschlossen. Das hat Gründe: Vorurteile und Feindseligkeiten gegenüber der Minderheit sind tief in der europäischen Geschichte verankert. Erst die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in den Siebziger- und Achtzigerjahren führte zu einem breiteren Bewusstsein, 1982 erkannte die Bundesrepublik offiziell den nationalsozialistischen Massenmord an Sinti und Roma an. Sie nennen den Genozid "Porajmos", auf Romani bedeutet das "Verschlingung" oder "Zerstörung".

Verschwörungstheorien in der Corona-Pandemie richten sich auch gegen Sinti und Roma

Circa 70 000 Sinti und Roma leben Schätzungen zufolge in Deutschland, sie gelten somit als größte der vier nationalen Minderheiten, die vom Innenministerium als solche anerkannt und geschützt werden, neben den Dänen, den Friesen und den Sorben. Für Romani Rose hat sich auf politischer Ebene mittlerweile viel Positives getan, ein Beispiel dafür ist die Unabhängige Kommission Antiziganismus, die von der Bundesregierung berufen wurde und beim Innenministerium tagt. "Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es hingegen noch viele Klischees und Vorurteile, obwohl die deutschen Sinti schon seit 700 Jahren in Deutschland leben", sagt Rose. Corona-Verschwörungstheorien, als etwa rumänische Arbeiter für die Infektionen beim Großschlachter Tönnies verantwortlich gemacht wurden, haben ihn daher nicht verwundert: "Dass, wenn es zu Seuchen und Epidemien kommt, Juden sowie Sinti und Roma beschuldigt werden, kennen wir schon aus der Geschichte."

In osteuropäischen Ländern, etwa in Rumänien und Bulgarien, ist die Lage für Sinti und Roma noch schlimmer, sie werden systematisch ausgegrenzt, erleben Ausbeutung und Gewalt, wie Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt und zuständig für Angelegenheiten der Sinti und Roma, sagt. Er nennt die Situation für die Minderheit in Europa "besorgniserregend". Deshalb habe die Gleichstellung der Sinti und Roma für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft "eine hohe Priorität". Im Oktober wird die Europäische Kommission die neue EU-Rahmenstrategie für die gleichberechtigte Teilhabe von Sinti und Roma vorlegen, Roth will sich im Rahmen der EU-Präsidentschaft dafür einsetzen. "Deutschland trägt aus historischen Gründen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Volk", so Roth.

An diesem Sonntag wird der Gedenktag vor allem virtuell stattfinden, mit einer kleinen Delegation wird Romani Rose dennoch nach Auschwitz fahren, zusammen mit Josef Schuster, dem Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, und Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche - zum gemeinsamen Gedenken an den Völkermord. "Das historische Erinnern ist eine Verpflichtung zur Menschlichkeit", sagt Rose.

© SZ vom 01.08.2020
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