Simone Peter "Das ging von Verleumdung bis Gaskammer"

Simone Peter begann ihre politische Karriere mit Umwelt-Themen. Sie fordert den Ausbau erneuerbarer Energien und den Kohleausstieg.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Grünen-Chefin Simone Peter musste nach ihrer Kritik am Kölner Polizeieinsatz viel einstecken, berichtet sie. Die Biologin vom linken Parteiflügel wirkt schon länger glücklos.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Wer die Facebook-Seite von Simone Peter besucht dieser Tage, kann den Eindruck gewinnen, da stehe jemand kurz vor dem Ende der Karriere. Im Minutentakt prasseln Beschimpfungen auf die Parteichefin der Grünen nieder. "Wann kommt der Rücktritt?", wird da gefragt. Oder virtuell gebrüllt: "Sie sollten sich einfach nur schämen!!!" Drei Ausrufezeichen.

Das sind die harmloseren Kommentare, die Peter wie ein Insektenschwarm verfolgen, seit sie den Polizeieinsatz in der Kölner Silvesternacht hinterfragte. Am Neujahrstag sagte sie der Rheinischen Post, das Großaufgebot der Polizei habe sexuelle Übergriffe wie vor einem Jahr verhindert. Es stelle sich aber die Frage nach der "Verhältnis- und Rechtmäßigkeit" des Einsatzes. Es seien "knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt" worden. Was bei Peter nach einer Tatsache klang, war zum Zeitpunkt des Interviews nur ein böser Verdacht. Er stützte sich auf Journalisten und Passanten, die beobachtet hatten, wie die Polizei Männer mit vermutetem Migrationshintergrund am Kölner Hauptbahnhof von vermeintlichen Mitteleuropäern trennte und in einem Polizeikordon festhielt. Die Polizei bedachte sie mit dem Kürzel "Nafris", was für "nordafrikanische Intensivtäter" steht. Bald kursierte der Verdacht des Racial Profiling, der Kontrolle nur aufgrund des Aussehens.

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Simone Peter, das räumt sie inzwischen ein, gehörte zu den ersten, die sich auf den Vorwurf des Racial Profiling festlegten. "Ich muss eingestehen, dass die Faktenlage am Sonntag noch dünner war als nach der Stellungnahme der Polizei am Montag", sagte sie der Süddeutschen Zeitung. "Aus Nordrhein-Westfalen gab es danach auch die Bitte, das zuerst dem Landesverband zu überlassen. Das nehme ich gerne an." Peter ist mit aller Kraft zurückgerudert, doch was in der Partei geschah, ist so schnell wohl nicht zu reparieren. Denn die erste Wortmeldung der Parteichefin setzte eine kollektive Absetzbewegung in Gang. Erst lobte ihr Erzrivale, Parteichef Cem Özdemir, den Polizeieinsatz im Interview - und macht damit überdeutlich, dass er Peters Polizeikritik nicht teile. Dann distanzierte sich Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, dann die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic.

Selten ist eine Parteichefin so abgewatscht worden, selten war das öffentliche Begleitkonzert so gehässig. "Dumm, dümmer, Grüfri", höhnte Bild, gemeint: Peter. Grüfri stehe für "Grün-fundamentalistisch-realitätsfremde Intensivschwätzerin", erklärte das Blatt etwas bemüht. Simone Peter ist über Nacht bekannter geworden, als ihr lieb ist. "Mit sachlicher Kritik kann ich leben", sagte sie am Dienstag, noch hörbar geschüttelt. "Aber vieles, was jetzt im Netz gepostet wird, ist unglaublich frauenfeindlich und rassistisch. Das ging von Verleumdung bis Gaskammer." Sie wird Anzeige erstatten.

Die 51-jährige Saarländerin, Biologin und eigentlich Umweltpolitikerin, hat ohnehin einen schweren Stand. Parteifreunde vermissen in ihren forschen Botschaften bisweilen Differenzierung, die feinen Zwischentöne. Nach der Hetze, die nun über sie hereinbricht, bemühen sich aber auch Konkurrenten wie Özdemir um milde Töne. Er will sich nicht nachsagen lassen, er sei frontal auf Peter losgegangen. "Quatsch, wir haben gemeinsam eine Position klargestellt", sagte er der SZ. Fragt man Özdemir, was Peters Fehler war, sagt er: "Es ist immer gefährlich, so zu tun, als wüsste man sofort, was passiert ist, ohne alle relevanten Informationen zu haben." Unnötige Eile in der Kommentierung sei aber auch ihm selbst nicht ganz fremd und gehe "uns alle etwas an in der Politik".

Und der Verdacht des Racial Profiling? Er soll nun zweifelsfrei geklärt werden, trotz allem. Das kündigte neben Özdemir auch Grünen-Politiker Volker Beck an. Es sei "richtig und wichtig, dass den Fragen, die sich aus der Berichterstattung ergeben, noch weiter nachgegangen wird", sagte er.

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