Süddeutsche Zeitung

Sicherheitspolitik:Vereiteltes Attentat schürt Unruhe zwischen USA und Indien

Washington soll die geplante Ermordung eines Sikh-Separatisten in den USA verhindert haben. Was der Fall für die Beziehungen der Länder bedeutet.

Von Christian Zaschke, New York

Die Warnung war diskret und gelangte zunächst nicht an die Öffentlichkeit: Bereits in diesem Sommer hat sich die US-Regierung laut Medienberichten auf diplomatischen Kanälen in einer brisanten Angelegenheit an Indien gewandt. Demnach liegen den US-Geheimdiensten Hinweise darauf vor, dass die indische Regierung an Plänen für ein Attentat auf einen Sikh-Separatisten auf amerikanischem Boden beteiligt war. Die Financial Times hat darüber zuerst unter Berufung auf nicht genannte Regierungsquellen berichtet. Das Attentat sei vereitelt worden.

Ziel des geplanten Angriffs soll ein Mann namens Gurpatwant Singh Pannun gewesen sein, der die amerikanische und die kanadische Staatsbürgerschaft besitzt. Pannun ist Mitglied einer Organisation namens "Sikhs for Justice" (Sikhs für Gerechtigkeit), die in Indien verboten ist. Die separatistische Gruppe will einen unabhängigen Staat in Indien und Pakistan errichten.

Die Regierung Modi sagt Untersuchungen zu

Der Nationale Sicherheitsrat der USA hat den Vorgang mittlerweile bestätigt. Sprecherin Adrienne Watson sagte: "Wir nehmen die Angelegenheit ausgesprochen ernst. Die US-Regierung hat sich an die indische Regierung gewandt, es wurde auf höchster Ebene kommuniziert." Ob das bedeutet, dass US-Präsident Joe Biden mit dem indischen Premierminister Narendra Modi über das Thema gesprochen hat, blieb zunächst unklar.

Laut Watson habe die indische Seite sich überrascht und besorgt geäußert. "Sie haben mitgeteilt, dass ein derartiges Vorgehen nicht Teil ihrer Politik sei", sagte sie. Die indische Seite wolle den Vorgang nach eigenen Angaben näher untersuchen und werde womöglich in den kommenden Tagen mehr dazu mitteilen.

Auch das indische Außenministerium hat den Kontakt in der Angelegenheit bestätigt. In einem Statement heißt es: "Die US-Seite hat einige Einsichten geteilt, die die Verbindung von Kriminellen, Waffenschiebern, Terroristen und anderen betreffen. Diese Einsichten sind für beide Länder Grund zur Sorge, und es wurde beschlossen, die notwendigen weiteren Maßnahmen zu ergreifen."

Indien als Gegenpol zu China

Die USA haben Indien nicht offiziell beschuldigt. Das dürfte vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass Indien ein wichtiger strategischer Partner der Biden-Regierung ist, insbesondere als Gegenpol zu China. Erst im vergangenen Juni war Premierminister Narendra Modi zu Gast bei Joe Biden im Weißen Haus, es war ein Besuch mit allen Ehren. Zu diesem Zeitpunkt seien die Attentatspläne noch nicht bekannt gewesen, berichtet die Washington Post unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Das diplomatische Vorgehen der US-Regierung unterscheidet sich deutlich von dem Kanadas in einem ähnlich gelagerten Fall. Im September hatte der kanadische Premierminister Justin Trudeau die indische Regierung explizit beschuldigt, für die Ermordung eines Sikhs auf kanadischem Boden verantwortlich zu sein. Hardeep Singh Nijjar wurde in British Columbia getötet, er war kanadischer Staatsbürger. Indien wies die Vorwürfe empört zurück.

Die Beziehungen zwischen Kanada und Indien liegen seither weitgehend auf Eis. Beide Länder wiesen Diplomaten aus, eine Wiederannäherung geht nur schleppend voran. Als Zeichen des guten Willens hat Indien es kanadischen Staatsbürgern jüngst wieder erlaubt, elektronische Visa zu beantragen. In Kanada leben etwa 1,4 Millionen Menschen indischer Abstammung.

Gegen Gurpatwant Singh Pannun liegen in Indien mehrere Anklagen vor. Unter anderem wird er des Terrorismus beschuldigt. Der New York Times zufolge hat er in den vergangenen Wochen Drohungen gegen die Fluglinie Air India geäußert. Die Airline ist in der Vergangenheit Ziel eines Anschlags von Sikh-Separatisten gewesen. Die Äußerungen Pannuns hatten eine weitere Anklage zur Folge. Die Airline habe die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, teilten indische Behörden mit.

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