Sigmar Gabriel und die Parteibasis Millionen Menschen soll es besser gehen

Es geht doch nur um eine große Koalition, könnte man einfach sagen. Aber einfach darf nichts sein dieser Tage in der SPD. Deshalb legt auch Nahles eine ordentliche Portion Pathos in ihre Worte und sagt, worum es wirklich geht: "Können wir die Weichen stellen, damit es Millionen Menschen besser geht?" Das müsse der Anspruch sein. "Darum geht es", sagt Nahles. Zu ihr in die Filderhalle sind knapp 200 SPD-Mitglieder gekommen, wenn man mal ein wenig großzügig zugunsten der Partei schätzt.

Millionen Menschen soll es also besser gehen. Das Problem, das sich damit eröffnet, besteht darin, dass es womöglich mehrere Millionen sein müssen, denn die Basis der SPD ist nicht nur sehr anspruchsvoll, sondern ausgesprochen diversifiziert. Schon die erste Rednerin in Leinfelden, Leni Breymaier, macht deutlich, dass sie einen sehr individuellen Zugang wählen wird auf dem Weg zu ihrer Entscheidung im Mitgliedervotum: "Ich habe meine Leidenschaftsthemen. Und ich möchte, dass meine Leidenschaftsthemen im Koalitionsvertrag berücksichtigt werden." Wenn das so käme, würde sie zustimmen.

Es gibt an diesem Abend rund 30 Wortmeldungen. Lauter Leidenschaftsthemen. Nahles antwortet geduldig. Aber was die Leidenschaftsthemen angehe, warnt sie auch: "100 Prozent werden wir nicht schaffen, das kann ich jetzt schon sagen."

Bleibt noch die Frage, die von manchen offen gestellt wird und bei anderen nur mitschwingt: Wie könne die SPD vermeiden, aus dieser großen Koalition wieder so schlecht herauszukommen wie aus der letzten? Da wird auch Nahles einmal richtig hart: "Es stört mich, wenn hier so ein beknackter Angstdiskurs geführt wird in unserer Partei", schimpft sie. "Wenn wir kämpfen wollen für sozialdemokratische Themen, dann müssen wir da auch reingehen."

Gegen das, was Sigmar Gabriel am nächsten Tag in Bruchsal sagen wird, ist das allerdings noch sanft. Und ausgelöst wird die Suada nicht von einem der vielen älteren Herren, die sich zu Wort melden, sondern von einem jungen Genossen, der genau an diesem Samstag auch noch seinen 17. Geburtstag feiert. Er fragt nach Rot-Rot-Grün. Da klatschen gar nicht so viele Genossen, aber Gabriel nutzt die Gelegenheit trotzdem für eine, nun ja, Klarstellung.

"Die SPD hat ein folkloristisches Verständnis von der Linkspartei", sagt Gabriel und meint damit offensichtlich, dass sie immer noch für einen sozialdemokratischen Ableger gehalten werde. "Aber ich bin Vorsitzender der SPD und es gibt Gründe, warum ich glaube, dass die Linke keine sozialdemokratische Partei ist." In der Fraktion säßen Leute, die sich so sehr hassten, "dass man vielleicht noch einen Kanzler wählen könnte, aber diese Regierung würde nicht ein halbes Jahr überleben". Die Linke sei in sich tief gespalten, sagt Gabriel, sie akzeptiere die Schuldengrenze nicht und habe ein Geschichtsverständnis, das sich mit dem der Sozialdemokraten nicht decke. "Es geht doch nicht um Gregor Gysi, das ist ein netter Kerl", sagt Gabriel. "Aber die Partei ist doch völlig anders." 2017, vielleicht. Aber nicht die SPD müsse sich bis dahin ändern. "Die müssen sich ändern."

Ohne Rücksicht auf Verluste

Willy Brandt. Den zitiert Gabriel gerne in diesen Tagen. Diesmal ruft er den Satz in Erinnerung: "Besinnt Euch auf Eure Stärke." Da bekommt er einen Zwischenruf: Ja, wo ist denn die? Der kommt dem Parteichef gerade recht. Dass Stärke fehle, liege an den Fehlern, die man gemacht habe. Aber er meint damit nicht die Agenda 2010 oder anderes, was von der Basis gerne angeführt wird. Er meint, dass die Union die Ungerechtigkeit der fehlenden Rente für Mütter entdeckt habe, die vor 1992 Kinder bekommen haben. "Die SPD hat das mit vielen systematische Gründen abgelehnt", sagt Gabriel. "Das hatte nur mit der Lebenswirklichkeit der Menschen nichts zu tun." Und bei der Absenkung der kalten Progression sei es ähnlich gewesen. "Die Leute haben nur verstanden: Wir lehnen das ab."

Gabriel bekommt Applaus, aber auch weitere Zwischenrufe. Auch die pariert er ohne Rücksicht auf Verluste: "Hermetisch" wirke die Partei in ihrer Art zu debattieren. "Bei der CDU geht's immer ums Regieren. In der SPD geht's immer um's Recht haben`, sagt Gabriel. Und fügt sarkastisch hinzu: "Das könnte der Grund sein, warum die länger regieren."

Und weil er gerade dabei ist, räumt Gabriel auch noch alle anderen Optionen beiseite, die ihm die Skeptiker in der SPD hinhalten, die aber aus seiner Sicht nur dazu dienen sollen, "dass wir nicht in die Regierung gehen". Nicht in die Verantwortung. "Schwarz-Grün im Bund, damit wir es netter haben? Minderheitsregierung der Union? Seid mir nicht böse: Ich weiß gar nicht, warum Frau Merkel in eine Minderheitsregierung gehen soll. Dann gibt es eben Neuwahlen. Und wer glaubt, danach steht die SPD besser da, der ist ein großer Optimist."

Danach arbeitet Gabriel noch die Fragenliste ab. Als sei nichts gewesen.