Sigmar Gabriel in München "Gelegentlich ärgere ich meine Partei"

Cool, jovial, professoral: Sigmar Gabriel - hier bei einer anderen Veranstaltung - stellt in München sein Buch vor.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Sigmar Gabriel tritt öffentlichkeitswirksam in München auf - einen Tag nach dem Altkanzler Schröder ein politisches Comeback ins Spiel brachte.
  • Gabriel folgt der Einladung des Bundestagsabgeordneten Florian Post, der der Parteivorsitzenden Andrea Nahles kritisch gesinnt ist.
  • Über einer Rückkehr in die aktive Politik sagt Gabriel nichts. Nur so viel: "Wenn Sie in der SPD sind, dann brauchen Sie Humor."
Von Lars Langenau, München

Die Welt, wie wir sie kennen, droht zu verschwinden. Erst kündigen die USA das Raketenabkommen INF, dann ziehen die Russen nach. 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges droht ein erneutes atomares Wettrüsten.

Ein guter Moment für einen ehemaligen Außenminister, um zu erklären, was da gerade los ist. Zumal einen Tag zuvor Altkanzler Gerhard Schröder, 74, seinen einstigen Zögling im Spiegel mit den Worten lobte: "Sigmar Gabriel ist vielleicht der begabteste Politiker, den wir in der SPD haben". Schröder hatte den Wunsch geäußert, Gabriel möge wieder eine stärkere Rolle in der SPD spielen. Der Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post, 37, sieht das ähnlich. Er hatte Sigmar Gabriel am Samstagvormittag nach München ins Literaturhaus eingeladen. 300 Besucher kamen, an der Basis scheint Gabriel immernoch gefragt.

Sigmar Gabriel, der Mann aus Goslar, war schon vieles: Ministerpräsident, Umwelt-, Wirtschafts- sowie Außenminister, Vize-Kanzler. Und - für heutige Verhältnisse - ziemlich lange SPD-Chef: von 2009 bis 2017. Ganz oben war er allerdings nie. Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte er Martin Schulz den Vortritt gelassen. Das Ergebnis ist bekannt. Die SPD wird in aktuellen Umfragen bei 15 Prozent gehandelt. In Bayern würde es aktuell sogar darum gehen, ob die Partei überhaupt noch in den Landtag kommt.

Mal cool, mal professoral

Doch um den miserablen Zustand der SPD geht es an diesem regnerischen Vormittag in München nicht. Und auch Parteichefin Andrea Nahles wird kein einziges Mal erwähnt, wenngleich die Politik der unglücklich agierenden SPD-Chefin im Raum steht. Vielmehr geht es darum, dass Florian Post mit Sigmar Gabriel "diskutieren" soll, so hieß es zumindest in der Einladung. Und zwar über Gabriels aktuelles Buch "Zeitwende in der Weltpolitik - Mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten". Eine Diskussion wird es dann aber eher nicht. Eine Lesung, wie Gabriels Verlag Herder die Veranstaltung angekündigt hatte, aber auch nicht. Vielmehr bietet Post Gabriel eine Bühne, stellt ausschließlich freundliche Fragen und so kann Gabriel mal cool, mal jovial, mal professoral dozieren.

Die Zeit, nachdem Gabriel von seinem geliebten Job als Außenminister (unfreiwillig) abgelöst wurde, nutzte er zum Verfassen eines Buches. In dem schreibt er, dass alles, was für die Deutschen seit Jahrzehnten sicher erschien, sich gerade rasant verändert: "Die USA fühlen sich nicht mehr für unsere Sicherheit verantwortlich. Die europäische Einigung ist nicht mehr selbstverständlich. Die jetzt anstehenden Entscheidungen über unseren Weg sind jenseits der politischen Routine. Europas Einigung und seine internationale Bedeutung hängen zentral von der Frage ab, wie sich Deutschland dazu verhält." Florian Post im Literaturhaus lobt denn auch: "Lieber Sigmar, an Aktualität ist Dein Buch nicht zu überbieten" - und überlässt seinem Parteifreund für die kommenden zwei Stunden das Wort. Und so erfährt man viel über Sigmar Gabriels Ansichten zur gegenwärtigen Außenpolitik und die Krisenherde in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.

USA nicht mehr "Weltpolizist"

Über Russland sagt er, es sei nur ein "Obervolta mit Atomwaffen" unter dem Gelächter der Anwesenden. Über die Aufkündigung des INF-Vertrages sagt er, dass diese vor allem daran liege, dass Russland und die USA nun China als gemeinsamen Gegner haben, weil China nach 600 Jahren selbstgewählter Isolation nun nach einer Führungsrolle in der Welt greife. Er erwarte daher, dass die Vereinigten Staaten 2021 auch den auslaufenden Vertrag über Langstreckenraketen nicht verlängern werden.

Laut US-Präsident Donald Trump wollen die USA nicht mehr der "Weltpolizist" sein. Das sei "nicht durchgeknallt", sondern eine konsequente Durchsetzung Trumpscher Wahlversprechen. "Man kann von Trump lernen, wie man Dinge infragestellt." Der US-Präsident verstehe die Welt als "Arena, Kampfbahn", bei der nur die stärkste Nation mit einem "starken Deal" gewinne. "America first" sei im vollen Gang und in seiner Vollendung stehe die Welt ohne Ordnungsmacht da. Das würden wir alle noch zu spüren bekommen und zwar bald. Gabriel: "In der Mitte des Orkans ist es windstill."

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Es mache ihn "nervös, wenn Deutschland danebensteht und nichts sagt", meint Gabriel. Nach zwei Weltkriegen habe die Welt, die USA, aber vor allem seine Nachbarländer darauf geachtet, dass "Deutschland nicht wieder auf dumme Gedanken" komme. Heute aber sehe er die größte Gefahr in der "Dominanz des Nicht-Handelns", sagt der SPD-Mann Gabriel. Dies sei umso gefährlicher, da die "USA nach 70 Jahren den Blick von Europa nach China wenden" würden. Bereits unter US-Präsident Barak Obama seien die Vereinigten Staaten dabei, sich von "einer transatlantischen Nation in eine pazifische Nation" zu wandeln und sich aus Europa zurückzuziehen.