Süddeutsche Zeitung

CDU und SPD:Angela Merkel und Sigmar Gabriel - ein seltsames Paar

Zwei, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten - und die sich trotzdem meistens gut verstanden. Auch Gabriel zu Ehren war Merkel in Goslar, für einen Abschiedsbesuch.

Der Ehrenbürger führt die Bundeskanzlerin sichtlich stolz durch seine Heimat. Vor dem Zinnfiguren-Museum der Stadt Goslar bleiben Sigmar Gabriel und Angela Merkel stehen, der ehemalige Vizekanzler deutet auf die andere Seite eines kleinen Flusses und erklärt Merkel das Gebäude. Als der Tross weiterzieht, teilt die Kanzlerin Journalisten mit, dass es sich um die Schule handele, die Sigmar Gabriel besucht hat. Ob sie finde, dass sich sein Schulbesuch ausgezahlt habe, wird sie gefragt, und antwortet postwendend: "Es hätte schlimmer kommen können." Da lacht auch der Ehrenbürger.

Angela Merkel und Sigmar Gabriel sind denkbar unterschiedliche Typen: Sie selbstbeherrscht, er emotional; sie beharrlich, er umtriebig; sie eine eher umständliche Rhetorikerin, er ein mitreißender Redner. Merkel hat sich über Gabriel geärgert, Gabriel hat Merkel kritisiert. Sie ist Kanzlerin geworden, er hat sich nicht getraut. Gabriel hat zwei andere Kanzlerkandidaten aufgeboten Merkel zu stürzen. Merkel hat viele Jahre lang nur einen Kanzlerkandidaten besonders gefürchtet: Gabriel. Und trotzdem haben sie sich gut verstanden.

Bei allen Unterschieden war es nicht zuletzt der Humor, der sie verbunden hat. Beide neigen zu Schnodderigkeit und Selbstironie. Auf der Regierungsbank im Bundestag hat Merkel mit keinem Vizekanzler während stundenlanger Debatten so viel gescherzt und gekichert wie mit dem Niedersachsen. Im Parlament wie auch jetzt beim Empfang des Oberbürgermeisters von Goslar ist unverkennbar: Da mögen sich zwei. Gabriel ist mit Merkel besser ausgekommen als mit den meisten seiner eigenen Leute in der SPD. Das sagt er selbst. Und auch ihr dürfte Gabriel menschlich näherstehen als mancher Christdemokrat.

Merkel in Goslar, das ist nicht nur der Besuch einer Kanzlerin in einer geschichtsträchtigen Stadt. Hier geht auch eine gemeinsame Geschichte zweier Politiker zu Ende, die 2005 begann, als Merkel Kanzlerin und Sigmar Gabriel von der SPD als Umweltminister in ihr erstes Kabinett entsandt wurde. Merkel hat ihren Abschied für spätestens 2021 angekündigt. Sigmar Gabriel ist von seiner Partei bereits von wichtigen Posten wegsortiert worden. Er ist jetzt Zeitungskolumnist mit einem Bundestagsmandat, das er nur noch mit sehr begrenztem Elan wahrnimmt, wie er jüngst selbstkritisch gegenüber der Bild am Sonntag einräumte. In diesem Sommer will er prüfen, ob er sogar vorzeitig aus dem Parlament ausscheidet. Merkel in Goslar, das ist ein Abschiedsbesuch nach fast 14 gemeinsamen Jahren - eine sehr persönliche Geste der Kanzlerin.

Für Merkel wie für Gabriel war es am Anfang ziemlich knapp. Sie hätte trotz des riesigen Vorsprungs in den Umfragen beinahe noch die Bundestagswahl 2005 verloren. Er war nicht wirklich ein heißer Kandidat für einen Ministerposten. Der damalige SPD-Chef Franz Müntefering hat letztlich beide zusammengeführt, weil er erst die SPD zur großen Koalition überredete und dann Gabriel ins Kabinett schickte. Das Amt des Umweltministers sollte Gabriel, der als Ministerpräsident in Niedersachsen gescheitert war, rehabilitieren. Müntefering sah in ihm Talent und Selbstgefährdung in einer Person. Und eine gewisse Ambivalenz zwischen Fleiß und Nonchalance blieb erhalten: Gabriel stürzte sich in die Arbeit - und fehlte binnen vier Jahren doch in 45 Kabinettssitzungen, wie die Kanzlerin einmal vorrechnete.

Merkel und Gabriel erklärten den Klimaschutz damals zu einem bedeutenden Thema und reisten zusammen nach Grönland für die passenden Bilder von Politikern in roten Daunenjacken vor schmelzenden Eisbergen. Gabriel übernahm die Patenschaft für den Eisbären Knut im Berliner Zoo - und bildete sich ein, dass Merkel ihn um diesen Coup beneide, weil er ihr nicht eingefallen sei. Doch über die Jahre litt der Ruf der Klima-Kanzlerin, und auch der ehemalige Umweltminister vertrat als Wirtschaftsminister plötzlich andere Interessen.

In Goslar erleben beide nun Jahre später den Protest gegen die mangelhaften Fortschritte im Klimaschutz, die auch ihr gemeinsames Scheitern dokumentieren: Draußen vor der Kaiserpfalz demonstriert die Fridays-for-Future-Bewegung, drinnen räumt Merkel vor Schülerinnen und Schülern ein, dass der Youtuber Rezo mit seiner Kritik an der Klimapolitik recht gehabt habe.

Steinmeier war Gabriels größter Erfolg über Merkel

Auch wenn ihm der Mut zum Kanzleramt fehlte, den Willen zur Macht hat Gabriel wie Merkel. Opposition ist Mist, den Leitsatz seines Förderers Müntefering, hat auch Gabriel verinnerlicht. 2013 überredete er die SPD mit hohem Einsatz zu einer zweiten großen Koalition unter Merkel. Im Wahlkampf hatte er sie stets "Frau Kanzlerin" genannt, auch weil sich das leichter schimpfen ließ. Nach den Koalitionsverhandlungen sprach er plötzlich von "Frau Dr. Merkel". Die SPD setzte in jener Legislaturperiode den Mindestlohn durch, der Parteichef seinen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten: Frank-Walter Steinmeier. Dieser Coup war wahrscheinlich Gabriels größter Sieg über Merkel.

2017 war Gabriel - inzwischen Außenminister - unter den führenden Sozialdemokraten der einzige, der die ursprüngliche Festlegung gegen eine Neuauflage von Schwarz-Rot verständlich, aber falsch fand. Er fürchtete, die SPD werde in der Opposition zerrieben. Aber er dachte natürlich auch an sich: Er kenne "keinen Minister, der nicht gerne Minister bleiben möchte", sagte Gabriel damals in kleiner Runde. Die große Koalition kam tatsächlich nochmal, Merkel blieb Kanzlerin, aber der Minister nicht Minister.

Und plötzlich steht da in Goslar die Marie. Sie ist die Tochter von Sigmar Gabriel. Am Morgen hat sie in der Zeitung das Bild Merkels gesehen und die Ankündigung ihres Besuches. Offenbar hat der Herr Papa zumeist Gutes über die Kanzlerin erzählt. Jedenfalls habe Marie gesagt, sie wolle mit zu Merkel, berichtet Gabriel später. Also hat er sie nach der Schule abgeholt und nun steht sie vor dem früheren Erzbergwerk auf dem Rammelsberg und darf Merkel als erste die Hand geben. "Der Papa hat mir schon viel von Dir erzählt", sagt die Kanzlerin. Nicht nur ihr.

Marie ist zweimal ungefragt eine Art Politikum geworden: das erste Mal, als Gabriel seine Vaterrolle ziemlich öffentlich auslebte und 2014 ankündigte, jeden Mittwoch nach dem Kabinett nach Goslar fahren zu wollen, um die Tochter vom Kindergarten abzuholen. Das zweite Mal spielte Marie eine Rolle, als Gabriel im Frühjahr 2018 seinem Ärger über Martin Schulz Luft machte, der nach den Koalitionsverhandlungen das Außenministerium für sich beanspruchte. Da habe, so Gabriel, Marie zu ihm gesagt: "Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht." Später hat sich Gabriel bei Schulz entschuldigt.

Bemerkenswert an Merkels Sympathie für Gabriel ist auch, dass sie sich mit anderen Sympathien der Kanzlerin eigentlich nicht verträgt. Nach dem plötzlichen Rückzug von Andrea Nahles aus der Politik fand Merkel für ihre ehemalige Arbeitsministerin - anders als viele Sozialdemokraten - auch persönliche Worte: Nahles habe "einen feinen Charakter", so die Kanzlerin. Freilich fühlte sich Nahles von wenigen Genossen so unter Druck gesetzt wie von Sigmar Gabriel. Und trotzdem erweist Merkel ihm nun mit dem Besuch in seiner Heimatstadt die Reverenz.

Als die Kanzlerin mit den Jugendlichen in der Kaiserpfalz diskutiert, ist Gabriel nicht dabei. Er bringt Marie zum Ballett. Er lebt jetzt sein Dasein als Privatmann aus, steht später mit Sonnenbrille an einer Straßenecke und beobachtet den Auflauf, der sich um Merkel gebildet hat. "Sie wird als große Kanzlerin in die Geschichte eingehen", sagt Gabriel. Diesmal kein Scherz.

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