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Sierra Leone:Hände weg

Das westafrikanische Land nimmt den Kampf gegen sexuelle Gewalt auf.

Einige Mädchen hatten sich den Bauch abgebunden, weil niemand ihre Schwangerschaft bemerken sollte. Andere wurden von ihren Lehrern abgetastet und gezwungen, in der Schule einen Schwangerschaftstest zu machen. Ihre Schicksale stehen für die Zehntausender schwangerer Mädchen in Sierra Leone, einem kleinen Land in Westafrika, das für Blutdiamanten bekannt ist und wo der Bürgerkrieg nicht einmal 20 Jahre her ist.

Weil die Regierung ihnen unterstellte, mit ihrem runden Bauch einen schlechten Einfluss auf Gleichaltrige auszuüben, war es den Mädchen seit 2015 verwehrt, die Schule zu besuchen. In sogenannten alternativen Schulen, außer Reichweite von ihren Mitschülern, wurde den jungen Müttern eine abgespeckte Version des Lehrplans vermittelt.

Die damalige Regierung behauptete, schwangere Mädchen würden andere ermutigen, ebenfalls schwanger zu werden. Solche Standards galten allerdings nur für künftige Mütter: Männliche Schüler mussten keine moralische Vorbildfunktion erfüllen. So durften die minderjährigen Väter auch weiterhin am regulären Unterricht teilnehmen, während die Mädchen isoliert wurden.

Mittlerweile können die schwangeren Mädchen in Sierra Leone wieder in dieselben Klassen wie ihre Altersgenossen gehen. Ein Regionalgericht der Westafrikanischen Staatengemeinschaft (Ecowas) bezeichnete das Verbot kürzlich als diskriminierend. Die Menschenrechtsanwältin Sabrina Mathani, die viele Fälle fünf Jahre lang dokumentierte, veröffentlichte nach dem Urteil einen Aufsatz, dem zufolge die meisten unfreiwillig so jung Mutter wurden. Die Mehrheit wurde während der Ebola-Epidemie 2014 schwanger. Damals schloss die Regierung viele Schulen, um das Virus einzudämmen. Das Land erlebte daraufhin einen dramatischen Anstieg sexueller Gewalt. Vor allem in Quarantäneeinrichtungen waren Frauen und Mädchen schutzlos.

Sierra Leone hat nicht erst seit der Ebola-Epidemie ein Problem mit sexueller Ausbeutung. Mädchen werden oft früh verheiratet und missbraucht. Doch seit einiger Zeit ändert sich die öffentliche Debatte, nachdem im Jahr 2018 ein besonders schockierender Fall öffentlich wurde. Damals wurde über ein fünfjähriges Mädchen berichtet, das seit einer Vergewaltigung von der Taille abwärts gelähmt ist. 2018 wurden doppelt so viele sexuelle Übergriffe wie im Jahr zuvor gemeldet, ein Drittel der Opfer waren minderjährige Mädchen.

Julius Maada Bio, der im selben Jahr Präsident wurde, geriet unter Druck, etwas gegen die grassierende sexuelle Gewalt zu tun. Er rief deshalb sogar den Notstand aus, und First Lady Fatima Bio brachte die Kampagne "Hände weg von unseren Mädchen" auf den Weg. Es müsse das Ziel sein, allen Mädchen Bildung zu ermöglichen. "Kein Kind verdient es, seine Chancen im Leben zu verlieren, weil ein Erwachsener oder ein Gleichaltriger, der es besser wissen sollte, ihm ein Kind beschert", sagte Präsident Bio nach dem Urteilsspruch. Auch Anwältin Mathani ist zuversichtlich: Die Entscheidung sei ein Sieg im Kampf um die Rechte von Mädchen und werde nicht nur für Westafrika, sondern für den ganzen Kontinent Folgen haben.

© SZ vom 04.02.2020
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