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Siemens und Alstom:Hochzeit der Erzfeinde

Lange haben sich die deutschen und die französischen Bahnbauer bekämpft, sie stritten sich sogar über die Qualität der Zugtoiletten. Nun aber umarmen sie sich - sehr vorsichtig.

Wahrscheinlich ist es nur einer dieser komischen Zufälle, dass die Franzosen ein Konferenzzentrum an der Pariser Avenue de Iéna gebucht haben, um die Fusion mit den Deutschen zu verkünden. Der Straßenname erinnert daran, dass Napoleon einst bei Jena die Preußen besiegte. Und Siemens, jener Konzern, der seine Zugsparte mit dem französischen Rivalen Alstom zusammenlegen will, ist ein Unternehmen mit preußischen Wurzeln. Aber das ist Geschichte, genau wie die früher teils hasserfüllte Rivalität zwischen Siemens und Alstom. Jetzt geht es darum, einen europäischen Zugchampion zu bauen, den zweitgrößten Bahnhersteller der Welt. Vorausgesetzt, die Kartellwächter sind einverstanden.

Siemens-Chef Joe Kaeser steht also am Mittwoch in Paris und sagt, Alstom sei "der beste Partner" für eine Fusion der Siemens-Bahnsparte. "Das ist ein Zusammenschluss unter Gleichen", betont er wieder und wieder. Es ist ihm wichtig, das zu sagen - obwohl Siemens eine knappe Mehrheit in dem neuen Unternehmen haben wird. Dann spricht Henri Poupart-Lafarge, der Alstom-Lenker, der bald ein Spartenleiter bei Siemens sein wird, und wiederholt, was sein künftiger Chef gerade gesagt hat. Nur eben, dass er es in französischem Englisch sagt und Kaeser in niederbayerischem Englisch.

Vergessen sind die bösen Worte von Poupart-Lafarges Vorgänger bei Alstom, der fand, Siemens sei "gerade gut genug für die Scheißhäuser in den Zügen". Die Gründung des "Schienen-Airbus", der es aufnehmen soll mit dem chinesischen Zuggiganten CRRC, soll harmonisch rüberkommen. "Der europäische Geist lebt", sagt Kaeser. "Das ist eine starke Botschaft in Zeiten wieder aufkommenden Nationalismus." Brennende Fragen nach Standorten und Jobs aber beantworten die neuen Freunde ausweichend. "Natürlich wird es Überlappungen geben", räumt Kaeser ein. "Da müssen wir ehrlich sein."

Zum Beispiel, wenn man - wie angekündigt - eine einheitliche Produktionsplattform für die Schnellzüge ICE und TGV anstrebt. Was das genau für die Mitarbeiter des Konzerns bedeutet? Darüber spricht niemand. Erst einmal gibt es Standortgarantien und einen Verzicht auf Kündigungen für mindestens vier Jahre. Und dann? Dies ist die Frage, die die Mitarbeiter bei Siemens und Alstom am meisten interessiert. Wenn gespart werden muss, dann bitte schön wo? Die Franzosen haben an die 33 000 Mitarbeiter, 3000 von ihnen in Deutschland. Bei Siemens sind es etwa 28 000 Mitarbeiter, die meisten von ihnen in Deutschland, vor allem in Krefeld, wo 2500 Beschäftigte den ICE bauen.

Es ist ein gigantisches europäisches Projekt, das hier entstehen soll, und entsprechend groß sind die Ängste auf beiden Seiten. In Frankreich reagieren die Gewerkschaften mit heftiger Kritik an der Regierung in Paris. Sie fürchten, dass mit der faktischen Übernahme durch Siemens Alstom-Jobs in Frankreich bedroht sind. "Das ist das Schlimmste, was uns passieren konnte", sagt Olivier Kohler von der Gewerkschaft CFDT. "Zwischen Siemens und Alstom gibt es überall Doppelungen. Das wird eine Restrukturierung und wahrscheinlich die Abschaffung Hunderter Stellen nach sich ziehen." Claude Mandart von der größten Alstom-Gewerkschaft CFE-CGC erklärt, der Schritt sei angesichts der Stärke des gemeinsamen chinesischen Rivalen CRRC zwar nötig. "Da aber Siemens die Mehrheit hält, gibt es keine Fusion unter Gleichen. Und die Deutschen verstehen es besser, ihre Industrie zu schützen."

Ist es wirklich so? In Deutschland ist Siemens-Aufsichtsrat und IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner zuversichtlich, will aber, dass sich die nächste Bundesregierung stärker einmischt. "In Frankreich laufen die Verhandlungen über den Élysée-Palast", sagt er. "Deswegen ist mir wichtig, dass wir auch die Unterstützung des Kanzleramts bekommen, weil wir nur so garantieren können, dass wir das Projekt künftig gleichgewichtig in Deutschland und Frankreich organisieren. Gerade wenn es um Themen wie Arbeitsplätze, Standorte, Forschung und Entwicklung geht, muss es gerecht zugehen." Was die Regierung noch tun könnte? "In Frankreich ist es eher Konsens, dass man Produkte wie den TGV auf dem Heimatmarkt kauft", sagt Kerner. "Die Deutsche Bahn dagegen eröffnet ein Einkaufsbüro in China." Ein bisschen mehr Frankreich also in Deutschland?

Alstom und Siemens, Frankreich und Deutschland - es soll ein europäisches Projekt werden. Auch wenn man nun damit rechnen könne, dass "Populisten wie etwa Politiker vom Front National in Frankreich oder von der AfD in Deutschland künftig verstärkt Stimmung machen werden", fürchtet Kerner. Aber: Es dürfe "jetzt kein Gegeneinander geben".

Als Wirtschaftsminister war der französische Präsident Emmanuel Macron noch gegen eine Fusion. Zu gegensätzlich seien die Kulturen. "Außerdem wären die sozialen Auswirkungen einer Zusammenführung kritisch, es liefe auf die Streichung vieler Stellen hinaus." Jetzt ist er Präsident und lässt die Fusion zu. Und Siemens-Chef Kaeser meint am Mittwoch, er wisse nicht, was Macron früher mal gesagt habe. "Aber ist das wirklich wichtig?"