Nach einem Messerangriff rund um das Stadtfest in Siegen erwägt NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mehr Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen. „Ich lasse gerade prüfen, ob es rechtlich möglich ist, aufgrund der bestehenden Rechtslage bei großen Festen auch Taschenkontrollen durchzuführen“, sagte Reul in Siegen. Er wolle nicht auf jedem Platz, jedem Sommer- oder Schulfest Taschenkontrollen, doch es gebe „zwischen pauschal und gezielt noch mehr“. Bei dem Messerangriff in einem Bus waren am Freitagabend sechs Menschen verletzt worden, drei von ihnen lebensgefährlich.
Reul warnte davor, die Ereignisse in Siegen und Solingen zu vergleichen. „Das, was hier in Siegen passiert ist, hat mit dem, was da ins Solingen passiert ist, gar nichts zu tun.“ Zwar seien beide Male Messer verwendet worden. „Aber es ist eben ein riesiger Unterschied, ob da ein Terrorist unterwegs ist oder ob eine deutsche Frau, die psychische Probleme hat, wahllos auf Menschen einsticht“, sagte Reul. Deshalb werde die Polizei ganz anders arbeiten müssen.
Hinweise auf psychische Erkrankung
Nach Informationen der Siegener Zeitung von Samstagmittag haben sich zwei der drei Schwerverletzten mittlerweile stabilisiert, eine Person schwebt weiter in Lebensgefahr. Eine Tatverdächtige war nach Angaben der Polizei noch am Freitagabend festgenommen worden. „Es besteht aktuell keine weitere Gefahr.“ Die 32-Jährige sei polizeibekannt. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa gibt es Hinweise auf eine psychische Erkrankung der Frau.
Der Bus war den Polizeiangaben zufolge mit mindestens 40 weiteren Fahrgästen besetzt und als Sonderlinie im Einsatz, um die Passagiere zu einem Stadtfest in Siegen zu bringen. Die Stadt feiert ihren 800. Geburtstag. Gegen 19.40 Uhr kam es zu dem Messerangriff. Mehrere Fahrgäste alarmierten die Polizei, Beamte nahmen die deutsche Verdächtige fest. Ein Sprecher der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd sagte der Siegener Zeitung, der Busfahrer habe geistesgegenwärtig reagiert, den Bus sofort nach dem ersten Tumult im Fahrzeug zum Stehen gebracht und alle Türen geöffnet. Das hätte den Fahrgästen eine schnelle Flucht aus dem Bus ermöglicht und vielleicht noch Schlimmeres verhindert.
Dem Zeitungsbericht zufolge befanden sich auch Kinder und Jugendliche in dem Bus. „Diese Tat hat bei uns allen absolute Fassungslosigkeit ausgelöst“, sagte der Siegener Bürgermeister Steffen Mues laut einer Mitteilung.
Von den sechs Verletzten seien zwei noch in der Nacht aus dem Krankenhaus entlassen worden. Eine weitere Frau habe sich selbst entlassen, sagte ein Polizeisprecher der dpa. Zum genauen Zustand der Verletzten wollte er sich nicht äußern. Sie sollen zwischen 16 und 30 Jahren alt gewesen sein. In einer Halle wurden in der Nacht laut Polizei 36 Fahrgäste betreut, Notfallseelsorger, Feuerwehr und Polizei waren vor Ort. Die Menschen, die zum Zeitpunkt des Angriffes in dem Bus waren, seien vernommen worden, hieß es.
Das Stadtfest soll trotz des Vorfalls weitergehen
Die Tat weckt Erinnerungen an den Anschlag auf dem Solinger Stadtfest vor genau einer Woche. Dort hatte ein Mann Menschen niedergestochen – und dabei drei getötet und acht weitere verletzt. Der mutmaßliche Täter, der 26-jährige Syrer Issa al-H., sitzt in Untersuchungshaft. Der „Islamische Staat“ bekannte sich zu dem Anschlag, auch ein Bekennervideo tauchte auf. Ermittler gehen nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR davon aus, dass der Mann in diesem Video „sehr wahrscheinlich“ Issa al-H. ist.
In Siegen leitet die Polizei Dortmund den Einsatz und appelliert an die Bevölkerung, keine Spekulationen anzustellen. „Uns liegen aktuell keine Erkenntnisse zu einem Terroranschlag vor. Bitte verbreiten Sie keine Falschinformationen“, schrieb die Polizei auf der Plattform X. Der Tatortbereich sei abgesperrt, es werden Spuren gesichert und Zeugen befragt, hieß es laut Mitteilung.
Die Stadt Siegen will ihr Stadtfest am Samstag trotz des Vorfalls fortsetzen. Die Veranstalter stützen sich bei ihrer Entscheidung nach Angaben der Stadt auf die „polizeilichen Erkenntnisse der Lage“. Laut Polizei besteht aktuell keine weitere Gefahr.

