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Sichuan:"Wenn Kunst nichts mit dem Leben zu tun hat, brauchen wir keine Kunst"

SZ: Und wie viele Schulen sind eingestürzt? Wir wissen, dass es mehrere Tausend waren, aber nirgends ist eine Aufstellung zu finden.

Ai: Es ist sehr interessant. Sie haben jetzt sogar begonnen, viele Schulen abzureißen, die bei dem Erdbeben überhaupt nicht beschädigt worden sind. Es soll keinen Vergleich mehr geben.

SZ: Und das Andenken an die Kinder soll gemeinsam mit den alten Schulen verschwinden?

Ai: Deshalb ist die Namensliste so wichtig. Wenn von diesen Kindern nur eine Zahl übrigbleibt, werden wir nie herausfinden, wer wo gestorben ist und warum. Mehr als die Hälfte der Eltern wissen nicht einmal, wo ihre Kinder begraben sind. Sie haben die Leichen nicht gesehen und leiden darunter bis heute. Die Leichen der Schulkinder wurden einfach abtransportiert. Die Krankenhäuser sagen, sie hätten sie nie bestattet. Wo genau sind diese Kinder geblieben?

SZ: Schwer vorstellbar, dass eine Regierung solche Fragen einfach ignorieren kann...

Ai: Die Regierung ist nur an neuen Bauarbeiten interessiert. So können sich korrupte Beamte in den kommenden Jahren an den riesigen Summen von Spendengeldern aus aller Welt bereichern.

SZ: Vieles von dem, was Sie da tun, wäre eigentlich die Arbeit der Medien.

Ai: Es ist ganz einfach. Es gibt in China keine Medien. Es gibt mutige Journalisten, die investigativ arbeiten, aber sie haben keine Kanäle zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse. Nur ganz selten werden Artikel veröffentlicht, bevor die Zensoren einschreiten können. Deshalb ist in China das Internet so wichtig.

SZ: Die Zensoren haben aber letzte Woche die Namensliste der gestorbenen Schulkinder aus Ihrem Blog gelöscht. War die ganze Arbeit nun umsonst?

Ai: Nein, wir machen weiter. Unsere Freiwilligen sind weiter im Erdbebengebiet unterwegs. Wenn einer von ihnen festgenommen wird, sind am nächsten Tag zehn neue Freiwillige am selben Ort.

SZ: Interessanterweise hatten viele Chinesen den Eindruck, dass die Regierung gut und schnell auf das Erdbeben reagiert hat. Auch im Ausland entstand dieser Eindruck. Ministerpräsident Wen Jiabao zum Beispiel war sehr schnell in das Katastrophengebiet gereist.

Ai: Ja, dass Wen selbst an den Ort der Katastrophe gereist ist, hat viele Menschen tief beeindruckt. Aber er hat dort nicht die Realität gesehen. Er besuchte beispielsweise eine Schule. Vor seinem Eintreffen bedeckten die örtlichen Beamten die Kinderleichen auf dem Schulhof mit einer Plastikplane. Als Wen auf die Plastikplane zeigte, sagten sie ihm: "Hier züchten wir Pilze." SZ: Sie sind Künstler. Was hat das alles mit Kunst zu tun?

Ai: In den vergangenen drei Jahren habe ich mich intensiv um Chinas soziale Probleme gekümmert. Ich frage mich ständig, wie ich als Künstler eine neue Sprache für meine Arbeit finden kann. Wir hatten zunächst mit einem Dokumentarfilm über die Tofu-Schulen in Sichuan begonnen. Das Thema wird auch in einer Ausstellung vorkommen, die ich für Oktober im Haus der Kunst in München vorbereite. Und letztlich geht es auch um meine persönliche Verantwortung als chinesischer Bürger. Wenn Kunst nichts mit dem Leben zu tun hat, dann brauchen wir keine Kunst.