Sexismus-Debatte:Brüderles unwissender Verteidiger

Lesezeit: 2 min

FDP-Generalsekretär Döring hätte ein paar verständnisvolle Worte finden können. Stattdessen poltert er gegen den "Stern" und verteidigt wortreich das Schweigen des Spitzenliberalen Brüderle. Dabei hat er mit seinem Parteifreund nach eigener Aussage noch nicht einmal über die Sexismus-Vorwürfe gesprochen.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Patrick Döring scheint ein Problem mit dem Begriff zu haben. Er umschifft ihn, mäandert drumherum, fabuliert gewaltige Wortwolken zusammen. Der Generalsekretär berichtet aus der Präsidiumssitzung seiner FDP. Ja, das Präsidium habe sich auch befasst mit der vergangenen Mittwoch entfachten "Debatte über den Umgang miteinander". Mit der Feststellung, dass eine "immer toleranter werdende Gesellschaft nicht unbedingt respektvoller miteinander umgehe". So formuliert er das.

Döring meint die Sexismus-Debatte, die Deutschland bewegt. Und deren Auslöser war eine Geschichte im Magazin Stern über den Spitzenkandidaten der FDP, Rainer Brüderle. In der Geschichte beschreibt die Stern-Autorin Laura Himmelreich, wie Rainer Brüderle ihr vor etwas über einem Jahr an einem späten Abend an der Hotelbar eine Spur zu nahe gekommen sei. Er habe sich dort über die Größe ihres Busens ausgelassen und andere anzügliche Bemerkungen gemacht.

Jetzt ist öffentlich, was an jenem Abend geschah, und alle Welt redet darüber. Dann wäre es doch klug, würde sich Brüderle dazu erklären. Öffentlich oder der Autorin gegenüber. Um das "Missverständnis", wie Döring das nennt, auszuräumen. Nur: Das wird er nicht tun. Das habe Brüderle am Morgen im Präsidium klargemacht, berichtet Döring. "Er hat das so entschieden. Wir respektieren das."

Döring spricht von Missverständnissen

Nicht nur das: Döring will die Sache umdrehen. Brüderle sei der Falsche, um eine Sexismus-Debatte zu eröffnen. Diese Debatte werde "zu Unrecht" mit der Person Brüderle verbunden. Das Ziel des Magazins Stern sei ja auch nicht die Debatte gewesen, sondern "die Beschädigung einer einzelnen Person". Wenn überhaupt, sei es doch an jenem Abend nur zu Missverständnissen gekommen, die in einem persönlichen Gespräch hätten ausgeräumt werden können.

"Wir wollen eine Gesellschaft, in der man tolerant und respektvoll miteinander umgeht", erklärt Döring. Ob denn Brüderle an jedem Abend das nötige Maß an Respekt gezeigt habe, wird gefragt. Das könne er nicht sagen, er sei nicht dabei gewesen, antwortet Döring. Aber er habe doch sicher Brüderle gefragt, ob es sich so zugetragen habe, wie im Stern beschrieben? Dörings Antwort: "Nein, das habe ich natürlich nicht."

Ein "honoriger und angesehener" Mann

Ohne also die genauen Umstände des Abends zu kennen, verteidigt Döring den Spitzenmann der FDP. Der sei ein "honoriger und angesehener" Mann, der viele Staatsämter bekleidet habe. Es werde in der Öffentlichkeit ein "Zerrbild" von ihm gezeichnet, das ihm nicht gerecht werde. Der Frage, woher er das wissen könne, er habe Brüderle schließlich nicht gefragt, wie es tatsächlich gewesen sei, weicht Döring aus.

Stattdessen warnt er die versammelten Journalisten, dass der Fall jetzt Folgen für das Verhältnis von Politikern zu Journalisten haben könne. Wolfgang Kubicki, Fraktionschef der FDP in Schleswig-Holstein, hat angekündigt jetzt nicht mehr mit Journalistinnen in ein Auto steigen zu wollen. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat ein verabredetes Interview mit der Stern-Journalistin wieder abgesagt.

Ober er anderen Vertretern seiner Partei jetzt Ähnliches rate, wird Döring gefragt. Das müssten die Kollegen für sich entscheiden. Aber wenn auf diese Art Vertraulichkeit gebrochen werde, "dann kann das Folge dieser Diskussion sein".

Bürger erwarten Entschuldigung von Brüderle

Für Brüderle dürfte es nicht leicht sein, die Fragen an ihn dauerhaft unbeantwortet zu lassen. Der öffentliche Druck nimmt zu. In einer repräsentativen Umfrage verlangen mehr als 90 Prozent der Befragten eine Entschuldigung von Brüderle.

Wenn er damit noch lange wartet, wird der Zeitpunkt schnell verstrichen sein, bis zu dem er sie glaubhaft aussprechen kann. Dann könnte eintreten, was Döring jetzt schon befürchtet. Dass nämlich die Sexismus-Diskussion immer ein Stück weit mit Brüderles Namen in Verbindung gebracht wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema