Sex-Affäre um Strauss-Kahn Hoffnungsträger in Handschellen

Nichts bleibt wie bisher: Frankreich ist schockiert über den Vergewaltigungsvorwurf gegen Dominique Strauss-Kahn. Das politische Paris ahnt, dass der IWF-Chef Präsident Sarkozy 2012 nicht herausfordern wird. Neben dem Zimmermädchen gibt es für einige bereits ein weiteres Opfer: Es ist der Ruf Frankreichs in der Welt.

Von Lilith Volkert

Als zwei Beamte der Special Victims Unit am Sonntagabend einen älteren Herrn aus dem Polizeipräsidium in Harlem begleiten, führen sie den Hoffnungsträger vieler Franzosen ab - in Handschellen. Dominique Strauss-Kahn, der Mann mit den auf dem Rücken gefesselten Händen, ist der Einzige, dem ein Großteil der Grande Nation zutraute, die von vielen als unerträglich empfundene Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy im kommenden Frühjahr zu beenden.

Absturz in New York: Der 62-jährige Dominique Strauss-Kahn wird aus einer New Yorker Polizeistation geführt. Dem IWF-Chef wird vorgeworfen, am Wochenende in einem Nobelhotel versucht zu haben, ein Zimmermädchen zum Oralsex zu drängen.

(Foto: AFP)

An diesem Montag wird der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) dem Haftrichter vorgeführt, weil er am Samstag in einem New Yorker Hotel versucht haben soll, ein Zimmermädchen zum Oralsex zu zwingen. Im schlimmsten Fall drohen ihm 26 Jahre Gefängnis.

Frankreich ist schockiert. "Die Nachricht ist wie ein Blitz eingeschlagen", sagte Martine Aubry, die Vorsitzende der Parti Socialiste, für die Strauss-Kahn im kommenden Jahr als Gegenkandidat zu Sarkozy im Gespräch war. "Ich hatte Tränen in den Augen", sagte der sozialistische Abgeordnete Manuel Valls dem Sender RTL. "Die Bilder waren unerträglich grausam." Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal spricht von einem "Schock". Strauss-Kahn hatte noch nicht offiziell angekündigt, 2012 gegen Nicolas Sarkozy anzutreten, galt bisher aber als aussichtsreichster Herausforderer des Präsidenten. Nun könnten die Karten neu gemischt werden - und Aubrys, Valls und Royals Chancen auf eine Kandidatur größer werden.

Nicht nur die Sozialisten sind fassungslos, auch Angehörige anderer Parteien fürchten weitreichende Folgen der Affäre für das Ansehen Frankreichs und der politischen Klasse. "Das ist eine Katastrophe für unser Land und für unser Bild nach außen", sagte der Vizechef der regierenden konservativen Partei UMP, Renaud Muselier. Francois Bayrou (UDF), der ebenfalls Sarkozy herausfordern will, reagierte entsetzt: "Wenn sich die Fakten als wahr herausstellen sollten, dann ist das eine Erniedrigung für alle Frauen. Das ist furchtbar für den Ruf Frankreichs." Auch Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet hat die Grande Nation als Leidtragende der Sex-Affäre ausgemacht: "Neben dem mutmaßlichen Opfer, dem Zimmermädchen, gibt es bereits ein nachweisliches Opfer, und das ist Frankreich", sagte sie dem Sender Canal +.

Die linksliberale Zeitung Libération zeigt sich schockiert vom "ersten Sexskandal angloamerikanischer Art", bei der Polizisten einen Politiker der ersten Reihe wegen einer Sittengeschichte abführen. Die Affäre treffe die ganze politische Klasse, schreibt der Libé-Kommentator - die Linke mit einem Peitschenhieb, die Rechte vorerst nur mit einem Querschläger. Doch alle werden darunter leiden, es werde "ein Vorher und ein Nachher" der Affäre in der Geschichte Frankreichs geben.

Bei allem Schreck, den die Nachricht von seiner Verhaftung verursacht hat: Dass Strauss-Kahn eine Schwäche für Frauen hat und sein Umgang mit ihnen wohl nicht immer ganz einwandfrei war, ist seit langem bekannt. 2002 soll er eine damals 22-Jährige sexuell belästigt haben, eine Klage wird gerade vorbereitet. Vor drei Jahren warf ihm seine IWF-Kollegin Piroska Nagy vor, sie wegen einer Affäre unter Druck gesetzt zu haben. Der Währungsfonds sprach ihn aber nach einer Untersuchung von diesem Vorwurf frei. Und im vergangenen Jahr plauderte eine Buchautorin unter dem Pseudonym Kassandra pikante "Geheimnisse eines Präsidentschaftsanwärters" aus.

Verschwörungstheorien kursieren

"Es erniedrigt Frankreich, einen Politiker zu haben, der sich so in Affären suhlt", sagte Bernard Debré nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Marine Le Pen, die Vorsitzende des Front National, formuliert angesichts der Vergewaltigungsvorwürfe gewohnt drastisch: "Ganz Paris wispert seit Monaten über das leicht krankhafte Verhältnis, das Herr Strauss-Kahn anscheinend zu Frauen hat." Gleichzeitig fällt auf, wie oft von Politikern auf die Unschuldsvermutung hingewiesen wird - oft im selben Atemzug mit neuen Vermutungen.

Auch Verschwörungstheorien machen die Runde. Christine Boutin, die Vorsitzende der Christdemokraten (PCD), vermutet, Strauss-Kahn sei "wahrscheinlich eine Falle gestellt worden, und er ist hineingefallen". Für Dominique Paillé, den ehemalige Sprecher der Regierungspartei UMP, ist es denkbar, dass er "auf einer Bananenschale ausgerutscht ist, die ihm jemand unter den Schuh gelegt hat". Für Strauss-Kahns politische Karriere macht das keinen Unterschied. Sie ist vermutlich beendet.

Am Montagvormittag hieß es bei den Sozialisten, die Vorwahlen würden trotz der Vorwürfe gegen Strauss-Kahn wie geplant am 9. Oktober stattfinden, Bewerber müssten sich bis Ende Juni erklären. Strauss-Kahns Affäre sei eine "Privatangelegenheit", sagte Parteisprecher Harlem Désir. "Die PS ist weder kopflos noch geschwächt." Es gebe zahlreiche Politiker, die bei der Präsidentschaftswahl 2012 antreten könnten, etwa Parteichefin Martine Aubry oder ihr Vorgänger François Hollande. Dass keiner von beiden so gute Chancen wie "DSK" hätte, sagte Désir nicht.

Vielleicht sieht es die Parti Socialiste ähnlich wie die Zeitung Libération: Die Journalisten dort trösten sich mit der Überlegung, dass die Sex-Affäre ja auch drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl hätte öffentlich werden können. So bleibt den Sozialisten vielleicht noch etwas Zeit, einen neuen Hoffnungsträger zu finden.

Chancen im Schatten des Skandals

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