bedeckt München

Serie "Deutscher Herbst":"Der Staat hat meinen Mann geopfert"

Helmut Schmidt und Waltrude Schleyer

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) kondoliert Waltrude Schleyer, der Witwe des von RAF-Terroristen entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, bei der Trauerfeier am 25. Oktober 1977 in Stuttgart.

(Foto: dpa)

Vor 40 Jahren: Die RAF ermordet ihre Geisel Hanns Martin Schleyer. Kanzler Schmidt empfindet Mitschuld, Bundespräsident Scheel bittet die Hinterbliebenen um Vergebung.

Von Robert Probst

Tag 45: Mittwoch, 19.Oktober. Drei Schüsse in den Hinterkopf

Über die Ermordung von Hanns Martin Schleyer gibt es auch 40 Jahre danach nur Berichte aus zweiter Hand. Nur einer der Entführer, Peter- Jürgen Boock, der damals in Bagdad war, machte später einige Angaben.

Nach der glücklichen Geiselbefreiung in Mogadischu und den Selbstmorden der ersten Garde der RAF in Stuttgart- Stammheim beschließen die Terroristen, den Arbeitgeberpräsidenten zu töten. Eine Freilassung, behauptete Stefan Wisniewski 1997 "wäre nicht als menschliche Geste verstanden worden, sondern als Eingeständnis der Niederlage".

So muss Schleyer in Brüssel erneut in den Kofferraum eines Autos steigen, die Entführer fahren über die Grenze in einen Wald in Frankreich. Schleyer wird gezwungen, ein paar Schritte zu gehen, dann wird der 62-Jährige von hinten mit drei Kopfschüssen getötet. Der Mord geschah zwischen dem 18. Oktober, 13 Uhr, und dem 19. Oktober, 1 Uhr.

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Vor Jahren hat Boock Wisniewski und Rolf Heißler als Todesschützen bezeichnet. Jüngst sagte Boock dem Spiegel: "Die beiden haben offenbar den kollektiven Willen der Gruppe umgesetzt (...) Mit Sicherheit kann ich das allerdings nicht sagen, ich war nicht dabei." Von der Waffe fehlt bis heute jede Spur.Vermutlich handelt es sich um einen Revolver der Marke Smith & Wesson.

Um16.21 Uhr meldet sich ein weibliches RAF-Mitglied telefonisch beim Stuttgarter dpa-Büro und gibt eine Erklärung ab: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mulhouse in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.

Für unseren Schmerz und unsere Wut über die Massaker von Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos ..." Gegen 21 Uhr wird die Leiche Schleyers in einem Kofferraum im elsässischen Mühlhausen gefunden.

Justizminister Hans-Jochen Vogel beschrieb die Situation im Rückblick so: "Für alle, die wochenlang bemüht gewesen waren, sein Leben zu retten, ohne die Schutzfähigkeit des Staates zu erschüttern, war das die bitterste Stunde. Ich fühlte mich als Mitverursacher seines Todes, auch wenn ich glaubte und heute noch glaube, mir keinen Schuldvorwurf machen zu müssen. Aber letzte Sicherheit vermag ich in diesem Punkt nicht zu gewinnen."

Kanzler Helmut Schmidt sagt am 20. Oktober im Bundestag: "Wer weiß, dass er so oder so, trotz allen Bemühens, mit Versäumnis und Schuld belastet sein wird, wie immer er handelt, der wird von sich selbst nicht sagen wollen, er habe alles getan und alles sei richtig gewesen.

Er wird nicht versuchen, Schuld und Versäumnis den anderen zuzuschieben; denn er weiß: Die anderen stehen vor der gleichen unausweichlichen Verstrickung. Wohl aber wird er sagen dürfen: Dieses und dieses haben wir entschieden, jenes und jenes haben wir aus diesen oder jenen Gründen unterlassen. Alles dies haben wir zu verantworten."

Beim Staatsakt für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten am 25. Oktober in Stuttgart spricht Bundespräsident Walter Scheel vom "furchtbaren Dilemma" der politisch Verantwortlichen und dankt der Familie Schleyer, dass sie in all den schweren Wochen ein Höchstmaß an Würde gezeigt habe. Den Mord nennt er "einen Einschnitt in die Geschichte der Bundesrepublik".

Scheel: "Im Namen aller deutschen Bürger bitte ich Sie, die Angehörigen von Hanns Martin Schleyer, um Vergebung." Witwe Waltrude Schleyer sagte Jahrzehnte später in einem Interview: "Ich habe mich nie damit abgefunden, dass der Staat meinen Mann geopfert hat. Ich muss das akzeptieren, aber verstehen kann ich es nicht."

17 der 20 an der Entführung beteiligten Terroristen werden später gefasst

Zur RAF sagte sie 2007: "Die Täter haben sich bis heute nicht bei mir und meinen Söhnen gemeldet. Es gab kein Wort der Entschuldigung." Waltrude Schleyer starb im März 2008.

Auf einer Pressekonferenz am 19.10. äußern die Verteidiger von Andreas Baader und Gudrun Ensslin Zweifel, dass ihre Mandanten Selbstmord begangen haben. In Rom, London und Paris kommt es zu teils gewalttätigen anti-deutschen Demonstrationen. RAF-Sympathisanten werfen der Regierung "Mord" an den Stammheimer Gefangenen vor. Die zynische Erklärung der RAF zum Schleyer-Mord endet mit der Botschaft: "Der Kampf hat erst begonnen."

Sofort danach wird eine öffentliche Großfahndung gestartet. 17 der 20 an der Entführung beteiligten Terroristen werden später gefasst und verurteilt, zehn davon wegen des Schleyer-Mords - als letzter wurde Christian Klar 2008 aus Gefängnis entlassen; zwei verdächtige RAF-Mitglieder (Willy -Peter Stoll, Elisabeth von Dyck) wurden von der Polizei erschossen. Nur Friederike Krabbe wurde nie gefasst, sie gilt nach jahrzehntelanger Fahndung inzwischen als verschoollen.

Bis in die 1990er Jahre mordete die RAF weiter - 1998 löste sie sich auf.

Zahllose Details über die Morde der RAF sind bis heute nicht aufgeklärt, geschweige denn aufgearbeitet.

Mit dieser Folge endet die Serie "Deutscher Herbst". Sie erschien in einer ersten Version 2007 - und wurde für die Neuveröffentlichung leicht überarbeitet und erweitert. Die Rechtschreibung in Zitaten entspricht der Schreibweise der damaligen Zeit.

© SZ.de/odg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema