Serie "Deutscher Herbst":Als Helmut Schmidt die Tränen kamen

Bundeskanzler Helmut Schmidt GER SPD vorn vor seiner Rede zum Thema Terrorismus im Deutschen Bund

Bundeskanzler Helmut Schmidt bezieht Stellung zum Terrorismus in Deutschland. Archivbild, aufgenommen im Bundestag am 20. Oktober 1977

(Foto: imago/Sven Simon)

Mogadischu am 18. Oktober 1977: Die GSG9 stürmt die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" und befreit die Geiseln. Daraufhin bringen sich in Stammheim die RAF-Häftlinge um.

Von Robert Probst

Tag 44: Dienstag, 18.Oktober. Aktion "Feuerzauber" und die "Nacht von Stammheim"

Auf dem Flughafen von Mogadischu verhandeln die Entführer der Lufthansa-Maschine Landshut mit dem Tower über die genauen Modalitäten des Austauschs der Gefangenen, den die Bundesregierung zum Schein zugesagt hat.

Um 0.05 Uhr deutscher Zeit beginnt die Aktion "Feuerzauber". Vor den Cockpitfenstern detonieren Blendgranaten, die die vier Entführer kurzzeitig außer Gefecht setzen sollen. Gleichzeitig dringen über die vier Außentüren und die zwei Noteingänge zahlreiche Spezialkräfte der Bundesgrenzschutzeinheit GSG 9 in die Maschine ein.

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Es kommt zum Schusswechsel mit den Entführern, die sich heftig wehren. Drei von ihnen werden sofort erschossen, eine der Frauen überlebt schwerverletzt. Zwei Handgranaten explodieren, verursachen aber nur leichte Verletzungen bei einigen Passagieren.

Um 0.12 Uhr gibt die GSG 9 durch: "4 Gegner niedergekämpft, Geiseln befreit, 3 Geiseln vermutlich durch Gegnereinwirkung verletzt, 1 Angehöriger des Sturmtrupps leicht durch Halsdurchschuß verletzt." Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski ruft umgehend in Bonn an und teilt mit: "Die Arbeit ist erledigt."

Kanzler Helmut Schmidt treten Tränen in die Augen, als er erfährt, dass keine der Geiseln ernsthaft verletzt ist. Er war entschlossen zurückzutreten, wäre die Aktion schiefgegangen. Um 0.38 Uhr sendet der Deutschlandfunk eine Eilmeldung: "Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden."

Für die Terroristen ist klar: Die Aktion "Big Raushole" ist gescheitert.

Am Morgen entdecken die Justizvollzugsbeamten Unfassbares

Diese Nachricht hört wohl auch der RAF-Terrorist Jan-Carl Raspe in seiner Zelle in Stuttgart-Stammheim. Er hat dort ein kleines Transistorradio versteckt.

Am Morgen entdecken die Justizvollzugsbeamten Unfassbares: Andreas Baader, 34, hat sich mit einer eingeschmuggelten Pistole von hinten in den Kopf geschossen, er ist tot; Raspe, 33, hat sich in die rechte Schläfe geschossen, er stirbt Stunden später im Krankenhaus; Gudrun Ensslin, 37, hat sich mit einem Elektrokabel am Gitter des Zellenfensters erhängt; Irmgard Möller, 30, hat sich mit einem Besteckmesser in der Herzgegend verletzt, sie überlebt.

Die "Nacht von Stammheim" wird schnell zum Mythos. Bald verbreitet sich im Umfeld der RAF die These, die drei seien ermordet worden. Von einer "Geheimdienstaktion der Nato" ist immer wieder die Rede. Auch die RAF verbreitet diese These, die gut in ihr Weltbild passt, doch intern bezeichnen einige die Geschehnisse schnell und klar als "suicide action".

Die Gerichtsmediziner - es werden eigens anerkannte Pathologen aus dem Ausland herbeigerufen - entdecken "keine Anhaltspunkte, die einen Selbstmord in Zweifel ziehen könnten". Trotz diverser Ungereimtheiten ist sich die Forschung einig: Nach dem gescheiterten Freipressungsversuch in Mogadischu haben sich die vier, wie oft angedeutet, zum Selbstmord verabredet.

"Deutscher Herbst"

Quellen und Literatur zur SZ-Serie über den RAF-Terrorismus 1977. Zur Übersicht

Kanzler Schmidt erinnert sich an den Moment, in dem die Nachricht bekannt wurde: "Ich war wie von einer Keule getroffen, empört, entsetzt. Jetzt hatten wir gerade einen großen Erfolg errungen, und nun dieser Tritt in den Unterleib."

Freude und Entsetzen liegen an diesem Tag nah beieinander. Unzählige ausländische Regierungen schickten Glückwunschtelegramme für die gelungene Aktion in Afrika nach Bonn, Medien im In- und Ausland loben die "militärische Blitzaktion". Gegen 14 Uhr landen die befreiten Geiseln von Mogadischu in Frankfurt; in den Jubel mischt sich die Trauer um den ermordeten Kapitän Jürgen Schumann.

Scheel wendet sich an Schleyers Entführer

Am Abend gibt Bundespräsident Walter Scheel eine Erklärung im Fernsehen ab. Er wendet sich direkt an die Entführer von Hanns Martin Schleyer: "Ich appelliere an Sie, Ihre Geisel freizugeben. Mit der sinnlosen Eskalation von Gewalt und Tod muß Schluß sein. Kehren Sie zurück zu menschlichem Handeln. Dieser Augenblick gibt Ihnen noch eine letzte Chance dazu."

Doch zum Zeitpunkt von Scheels Ansprache ist Schleyer aller Wahrscheinlichkeit nach bereits tot.

Die Serie erschien in einer ersten Version 2007 - und wurde für die Neuveröffentlichung leicht überarbeitet und erweitert. Die Rechtschreibung in Zitaten entspricht der Schreibweise der damaligen Zeit.

© SZ.de/odg
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