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SZ-Serie: Der Weg nach Berlin:Parteiprogramm in 24 Sekunden

Bruno Kramm von den Piraten will in einer Talkshow über Inhalte reden - doch eine echte Debatte kommt nicht zustande. Dafür gibt es zu viele Einspielfilmchen, andere Gäste und Zuschauer-Mails, die vorgelesen werden.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl 2013 sieben Menschen aus sieben Parteien auf ihrem Weg in die Politik - Fehler, Rückschläge und Niederlagen inklusive.

Der Kandidat ist im Fernsehen, live, eine ganze Stunde lang, und als Bruno Kramm am Mittwochabend aus den Kulissen vor die Studiokameras tritt, steigt er auch in der Hierarchie der Piraten weiter auf. Als bayerischen Landesvorsitzenden kündigt ihn der Moderator an. Das ist Kramm aber nicht, nur politischer Geschäftsführer und Spitzenkandidat der Bayern-Piraten für die Bundestagswahl. Der Titel der Sendung geht dann weniger freundlich mit den Politaufsteigern um: "Pöbelpiraten: Ist die Schwärmerei vorbei?", fragt das ZDF - und es ist Kramm, der nun der Fernsehöffentlichkeit ein besseres Bild vermitteln soll, als es die Piraten in den Wochen vor ihrem Bundesparteitag am vergangenen Wochenende abgegeben haben.

Gut, die Talkshow "log in" ist nicht unbedingt das ganz große Fernsehen, sie füllt am späteren Mittwochabend den Spartenkanal ZDF Info mit einer Quote im unteren Nullkomma-Bereich. Aber sie ist der Versuch des ZDF, Internet und soziale Medien ins Fernsehen zu holen und damit genau das Publikum, in dem auch die Piraten viele ihrer Wähler vermuten. Wohl nicht ganz zu Unrecht: Ob die Piraten nötig seien, hatte "log in" vor der Sendung im Netz gefragt. 86 Prozent der Antworten hielten es mit Kramm: aber ja!

Schnell muss es gehen, wenn Fernsehen sich jung gibt: "Überzeugen Sie die User, Sie haben 30 Sekunden", überfällt ihn der Moderator. Bruno Kramm hat als Musiker die Erfahrung von vielen Hunderten Live-Auftritten, er ist Bühnenprofi genug und braucht nur 24 Sekunden. "Die Piraten sind angetreten für mehr Bürgerrechte" und dafür, "dass die Menschen in der Politik wieder mitmachen können", heißen seine Hauptbotschaften. In der folgenden Stunde wird er sie mehrfach variieren und mit lebhaften Gesten unterstreichen.

Viel ausführlicher wird Kramm über die "tolle Programmatik", als die er die Ergebnisse des Parteitags preist, auch später kaum reden können. In der Sendung geht es noch hektischer zu als in einer Geschäftsordnungsdebatte eines Piraten-Parteitags. Ein echtes Gespräch mit dem ihm als Piraten-Skeptiker gegenübergestellten Zeitungs-Journalisten findet nicht statt. Es müssen Gäste an anderen Tischen befragt werden. Die gehörlose Bundestags-Kandidatin Julia Probst ist da, und im Publikum sitzt der politische Bundes-Geschäftsführer Johannes Ponader - "ganz privat", beteuert er, als ihm ein Mikrofon vors Gesicht gehalten wird.

Sogar dem sonst zuverlässig freundlichen Kramm platzt schließlich der Kragen: "Sorry, Tschuldigung", ruft er, "ich will die ganze Zeit etwas zu Inhalten sagen, und Sie rennen als Erstes zum Herrn Ponader, und wir reden wieder über Personalien." Dann kann er doch noch über "Freiheit statt Vollbeschäftigung" sprechen und darüber, dass die Piraten eine "vollkommen pazifistische Partei" seien, Kriegseinsätze "in jeglicher Form ablehnen" und "nicht so einen prinzipiellen Dogmatismus haben".

Ganz fit ist er nicht, am nächsten Tag wird er sich daheim mit Fieber ins Bett legen. Aber beim Netzvotum am Ende der Sendung stehen immer noch 83 Prozent der abstimmenden Zuseher zu ihm und seinen Piraten. Und aus dem Parteivorstand kommt Zuspruch per Twitter: "Hast Dich gut geschlagen."