Serie: Albtraum Atombombe (1):Neue Gefahren

Doch die Anti-Atomtod-Kampagne setzte einen Impuls, der fortdauerte: Sie bildete die Vorläuferin zur Achtundsechziger-Apo sowie zur Friedens- und Umweltbewegung, die sich 1983 schließlich parlamentarisch mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag manifestierte. Da war Helmut Schmid schon nicht mehr Bundeskanzler.

Auch den Hamburger Sozialdemokraten hat in seinen letzten Amtsjahren die Atomfrage beschäftigt - und beschädigt: Dem Kanzler, der den Nato-Doppelbeschluss vorangetrieben hat, brach dabei der Rückhalt seiner Partei weg. Viele Deutsche konnten mit Schmidts Einsatz für die Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen nichts anfangen - kein Wunder: Sowohl die Bundesrepublik, als auch die DDR wären in allen Kriegsszenarien als atomare Schlachtfelder für immer verwüstet gewesen.

Serie: Albtraum Atombombe (1): Start einer "Pershing II ED-4" Mittelstreckenrakete von einer mobilen Abschussrampe. Mit der Stationierung solcher atomar bestückter Raketen in Westeuropa reagierten die USA Anfang der achtziger Jahre auf die Bedrohung durch die sowjetischen Atomraketen vom Typ "SS-20".

Start einer "Pershing II ED-4" Mittelstreckenrakete von einer mobilen Abschussrampe. Mit der Stationierung solcher atomar bestückter Raketen in Westeuropa reagierten die USA Anfang der achtziger Jahre auf die Bedrohung durch die sowjetischen Atomraketen vom Typ "SS-20".

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Strahlender sowjetischer Nachlass

Inzwischen ist der Ost-West-Konflikt seit zwanzig Jahren vorbei, und für manche auch das Atomzeitalter. Die Anschläge vom 11. September 2001 seien die historische Zäsur gewesen, schrieb etwa die Frankfurter Allgemeine vor fünf Jahren. Nun sei der Terrorismus und seine Bekämpfung das beherrschende Thema.

Das ist nicht ganz falsch, aber doch zu kurz gedacht: Nach wie vor hadert die Menschheit über die friedliche Nutzung der Kernkraft. In Deutschland hat die Atomenergie seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wohl bei der Mehrheit der Bevölkerung die Zustimmung verloren. Innenpolitisch knirscht es gewaltig wegen Reaktorlaufzeiten. In anderen Staaten wie in Frankreich, China und anderswo setzen die Regierungen auf neue Meiler: als klimafreundliche Energiequelle.

Das Problem der Endlagerung ist nach wie vor ungelöst. In Russland rotten die Atommüllbehälter vor sich hin, eine doppelte Gefahr: Mit dem strahlenden Nachlass des untergangenen Sowjetreichs wird unter der Hand längst gehandelt. Das Szenario von atomarem Material in Händen von Al-Qaida-Terroristen ist real. Der kollabierende Atomstaat Pakistan, der die radikalislamischen Taliban aufgebaut hat, gibt zusätzlich Anlass zur Sorge.

Hinzu kommt die Furcht um vor der Verbreitung der Bombe in Problemstaaten. Nordkoreas stalinistischer Machthaber Kim Jong Il hat sich ein paar Sprengköpfe fertigen lassen, und droht immer wieder mit deren Einsatz. Eine noch größere Bedrohung ist Irans Atomprogramm, an dem Teheran im Geheimen werkeln lässt.

Teheraner Vernichtungsphantasien

Präsident Mahmud Ahmadineschad wettert, die Amerikaner seien doch diejenigen, die Atomwaffen bereits eingesetzt hätten. Der Staatschef beteuert zwar immer wieder, sein Land strebe die friedliche Nutzung des Atoms an - doch glaubhaft ist es nicht, nicht nur in Israel. Das Land ist immer wieder Gegenstand Teheraner Vernichtungsphantasien.

Die USA und die (unerklärte) Atommacht Israel haben bereits einen Militärschlag gegen Iran angedroht. Amerikas oberster Soldat, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, Admiral Mike Mullen, erzählte jüngst sogar unverhohlen von einem Angriffsplan, der fertig in der Schublade läge.

Das Bild vom Atompilz über Hiroshima wirkt in solchen Momenten grell wie lange nicht mehr.

Und da gibt es die Staatsmänner a. D., denen der Inhalt der atomaren Rüstkammern keine Ruhe lässt. Ausgerechnet die früheren US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz - einst knallharte Realpolitiker - schoben 2007 die Initiative "Global Zero" an. Das ehrgeizige Ziel: eine atomwaffenfreie Zukunft.

"Ein Rumoren unter uns alten Politikern", nannte es Altbundespräsident Richard von Weizsäcker im Gespräch mit sueddeutsche.de. Der Bruder des einstigen Atomforschers Carl Friedrich unterstützt Global Zero, ebenso wie Barack Obama.

Der US-Präsident hat sich das Ziel einer atomwaffenfreien Zukunft längst zu eigen gemacht. In seiner Prager Rede von 2009 propagierte Obama diese hehre Vision, ein Jahr später gelang ihm am selben Ort sogar ein handfester Teilerfolg: Gemeinsam mit Russlands Staatschef Dmitrij Medwedjew legte der Präsident den START-Vertrag neu auf.

Russland und die Vereinigten Staaten verpflichten sich in dem Abkommen, die Zahl der nuklearen Sprengköpfe schrittweise auf 1550 zu reduzieren, ebenso die Trägersysteme. Der Akt sollte über eines nicht hinwegtäuschen: Die Anzahl der vorhandenen Atomwaffen reicht nach wie vor aus, die Menschheit auszulöschen.

Albert Einstein lag richtig: Die "Angst vor der Bombe" ist da. Von Frieden aber kann keine Rede sein.

SZ.de widmet dem Thema Kernwaffen in den folgenden Tagen eine Serie. Unter anderem schildert ein Zeitzeuge, wie er am 6. August 1945 in Hiroshima überlebt hat. Fotos und Filmmaterial veranschaulichen die furchtbare Wirkung der in Japan detonierten Bomben. Der US-Politologe Peter W. Singer erklärt zum Abschluss, weshalb der zunehmende Einsatz von Robotern und Drohnen die Welt vor ähnliche Herausforderungen stellt wie die Atombomben vor 65 Jahren.

© SZ/jja
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