bedeckt München 20°

Serbien:"Nur China kann uns helfen"

Medical supplies from China arrive in Serbia

Im März empfing Aleksandar Vučić am Belgrader Flughafen Hilfsgüter und medizinisches Fachpersonal aus China.

(Foto: Marko Djurica/Reuters)

Präsident Aleksandar Vučić wendet sich von Europa ab. Die EU sei unsolidarisch.

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić zeigt sich in der Coronakrise gern in Feldherrnpose. "Wir sind im Krieg gegen einen unsichtbaren heimtückischen Feind", erklärte er bei der Verhängung des Notstands Mitte März - und dass er dies nicht nur metaphorisch meint, zeigt er mit drakonischen und teils willkürlich anmutenden Maßnahmen. So dürfen Menschen über 65 Jahren ihre Wohnungen rund um die Uhr nicht mehr verlassen, selbst kurze Spaziergänge mit dem Hund wurden verboten. Für alle Bürger gilt eine strikte Ausgangssperre zwischen 17 und 5 Uhr, an Wochenenden ab 15 Uhr. Überwacht wird das auch von Armeekräften auf den Straßen, bei Verstößen drohen hohe Strafen.

Auch für die Quarantäne bei Verdachtsfällen gelten strenge Regeln. Wer aus dem Ausland nach Serbien heimkehrt, muss inzwischen nicht mehr 14, sondern 28 Tage in Isolation. Bei derzeit rund 900 bestätigten Corona-Fällen befinden sich rund 80 000 Menschen in Quarantäne. Die Einhaltung wird täglich von der Polizei überwacht. Vorige Woche wurde ein Mann wegen Verstoßes gegen die Auflagen zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt.

Die harte Hand im Kampf gegen das Coronavirus ist für viele Serben auch deshalb überraschend, weil Vučić sich anfangs noch dabei gefiel, Schnaps als Gegenmittel zu preisen. Man konnte ihn lachend im Hintergrund sehen, als ein Lungenarzt auf einer Pressekonferenz vom "lächerlichsten Virus in der Weltgeschichte" sprach und den Serbinnen generös empfahl, der gesunkenen Preise wegen jetzt zum Shoppen nach Italien zu fahren. Heute droht Vučić seinem Volk ständig mit Verschärfungen - "auch wenn ihr mich danach erschießt", wie er jüngst erklärte.

Die Lieferung chinesischer Hilfsgüter wurde als Fest der Völkerverbindung inszeniert

Einen zumindest rhetorisch radikalen Kurswechsel hat Vučić in Corona-Zeiten auch in der Außenpolitik vollzogen. Aus Wut über mangelnde Hilfeleistung aus Brüssel rief er: "Es gibt keine Solidarität Europas. Das war ein Traum aus Papier." Serbien verhandelt seit 2012 mit der EU über einen Beitritt. Nun verkündete er: "Nur China kann uns helfen." Mit reichlich Pathos wandte er sich direkt an den chinesischen Staatschef Xi Jinping, den er als "Freund und Bruder" ansprach. Die Lieferung chinesischer Hilfsgüter wurde in Belgrad als großes Fest der Völkerverbindung inszeniert.

Enge wirtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Ländern gibt es schon länger. Doch diese demonstrative Hinwendung des größten Staats auf dem Westbalkan nach Peking muss der EU Sorgen bereiten, weil davon eine Signalwirkung ausgehen könnte. In einer ersten Reaktion stellte die EU-Kommission Anfang dieser Woche 38 Millionen Euro zur Unterstützung der Gesundheitssysteme der sechs Westbalkanstaaten bereit.

© SZ vom 02.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite