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Serbien:Nationalistischer als die Eltern

EU-Erweiterung: Serbien und Montenegro peilen Beitritt für 2025 an

Noch gibt es in Serbien Menschen, die Europas Flagge hochhalten. Umfragen aber zeigen, dass die Stimmung in der Bevölkerung umschlägt.

(Foto: Darko Vojinovic/AP)

Trotz Beitrittsperspektive für 2025 - immer mehr Serben sehen die EU negativ. Vor allem die Jüngeren wenden sich ab.

Müde sieht sie aus und abgekämpft, ein Wunder ist das nicht. In der Zentrale ihrer "Europäischen Bewegung Serbien", in der gewiss die höchste Dichte an EU-Fähnchen in ganz Belgrad herrscht, geht es zu wie im Taubenschlag. Kleine Gruppen drängen rein, andere packen ihre Sachen. Als Generalsekretärin muss Suzana Grubješić alles im Griff haben. Das kostet Kraft - und manchmal wohl auch Überwindung. "Proeuropäisch zu sein in diesem Land, ist eine undankbare Aufgabe", sagt sie. "Die EU tut wenig, die Regierung tut wenig, und wir müssen dafür sorgen, dass die Flamme nicht erlischt."

Die Flamme, so sollte man meinen, müsste eigentlich lodern. Schließlich hat die EU-Kommission nach langem Zögern in einem neuen Strategiepapier gerade erst die Beitrittsperspektive für die sechs Staaten des Westbalkans bekräftigt und für Serbien und Montenegro sogar ein konkretes Datum in Aussicht gestellt: 2025, allerdings nur im besten Fall. Für Grubješić ist es eine "gute Nachricht, dass die Erweiterungsdiskussion wieder lebendig ist". Die schlechte Nachricht ist, dass ihr das alles viel zu lange dauert. "Selbst 2025 bedeutet, dass wir ein Vierteljahrhundert gewartet haben", sagt sie. "Da geben irgendwann auch die letzten Enthusiasten auf."

Grubješićs Rechnung beginnt freilich nicht mit Serbiens Antrag auf eine EU-Mitgliedschaft im Dezember 2009. Ihr Stichtag ist der 5. Oktober 2000, an dem das serbische Volk nach einem kriegerischen Jahrzehnt den Autokraten Slobodan Milošević gestürzt und sich auf den Weg nach Westen gemacht hat. Schon vorher war Suzana Grubješić in der Europäischen Bewegung aktiv, einem in 42 Ländern vertretenen Zusammenschluss von Freunden eines vereinten Europas. Die 55-Jährige gehörte zu den Gründern der Oppositionsbewegung G 17, später stieg sie auf zur Vize-Premierministerin. Heute herrschen allerdings wieder die alten Nationalisten, angeführt von Präsident Aleksandar Vučić, der unter Milošević als Informationsminister diente.

Die Kosovo-Frage ist der größte Streitpunkt. Damit lässt sich auch prächtig gegen die EU agitieren

Selbst wenn Vučić sich inzwischen vehement zu Serbiens EU-Beitritt bekennt und dafür in Brüssel und Berlin gefeiert wird, konstatiert Grubješić einen Stimmungsumschwung. "Vor zehn Jahren waren noch 70 Prozent der Bevölkerung für einen EU-Beitritt, heute sind es nur noch 40", sagt sie. Besonders negativ werde die EU ausgerechnet von denen gesehen, um deren Zukunft es geht: von den jungen Leuten. "Die Kinder", klagt sie, "sind nationalistischer als ihre Eltern." Das ist vor allem deshalb alarmierend, weil in einem nationalistisch aufgeheizten Klima das größte Hindernis auf Serbiens Weg in die EU schwer zu überwinden sein wird: die Kosovo-Frage. Die EU dringt auf eine Einigung zwischen den Kosovo-Albanern, die in der früheren serbischen Provinz 2008 ihre Selbständigkeit erklärt haben, und der Regierung in Belgrad, die den neuen Staat anerkennen soll. "Das Kosovo-Thema überschattet den gesamten Prozess der Integration", beklagt Grubješić. "Das ist nicht gut, weil die eigentlich wichtigen Zukunftsfragen wie die Entwicklung des Rechtsstaats, des Umweltschutzes oder der Landwirtschaft dadurch in den Hintergrund gedrängt werden."

Vor allem aber lässt sich mit dem Kosovo-Thema prächtig gegen die EU agitieren. Wer Živadin Jovanović in seinem Belgrader Büro besucht, den empfängt an der Wand ein Plakat mit dem schrillen Aufdruck: "Die Aggression." Um die Nato-Angriffe auf Serbien im Kosovo-Krieg von 1999 geht es - und die letzte Schlacht in diesem Kampf, so vermittelt es der 79-Jährige, ist längst noch nicht geschlagen.

Zu Zeiten des Kosovo-Kriegs war Jovanović Außenminister des auf Serbien und Montenegro zusammengeschrumpften Jugoslawien. Heute firmiert er als Präsident eines Clubs namens "Belgrader Forum für eine Welt der Gleichberechtigten" und schätzt es immer noch sehr, wenn man ihn mit "Herr Minister" anspricht. "Manche EU-Mitglieder wurden nur aus politischen Gründen aufgenommen", schimpft er, "Serbien wird aus politischen Gründen nicht aufgenommen." Es sei nicht gerecht, dass die EU Serbiens Mitgliedschaft mit einem Verzicht auf Kosovo verknüpfe. Einen solchen "Handel" lehne nicht nur er ab, sondern "85 Prozent der Serben" täten dies, erklärt Jovanović.

Kurz gesagt: Er hält die EU-Beitrittsverhandlungen für eine Art Fortsetzung des Nato-Bombardements mit anderen Mitteln - mit dem Ziel, den Serben ihr Kosovo zu entwinden. Europa versuche dies nun "mit Druck, mit Bestechung und mit Schmeicheleien", meint Jovanović. Den EU-Kurs von Präsident Vučić, der Brüssel gegenüber auch eine Einigung in der Kosovo-Frage in Aussicht gestellt hat, verfolgt er deshalb mit größter Skepsis. "Ich weiß natürlich nicht, was der Staatspräsident denkt und welche Pläne er hat", sagt er. "Aber ich weiß, dass eine Teilnahme Serbiens an der Entstehung eines neuen Staats auf dem Balkan keine Investition in Frieden und Stabilität ist, sondern der Weg in neue Konflikte."

Statt mit der EU hält es Jovanović lieber mit Russland, das von vielen im Land als natürlicher Verbündeter angesehen wird. "Wir haben slawische Wurzeln und eine gemeinsame Kultur", argumentiert er. Wladimir Putin in Moskau wird das gern hören. Er investiert einiges, um die EU-Erweiterungspläne auf dem Balkan zu torpedieren - und nirgends scheint das auf so fruchtbaren Boden zu fallen wie in Belgrad, wo auf den Straßen T-Shirts mit Putin-Aufdruck zu kaufen sind. Ausschließlich auf Russlands Seite will sich aber auch Jovanović nicht zeigen. Er propagiert für Serbien eine Rolle "als Brücke zwischen Europa und Russland", mit partnerschaftlichen Beziehungen zu beiden Seiten. Denn zumindest einen Vorteil sieht auch er im Brüsseler Club: "Wir haben nichts gegen den Lebensstandard in der EU."

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