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Serbien:Den Knoten durchschlagen

Das Amselfeld, Schauplatz der mythenumrankten Schlacht von 1389 gegen die Osmanen, gilt als „Wiege des Serbentums“.

(Foto: Armend Nimani/AFP)

Präsident Aleksandar Vučić, einst Liebling der Nationalisten, überrascht mit dem Vorschlag, den Verlust Kosovos zu akzeptieren.

Serbien und Kosovo, das ist die ewige Geschichte von Blut und Boden, Krieg und Krisen. Das Verhältnis zwischen den Serben und den Albanern gilt auch fast zwei Jahrzehnte nach dem Krieg von 1999 als höchst kompliziert. Doch in diesem Sommer hat der serbische Präsident Aleksandar Vučić neue Bewegung in den festgefahrenen Konflikt gebracht. Sein öffentlich erklärtes Ziel: Er will den "kosovarischen Knoten" durchschlagen. Für den Balkan insgesamt und für die beiden Völker wäre eine Aussöhnung gewiss ein Segen und gäbe Rückenwind auf dem langen Weg in die Europäische Gemeinschaft. Doch über Vučićs Motive und Möglichkeiten wird nun heftig debattiert.

Ende Juli hatte der Präsident seinem eigenen Volk in einem Beitrag für die Belgrader Zeitung Blic eine wahre Standpauke gehalten. Er forderte den Beginn eines intensiven "internen Dialogs" über Kosovo, das 2008 mit westlicher Unterstützung seine Unabhängigkeit erklärt hatte und heute von 111 Staaten anerkannt wird. Die Serben sollten "aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken", schrieb Vučić. "Wir müssen realistisch sein, nicht irgendetwas verlieren oder weggeben, was wir haben, aber auch nicht erwarten, etwas zu bekommen, was wir vor langer Zeit verloren haben."

Wohlgemerkt, es geht ums Amselfeld, wo die alten orthodoxen Klöster stehen und 1389 die mythenumrankte Schlacht gegen die Osmanen verloren wurde. Ein möglicher Verlust der "Wiege des Serbentums" war in Belgrad der faktischen Lage zum Trotz bislang ein Tabuthema. Die Präambel der serbischen Verfassung bezeichnet Kosovo als integralen Bestandteil Serbiens. Und nun kommt Vučić und regt an, den ganzen politischen und emotionalen Ballast über Bord zu werfen.

Positive Reaktionen kamen sogleich von albanischer Seite, zunächst aus Tirana. Albaniens Premierminister Edi Rama stellte Vučićs Beitrag in Übersetzung auf seine Facebook-Seite. Er lobte "den Mut, eine Vision zu entwickeln für die Zukunft Serbiens und Kosovos". Reservierter fiel die Reaktion in Kosovos Hauptstadt Pristina aus, wo seit Wochen die Politik paralysiert ist vom Ringen um die Bildung einer Regierung. Immerhin sah sich der kosovarische Präsident Hashim Thaçi genötigt, in einem Beitrag für die FAZ auch seine eigene Kompromissbereitschaft zu betonen, ohne allerdings auf Vučićs Vorstoß einzugehen.

Und in Serbien? Da ist tatsächlich die vom Präsidenten geforderte interne Debatte in Gang gekommen - eine klare Richtung allerdings ist nicht zu erkennen. Abgesehen von diversen Verschwörungstheorien muss sich Vučić von den Nationalisten einschließlich orthodoxer Kirchenkreise nun Verrat vorwerfen lassen. Ausgerechnet er, der auf dem Nationalisten-Ticket nach oben gekommen ist und im Kosovo-Krieg von 1999 noch dem Diktator Slobodan Milošević als Informationsminister gedient hatte. Die liberalen Kräfte, denen er deshalb seit jeher suspekt ist, spielen den Vorstoß als reine Rhetorik herunter.

Zweifel sind tatsächlich angebracht, nicht nur wegen Vučićs Vergangenheit. Der Präsident weiß, dass er sein erklärtes Ziel eines serbischen EU-Beitritts nicht erreichen kann, solange die Kosovo-Frage offen ist. Der seit 2011 von der EU moderierte Dialog zwischen Belgrad und Pristina kommt jedoch nur mühsam voran, die bisherigen Abkommen werden höchstens halbherzig umgesetzt. Nach dem jetzigen Vorstoß wird Vučić nun von manchen sogar schon als "serbischer Willy Brandt" gefeiert - ohne dass er konkret sagen musste, wie eine Lösung aussehen soll.

Das überlässt er lieber seinen Hintersassen, zum Beispiel dem serbischen Außenminister Ivica Dačić. In gebührendem zeitlichen Abstand zu seinem Chef präsentierte der Mitte August einen Teilungsplan für Kosovo. Der von Serben bevölkerte Norden soll demnach abgespalten werden, die im übrigen Kosovo verbleibenden Serben sollen eine weitgehende Autonomie erhalten.

Der Vorschlag ist nicht neu, er widerspricht jedoch diametral den Vorstellungen der internationalen Gemeinschaft, die seit Beginn der Balkankriege in den Neunzigerjahren die Unantastbarkeit der Grenzen zum Prinzip erhoben hat. Eine Teilung Kosovos würde gewiss andere Begehrlichkeiten wecken. Für Serbien könnte es nur das Vorspiel sein, um auch den Anschluss der bosnischen Serben zu verlangen und damit Bosnien-Herzegowina zu zerschlagen. Überdies würden wieder großalbanische Ambitionen bestärkt mit Folgen bis hin nach Mazedonien, wo ein Viertel der Bevölkerung ethnische Albaner sind.

Eine schnelle Lösung der Kosovo-Frage ist auch nach Vučićs Vorstoß nicht in Sicht. Die Klärung muss zunächst wohl tatsächlich inner-serbisch erfolgen, wo sich immer noch eine breite Mehrheit gegen eine Aufgabe Kosovos ausspricht. Der Präsident immerhin hat seine dominante Stellung genutzt, um sein Volk zu einem Perspektivenwechsel aufzufordern - weg von der Fixierung auf die Vergangenheit, hin zur Zukunft. Eine Fortsetzung des Konflikts, schrieb er in Blic, bedeute eine "Gefahr für unsere Kinder".

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