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Sepsis:Die unerkannte Todesgefahr

Trotz aller Hygieneregeln: Die Blutvergiftung ist eine unterschätzte Gefahr in Krankenhäusern. Ein Nationaler Sepsisplan könnte die Todeszahlen senken.

(Foto: imago)

In deutschen Krankenhäusern sterben weitaus mehr Patienten an Blutvergiftung als in anderen Ländern. Mediziner fordern einen Nationalen Sepsisplan. Doch stoßen sie bei Politikern und ihren Arztkollegen auf taube Ohren.

Von Rainer Stadler, München

Konrad Reinhart war in jüngeren Jahren Pfadfinder und Ministrant, später Maoist. Anfang der Siebziger gehörte der gebürtige Franke zum Gründerkreis der Alternativen Liste in Berlin. Seine eigentliche Mission fand er aber als Arzt auf der Intensivstation des Krankenhauses Steglitz. Dort fiel ihm bald auf, dass eine der häufigsten Todesursachen der Patienten eine Krankheit war, über die er im Studium nichts gelernt hatte: Blutvergiftung, unter Medizinern Sepsis genannt. Er begann, sich mit den Ursachen der Krankheit zu beschäftigen, auch mit der Frage, warum sie so oft unentdeckt blieb.

Bis zu 20 000 Todesfälle könnten verhindert werden

Vor allem im Ausland fand Reinhart Mitstreiter, 1987 initiierte er den ersten weltweiten Sepsiskongress. 2010 hob er die Global Sepsis Alliance mit aus der Taufe. Die Lobbyarbeit von Forschern aus verschiedenen Ländern mündete 2017 in eine Resolution der Weltgesundheitsorganisation WHO, die den Kampf gegen Sepsis zur obersten Priorität erklärte. Patientenschützer und Infektiologen aus Schweden, Saudi-Arabien oder Südafrika suchten den Rat des deutschen Pioniers, der bis 2016 an der Uniklinik Jena praktizierte. Doch in seiner Heimat Deutschland, wo Politiker das Gesundheitssystem häufig als das beste der Welt feiern, findet Reinhart mit seinen Erkenntnissen kaum Gehör.

Dabei hat er 2018 in einer Studie nachgewiesen, dass hierzulande mehr Krankenhauspatienten, die eine Sepsis erleiden, daran sterben, als in anderen Ländern. 41,7 Prozent ermittelten er und Fachkollegen des Robert-Koch-Instituts sowie der Gesellschaft für Infektiologie für Deutschland. In Großbritannien lag der Wert nur bei 32 Prozent, in den USA bei 23 Prozent und in Australien bei 18,5 Prozent. Schätzungen zufolge könnten in Deutschland jährlich bis zu 20 000 Todesfälle durch Blutvergiftung vermieden werden

Aufklärung, Schulung und Kontrolle sind das A und O

Reinhart hofft, dass die Ignoranz bald ein Ende hat. In der Pandemie haben die Deutschen gelernt, dass richtige politische Entscheidungen Leben retten, während falsche Entscheidungen Leben kosten können. Das gilt für Corona genauso wie für die Sepsis, zwei Krankheiten, die sich auch in ihrem Verlauf ähneln: Eine Infektion mit einem Mikroorganismus löst eine Überreaktion des Immunsystems aus, häufig kommt es zur Blutgerinnung in den Gefäßen, Zellen werden geschädigt, am Ende versagen die Organe.

Die gute Nachricht, die Reinhart bereithält: Um Zehntausende Sepsis-Todesfälle zu verhindern, müssen nicht flächendeckend Restaurants, Fitnessstudios und Baumärkte geschlossen werden. Es reicht, die Bevölkerung besser aufzuklären, das medizinische Personal zu schulen und zu kontrollieren, dass die Kliniken einige Regeln beim Umgang mit der Sepsis einhalten.

Blutproben zur Ermittlung der Keimart sind unabdingbar

Die Uniklinik Greifswald zeigt, wie das funktioniert. Der Intensivmediziner Matthias Gründling und einige Kollegen überzeugten vor zehn Jahren ihren Vorstand, mehr Augenmerk auf Sepsis im Klinikalltag zu legen. Das bedeutet zunächst, genau zu ermitteln, wie viele Patienten im Haus an Sepsis starben - was in den meisten Krankenhäusern unbekannt ist. Zum Zweiten muss geprüft werden, wie viel Zeit von der Sepsisdiagnose bis zur Gabe eines Antibiotikums vergeht. Spätestens nach einer Stunde sollte das passieren, lautet die Empfehlung. Jede Stunde Verzögerung verringere die Überlebenschance des Patienten um einige Prozent. Sepsis gilt in Greifswald als Notfall, ähnlich wie ein Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Wichtig ist laut Gründling zudem, dass den Patienten noch vor der Gabe des Antibiotikums Blutproben abgenommen werden. Daraus lässt sich der Keim ermitteln, der für die Sepsis verantwortlich ist, und welches Antibiotikum am besten hilft. Labore für derartige Untersuchungen sind meist nachts und am Wochenende geschlossen. Weil kein Notfall so lang warten kann, wurden Mikrobiologen in Greifswald angeheuert, um jederzeit Blutproben analysieren zu können.

In Greifswald sterben ein Viertel weniger Patienten an Blutvergiftung als im bundesweiten Durchschnitt. Auch andere Kliniken könnten das erreichen, sagt Gründling. "Es braucht nur etwas Geld und ein paar Verrückte."

Ein Nationaler Sepsisplan wäre die Lösung

Konrad Reinhart findet, dass es deutlich mehr braucht: Seit Jahren wirbt er für einen Nationalen Sepsisplan in Deutschland. Eine Blutvergiftung könne jeden treffen. Er verweist auf den US-Bundesstaat New York, der vor einigen Jahren mit drastischen Maßnahmen auf den Tod eines Zwölfjährigen reagierte. Der Junge zog sich beim Basketballspielen in der Schule am Arm eine Schnittwunde zu. Vier Tage später starb er an einer Blutvergiftung, die aus der Verletzung resultierte. Weder seine Kinderärztin noch das Personal in der Klinik hatten die tödliche Krankheit zunächst erkannt. Als ihn seine Eltern zum zweiten Mal auf die Intensivstation brachten, waren seine Organe so geschädigt, dass ihn die Ärzte nicht mehr retten konnten.

Die Regierung von New York erließ daraufhin Vorschriften für alle Kliniken des Landes, um die Früherkennung und Behandlung von Sepsis zu verbessern. Sie müssen seitdem genau dokumentieren, wie sie Sepsispatienten innerhalb der ersten Stunde nach Diagnose behandeln, und diese Daten werden auch kontrolliert. Das US-Gesundheitsministerium startete im ganzen Land eine Aufklärungskampagne zu den Risiken und Symptomen der Krankheit.

Der Experte Konrad Reinhart fühlt sich "wie der Prophet im eigenen Land"

Ähnliche Schritte stehen in Deutschland aus. Über Änderungen von Vorschriften und Qualitätsstandards an Deutschlands Kliniken entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) - ein Gremium, dem Vertreter der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken angehören. Reinhart klagt, dass dort Partikularinteressen oft mehr zählten als das Patientenwohl. Der G-BA hat zwar diesen Sommer ein Gutachten zur Sepsisbehandlung in Deutschland in Auftrag gegeben. Doch Reinhart fürchtet, dass noch Jahre vergehen werden, bis die aus seiner Sicht nötigen Beschlüsse gefasst werden. "Dabei geht es doch um Leben und Tod."

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird von Reinhart kritisiert. Sie habe nichts unternommen, um die Bevölkerung über Sepsis zu informieren. Das Wort Sepsis komme nirgendwo auf deren Webseite oder in den Aufklärungsmaterialien vor.

Reinhart selbst wird nicht müde, Parteien und Politiker anzuschreiben, zuletzt erhielten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) Post von ihm. Antwort bekommt der 73-Jährige, dessen Rat im Ausland so geschätzt wird, jedoch nur selten. Zuweilen fühle er sich in Deutschland "wie der Prophet im eigenen Land".

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