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Senioren:Niemanden zurücklassen

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Die Kommunikation via Laptop und Smartphone nutzen auch ältere Menschen, um Hobbys und Kontakte zu pflegen oder um langwierige Besorgungen zu vermeiden. Allerdings haben viele Mühe mit der Technik.

(Foto: imago images/Westend61)

Fast die Hälfte aller Bürgerinnen und Bürger über 65 sieht Digitales eher als Gefahr denn als Chance. Viele Verbände fordern mehr praktische und vor allem einfache Unterstützung bei den ersten Schritten mit Smartphone und Laptop.

Von Johanna Pfund

Der neueste Whatsapp-Post der Oma löst große Heiterkeit unter den Enkelkindern aus: Es ist wieder mal die Küchenfront zu sehen. Und die Großmutter? Seufzt und sagt, sie kann es einfach nicht. Trotz besten Willens kann sie der Logik des Smartphones nicht folgen. Damit ist sie nicht allein - die Teilhabe der Senioren an der digitalen Welt hinkt seit Jahren den erklärten Zielen der Bundesregierung hinter her. Zwar gibt es zunehmend Menschen über 65, die sich souverän - wenn nicht gerade die Corona-Pandemie herrscht - Eintrittskarten im Internet kaufen oder ihre gewünschten Zugverbindungen buchen. Doch der große Rest muss kreativ sein, wenn es um Dinge wie Banküberweisungen, Kartenreservierung oder den Chat mit Freunden oder Familie geht.

Es fehlt an der Umsetzung, kritisiert die Landesseniorenvertretung

Dabei ist das Problem seit Jahren bekannt, wie Franz Wölfl, Vorsitzender der Bayerischen Landesseniorenvertretung betont. "Wir haben kein Kenntnisproblem sondern ein Umsetzungsproblem", sagt Wölfl, der in Landshut lebt. All die Dinge, die im Achten Altersbericht der Bundesregierung im August 2020 veröffentlicht wurden, die seien schon seit 15 bis 20 Jahren bekannt. Zum Beispiel, dass die älteren Menschen bei der Digitalisierung und im Netz abgehängt seien.

Es ist kein kleines Problem. Etwa 18 Millionen Bundesbürger sind 65 und älter, das entspricht circa 21 Prozent der Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte dieser Bevölkerungsgruppe begreift die Digitalisierung eher als Gefahr denn als Chance, wie eine Studie, die zum Digitaltag 2020 erstellt wurde, ergeben hat. Die Jüngeren fühlen sich zwar fitter und haben weniger Angst, aber auch sie schätzen ihre Digitalkompetenz nicht unbedingt als hochklassig ein. "Da gibt es noch sehr viel Potenzial, auch im schulischen Bereich", sagt Anna-Lena Hosenfeld, Projektleiterin der Initiative "Digital für alle". Die Initiative hat den Digitaltag veranstaltet und dahinter steckt ein Zusammenschluss von 28 Verbänden aus Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand. Vertreten ist die Caritas ebenso wie der Digitalverband Bitkom. Das erklärte Ziel ist digitale Teilhabe für alle.

Zurück zu den Senioren: Bitkom hat im Januar und Juli, also vor und nach der ersten Welle der Corona-Pandemie, die ja vielerorts die Digitalisierung beschleunigt hat, nachgefragt, wie hoch Senioren den Nutzen des Internets schätzen. "Es ist bemerkenswert, dass viele Senioren noch keinen Nutzen im Internet sehen", sagt Anna-Lena Hosenfeld, die die Initiative "Digital für alle" leitet. "Viele sagten, sie haben niemanden, der es ihnen erklären kann, viele ältere Menschen empfinden die digitale Welt als zu schnell." Handlungsbedarf ist also gegeben. "Unser Ansatzpunkt ist, wir müssen alle Leute abholen, wir können es uns nicht leisten, diese zurückzulassen."

Aber zu spät, viele fühlen sich schon zurückgelassen. "Ich habe mich wahnsinnig geärgert, als ich gelesen habe, dass man sich hier beim künftigen Impfzentrum mit einem Online-Formular anmelden soll", erzählt Wölfl. "Es gibt Leute, die sind 75 oder 80 und die haben ein Problem mit einem Online-Formular." Auch Banken stellten ältere Menschen vor Probleme mit dem zunehmenden Druck, alle Geldgeschäfte im Internet zu erledigen. "Ich kann das nur, wenn ich meinen PC beherrsche", sagt Wölfl, der deshalb auch schon eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht hat mit der Forderung, dass zumindest die Sparkassen, die ja den Kommunen gehören, weiter als Daseinsvorsorge analoge Dienste anbieten sollen. Grundsätzlich will er, dass Erledigungen bei Behörden auch für die nächsten zehn bis 15 Jahre analog möglich sein müssten. "Die Politik geht davon aus, dass alle Leute ein Smartphone oder Tablet habe, aber das ist nicht so."

Vielen fehlt das Geld für Smartphone oder Laptop

Zum einen, weil manchen das Geld fehlt. Gerade ältere Frauen beziehen oft nur eine kleine Rente, da zählt jeder Euro. Zum anderen reicht ein einmaliger Computerkurs seiner Erfahrung nach nicht, um Seniorinnen und Senioren die Angst vor dem unbekannten Gerät und seinen Möglichkeiten zu nehmen. "Gerade ältere Menschen brauchen die Möglichkeit, einen Ablauf öfter einzuüben." Wenn Kommunen unentgeltlich Hilfe anbieten würden, wäre viel gewonnen, denkt Wölfl.

Der viel gerühmte Nutzen der Video-Chats in Zeiten der Corona-Pandemie bleibt überdies vielen Alten- oder Pflegeheimbewohnern verwehrt - schlicht und einfach mangels verfügbarem Wlan oder Geräten. An vielen Stellen bewegt sich nun aber etwas, wie Hosenfeld erzählt: Es gibt Schulungen fürs Personal, man sammelt Spenden, um Geräte zur Verfügung zu stellen und sucht nach Ehrenamtlichen, die die Bewohner bei ihren ersten Schritte in der digitalen Welt begleiten. "Man muss die Infrastruktur mitdenken", betont Hosenfeld.

Die Nutzung der Geräte sollte einfach sein

Ein weiterer wunder Punkt sind die Geräte an sich, wie Hosenfeld und Wölfl unabhängig voneinander betonen. "Man muss die Nutzung einfach gestalten", sagt Wölfl. Wer liest schon 20, 30 Seiten einer Gebrauchsanleitung? Was, wenn das Häkchen einmal oben, einmal unten zu setzen ist? Was, wenn das Häkchen einmal oben, einmal unten zu setzen ist? Das verwirrt. "Man muss die Komplexität abbauen", sagt Hosenfeld. Zum Beispiel immer die gleiche Benutzeroberfläche zeigen. Und eine große Schrift verwenden, die Menschen mit Sehproblemen die Nutzung erleichtert, das ist Barrierefreiheit.

Selbst wer die Hürden des Digitalen gemeistert hat, betrachtet die Nutzung von PC, Laptop und Smartphone mit einer gewissen Skepsis. "Viele haben Sicherheitsbedenken", erklärt Hosenfeld. "Sie fragen, was passiert mit meinen Daten." Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen: Hosenfeld sieht in diesem Punkt die Notwendigkeit, einen offenen Dialog zu führen und auf die Bedenken einzugehen.

Sind all die Barrieren genommen, bietet der digitale Zugang nach Ansicht Wölfls vor allem ein großes Plus, die Telemedizin. "Es wäre gut, wenn man digital Kontakt mit dem Hausarzt aufnehmen kann und nicht in die Praxis laufen muss", sagt Wölfl. Für Menschen mit Gehbehinderung wäre das eine riesige Erleichterung. Auch für diejenigen, die auf dem Land leben, kein Auto besitzen und auf die wenigen Busverbindungen in die nächste Stadt angewiesen sind. "Das spart Zeit und Kraft." Und vielleicht bleibt dann Zeit und Mut, es noch einmal mit dem Smartphone zu versuchen.

© SZ vom 16.12.2020
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