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Senegal:"Ich würde nie wieder nach Europa gehen"

Afrikanische Flüchtlinge blicken von der italienischen Insel Lampedusa aus auf das Meer. Massamba Fall würde die gefährliche Reise nach Europa nicht noch einmal auf sich nehmen.

(Foto: Imago Stock&People)

Vor zehn Jahren flüchtete Massamba Fall aus dem Senegal nach Spanien. Doch dort warteten nur Enttäuschungen. Jetzt kehrt er zurück.

Vor zehn Jahren haben sie in ihrem Dorf unter dem Baum im Schatten gesessen und gewartet. Darauf, dass einer der Bauern einen Job für sie hat, sei es auch nur für ein paar Stunden. Sie haben darauf gewartet, dass das Leben losging. Es waren lange Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Immer mal wieder haben sie im Fernsehen eine dieser Telenovelas aus Lateinamerika gesehen, mit den dicken Autos und den noch dickeren Klunkern.

Es waren Serien aus Mexiko oder Kolumbien, aber für Massamba Fall und seine Freunde im Norden Senegals war das Europa. Der Ort, wo das Geld auf der Straße lag. Sie schauten sich die Serien an und immer wieder zischte einer: "Barca wala Barsakkh" - "Barcelona oder Tod".

Zehn Jahre später sitzt Massamba Fall in einer kleinen Halle in Saint Louis. Über ihm hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift: "Es ist besser, sich selbst eine Arbeit zu schaffen, als zu flüchten." Den zweiten Teil kann Fall nicht mehr umsetzten, beim ersten will er nun sein bestes versuchen. "Ich würde nie wieder nach Europa gehen. Der Rassismus war furchtbar, es gab keine Jobs, und ich musste mich jahrelang vor der Polizei verstecken."

Es waren zehn Jahre seines Lebens, nach denen er als gemachter Mann zurückkommen wollte, so hatte er es ja den vielen Verwandten versprochen, die das Geld gesammelt hatten für seine Flucht mit dem Boot durch das Meer nach Spanien. Für sie ist er als Versager zurückgekommen, als einer, der es nicht geschafft hat, das Geld einzusammeln, das dort auf der Straße liegt. "Ich konnte nicht mehr", sagt Massamba.

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Die Rückkehrer sollen keine "Loser" sein

Er sitzt nun in einem Kurs der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die Rückkehrern in ein neues Leben helfen will. Damit sie nicht wieder nach Europa gehen, damit sie hier eine Zukunft haben. Dreißig Menschen sitzen in einer Turnhalle in Saint Louis, sie lernen einfachste Methoden der Buchführung, sie lernen, langfristig zu planen. Sie lernen meist das erste Mal im Leben überhaupt, die meisten haben keine Schulbildung. Nach dem Training wollen sie kleine Läden eröffnen oder eine Schneiderei. An den Wänden der Halle auf dem Gelände der Universität von Saint Louis hängen die Banner von deutschen, spanischen und kanadischen Hilfsorganisationen.

Rückkehrprogramme sind ziemlich in Mode in der Entwicklungspolitik, kaum eine Organisation, die sie nicht im Programm hätte, es gibt Fördermittel. Und für die fördernde Politik die Hoffnung, dass sich schnelle Erfolge zeigen. Wenn möglich noch vor der Wahl im Herbst.

"Wir müssen den Menschen eine Perspektive bieten, freiwillig nach Senegal zurückzugehen. Sie dürfen aber dort nicht als Loser ankommen, also nicht als Verlierer in ihren Dörfern dastehen. Deshalb werden sie mit einem Gutschein kommen, mit einem Voucher, mit einem Angebot, mit dem wir sie dort in Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme im Handwerk vor Ort integrieren", sagte Entwicklungsminister Gerd Müller Ende Februar im Bundestag.

Zehn Jahre war er in Spanien - zehn Jahre hat man nachts nach ihm getreten

Es ist nicht ganz klar, von welchem Handwerk er spricht, wenn man durch die Dörfer im Norden Senegals fährt. Es gibt dort viel Staub, ein paar Büsche und Hütten. Aber keine Schalter, an denen man einen Voucher einlösen kann. Das ist die Gegend, in die Massamba Fall nun zurückgekehrt ist. In der er einen Laden eröffnen will. Um ihn in den Augen seiner Verwandten vielleicht doch noch von einem Loser zu einem kleinen Gewinner zu machen.

Wäre es nur nach ihm gegangen und nicht nach der Familie, wäre er früher zurückgekehrt. So hat er es zehn Jahre versucht in Spanien. Zehn Jahre lang habe man nachts nach im getreten, habe er nie genug gehabt, um etwas nach Hause zu schicken. Die meiste Zeit hat er gefälschte Waren auf der Straße verkauft und ist vor der Polizei weggerannt.

Zum Schluss hatte er sogar Papiere und einen Job am Meer, Verleih von Liegestühlen. Weiter ging es nicht. Fall ist nach Hause, obwohl er hätte bleiben können. Die IOM hat ihm das Rückflugticket bezahlt, das Training organisiert und wird ihm eine Anschubhilfe geben, für den Laden, den er eröffnen will. Bis zu 3000 Euro bekommt eine Person. Die IOM bezieht ihre Mittel auch von europäischen Regierungen, die die Wiederaufnahme von Migranten in ihre Heimatländer erleichtern wollen. Gefördert werden nur freiwillige Rückkehrer.

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Der Gedanke an Europa ist wie ein Floh, den man nicht mehr aus dem Kopf kriegt

Was eine freiwillige Rückkehr ausmacht, ist nicht immer leicht zu sagen. Manche Migranten kehren heim, um einer Abschiebung zuvorzukommen. Und damit die Möglichkeit zu haben, irgendwann einmal wieder nach Europa zu gelangen. Organisationen wie die Caritas bieten keine Rückkehrprogramme an. Sie wollten sich nicht an einer Politik beteiligen, die Regierungen in Afrika zwingt, sich gegen ihre Interessen zu wenden, sagt ein Sprecher.

In Senegal ist das Geld, das die Diaspora überweist, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, vor den anstehenden Parlamentswahlen hat die Regierung verkündet, zehn Prozent der Sitze im Parlament werde den Auslandssenegalesen vorbehalten.

Zu denen zählte bis vor einigen Wochen auch Massamba Fall. Jetzt sitzt er in der Halle und paukt die einfachsten Grundlagen der Buchführung und betriebswirtschaftlichen Planung. Wann kauft man was zu welchen Preis? "Und hört nicht auf eure Verwandten, wenn sie kommen und Geld wollen für eine Beerdigung oder den Arzt", sagt ein Ausbilder. Ähnliche Programme sind in der Vergangenheit immer wieder daran gescheitert, dass Anschubhilfen oder Kleinkredite, die eigentlich der Gründung des Unternehmens dienen sollten, im Verwandtenkreis versandeten. Der soziale Druck etwas abzugeben, ist hoch in vielen Teilen Afrikas.

"Deshalb zahlen wir das Geld lieber indirekt aus, in Form von Waren oder Technik", sagt Jo-Lind Roberts, die Landesdirektorin von IOM in Dakar. Etwa 2000 Rückkehrer betreut die Organisation jährlich in Senegal. Dass es durch die Programme weniger Flüchtlinge geben wird, glaubt sie nicht unbedingt. Der Gedanke an Europa sei wie ein Floh, der in den Kopf gesetzt werde und da nicht mehr rauszukriegen sei. "Die Leute schauen die Serien aus Brasilien oder Kolumbien, sehen teure Autos und denken, das habe ich nicht, das will ich auch."

Dazu komme ein hoher Druck aus den Familien und eben der Glaube an den großen Plan Allahs. "Sie haben schon Angst, auf der Flucht zu sterben. Sagen sich aber: Dann ist das der Plan Gottes", sagt Robertson. Massamba Fall ist lebend in Spanien angekommen; als er sich vor zehn Jahren auf den Weg machte, da gab es noch die Route über das Meer, die sie mit den kleinen Pirogen genommen haben.

Mittlerweile beginnt die spanische Küstenwache vor der afrikanischen Küste mit den Gegenmaßnahmen. Aus Senegal muss man nun die Route über die Wüste nehmen und durch Libyen. "Dort hat man ihn behandelt wie ein Tier", sagt Amina Tattbayir, 29, über ihren Mann. Der ist vor einem Jahr losgezogen, weil er seine beiden Frauen nicht mehr mit dem Job als Fahrer versorgen konnte. Er hat sich ein paar Monate in Istanbul durchgeschlagen und ist dann schwer krank zurückgekommen, die Familie muss ihn pflegen und seine zweite Frau nun das Geld verdienen.

Sie hat nun eine kleine Schneiderei mit einigen Angestellten, die IOM hat ihr zwei Nähmaschinen zur Verfügung gestellt. Es laufe gut. "Der Kurs hilft mir sehr, ich habe früher nie über Finanzen nachgedacht", sagt sie. Mehrere Familien muss sie mit dem Geld ernähren, der Mann wird so schnell wohl nicht wieder gesund. Und dann? Wenn es nicht besser wird, würde er sich erneut auf den Weg nach Europa machen? Amina Tattbayir sagt, sie hoffe nicht. Wissen tue das aber nur Gott.

© SZ vom 17.03.2017/bepe

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