Senegal Auf Sand gebaut

Diamniadio soll die geplante Stadt vor den Toren Dakars heißen, Diamniadio heißt auch das Dorf gegenüber der Großbaustelle. Infolge des Projekts steigen hier die Mieten.

(Foto: Lukas Scheid)

Gleich neben der Hauptstadt Dakar soll ein Ableger entstehen, die Planstadt Diamniadio. Die Regierung hofft auf einen Entwicklungsschub. Doch das Projekt schafft auch Verlierer.

Von Anna Reuß, Dakar

Am Straßenrand enthüllen riesige Werbeschilder das, was einmal Macky Salls Vermächtnis sein soll. Ein Foto zeigt Senegals Präsidenten im Anzug, mit Bauarbeiterhelm. Darunter prangt seine Devise: "Hier beginnt der Aufbruch." Hier soll Diamniadio entstehen, eine Art Ableger von Dakar, der senegalesischen Hauptstadt. 40 000 Wohnungen, zehn private Universitäten, zwei Freizeitparks. Ein politisches Erbe in Beton.

Im Internet gibt es zahlreiche Simulationen, wie die Stadt, die vor den Toren Dakars entsteht, einmal aussehen soll: grüne Wiesen, dazwischen Hochhäuser mit Glasfassaden, Springbrunnen und Palmen. Noch aber ist vom versprochenen Aufbruch nicht viel zu sehen. Von der Sportarena existiert bisher nur das Betongerippe. Lkw-Fahrer entspannen in der Sonne, Bauarbeiter suchen in einem Wellblechverschlag den Schatten. Händlerinnen haben die Marktlücke erkannt und verkaufen ihnen Getränke.

Senegal baut sich eine neue Kapitale. Sie soll Dakar entlasten, das auf einer Landspitze liegt, an drei Seiten vom Atlantik eingezwängt. Präsident Macky Sall sparte nicht an Pathos, als er 2016 verkündete: "Diamniadio wird Dakar zu einem besseren Leben verhelfen." Er folgte damit einem kontinentalen Trend: Wird die alte Hauptstadt zu sehr zum Moloch, ruft die Staatsführung ein prestigeträchtiges Projekt gleich nebenan aus. So geschehen in Ägypten, wo Präsident Abdel Fattah al-Sisi 2014 ankündigte, südlich von Kairo anbauen zu wollen. Weiter gekommen ist Nigeria, der Primus in Westafrika, was Wirtschaftsleistung und Bevölkerungsgröße angeht. Seine Hauptstadt ist heute Abuja, doch die größte Stadt ist bis heute Lagos, Abujas Vorgängerin.

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Auch in Senegal könnte das Staatsoberhaupt bald aus der Haupt- in die nahegelegene Ableger-Stadt ziehen. Präsident Sall gab jedenfalls kürzlich bekannt, in Diamniadio einen neuen Präsidentenpalast bauen zu wollen. "Vergessen wir nicht, dass unser Palast ein koloniales Erbe ist", sagte er über den weißen Klotz am Atlantik. In der gleichen Rede kündigte Sall an, dass auch die Vereinten Nationen ihren Sitz verlegen werden.

Nachhaltige Grünanlagen haben ihren Preis

Ob es klug ist, eine Hauptstadt als leere Hülle zurückzulassen, werden Stadtplaner am senegalesischen Versuch irgendwann ablesen können. Eine von ihnen ist Dieynaba Diop. Die 36-Jährige hat in Frankreich studiert, heute arbeitet sie für die staatliche Planungsstelle an der Zukunft von Diamniadio. Der Plan der senegalesischen Regierung ist ehrgeizig: Bis 2035 soll Platz für 300 000 Menschen geschaffen werden, 200 000 Jobs sollen entstehen. Die neue Stadt soll retten, was die alte nicht mehr schafft. "Dakar erstickt", sagt Diop, die Stadt mit circa 2,5 Millionen Einwohnern leide unter Bevölkerungswachstum und -zustrom, es gebe zu wenig Wohnraum, dafür zu viel Verkehr und eine zu hohe Abgasbelastung. Dass nun die gesamte politische Elite umzieht, hat aus Diops Sicht keine Nachteile - im Gegenteil: "Das Projekt zielt darauf ab, den Ballungsraum Dakar international attraktiver zu machen."

Die Regierung sieht in dem Projekt die Chance, Senegals Entwicklung voranzutreiben. Für andere kommt das, was nun passiert, einer Räumungsklage gleich. In Diamniadio, dem gleichnamigen Dorf gleich gegenüber den Baustellen, sitzen sie auf Holzschemeln: Männer, denen im Leben nichts geschenkt wurde. Daam Fall hat fast sein ganzes Leben im Dorf Diamniadio verbracht. In den Sechzigern habe er noch für 700 westafrikanische Francs (CFA) eine kleine Wohnung mieten können, erzählt er. Heute müsse man das Dreißigfache bezahlen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Fall als Bauarbeiter. "Sie haben uns das Land weggenommen", klagt er. Die anderen Männer nicken. "Hier wird ohne Ende gebaut", sagt ein Mann mit verschlissenem Mantel. Neben ihm steht eine Kiste Tomaten. Er verkauft sie für 50 CFA, umgerechnet acht Cent.

In der neuen Stadt planen Dieynaba Diop und ihre Kollegen umweltfreundliche Abwassersysteme und nachhaltige Grünanlagen. Nebenan wissen Daam Fall und die anderen Männer nicht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Immobilien kosten in der Stadt der Zukunft zwischen 1,5 und 20 Millionen CFA. Von staatlicher Seite wird heruntergespielt, dass sich eine Zwei-Klassen-Stadt entwickeln könnte: Die Auswirkungen auf die umliegenden Siedlungen seien "gewaltig", sagt Diop, sie meint das allerdings positiv: "Sie profitieren unmittelbar von den wirtschaftlichen und sozialen Leistungen."

Wer hier kauft, ist entweder Ausländer oder ein reicher Senegalese

Senegal gilt manchen als Vorzeigestaat in Westafrika, das Land ist demokratischer und sicherer als viele Nachbarländer, die mit Terrorismus und extremer Armut zu kämpfen haben. Antworten auf das Bevölkerungswachstum und die Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent findet Senegals Regierung aber kaum. Macky Sall will mit Diamniadio auch für die Zukunft vorsorgen: Sein Land soll unabhängiger von der Landwirtschaft werden, die daran krankt, dass die französische Kolonialmacht ihr einst Monokulturen aufzwang.

Die geplanten neuen Hochschulen sollen den Druck von der Universität in Dakar nehmen, auch wenn niemand weiß, wo die künftigen Fachkräfte im Arbeitsmarkt unterkommen sollen. Macky Sall will mit Ministerien und ausländischen Firmen die Oberschicht nach Diamniadio holen. Die Planstadt und das Dorf mit dem gleichen Namen trennt nur die neue Autobahn: Gegenüber der Baustelle läuft eine Frau mit Kind auf dem Rücken die sandige Hauptstraße entlang. Händler verkaufen Sim-Karten, dazwischen poliert ein junger Mann Schuhe gegen Geld. Diamniadio ist ein Ort der zwei Geschwindigkeiten.

Abdou Njang ist der Sohn des Dorfältesten. Der 44-Jährige trägt Jeans statt des Boubou, des traditionellen, langen Kleidungsstücks. Er ist gut vernetzt und arbeitet als Mittelsmann für eine Immobilienfirma. Vieles hier besäßen sowieso schon die Marokkaner, sagt er. "Die sagen zu mir: Wenn du weißt, dass jemand verkaufen will, gib' Bescheid. Und das tue ich." Bisher seien bereits mehr als 40 Hektar von Ausländern gekauft worden. Stolz erzählt er, dass er gerade erst Grundstücke an Spanier und Italiener vermittelt habe. Er "ölt die Türen" - und nimmt sich dafür seinen Teil. Der Ausverkauf des Dorfes ist für ihn ein Glücksfall.

Vor Kurzem, sagt Njang, habe er ein Grundstück für zehn Millionen CFA an einen "Freund aus Paris" vermittelt. Wer hier kauft, ist entweder Ausländer oder ein reicher Senegalese. Die Vergabe der Grundstücke sei intransparent, räumt er selbst ein: Viele Namen führten zu Briefkastenfirmen. "Mir egal, ich vermittle nur", sagt Njang. Wie er bieten sich auch andere den Franzosen, Marokkanern, Türken als Zwischenhändler an. Sie selbst könnten sich in der futuristischen Planstadt niemals ein Grundstück leisten.

Er will kein Township vor den Toren der Stadt

Abdou Njang stapft durch den Sand. Auf dem Parkplatz neben der Hauptstraße stehen mehr als dreißig "Sept-Place", aufgereiht wie Taxis am Flughafen. Diese Siebensitzer sind das Rückgrat des senegalesischen Transportsystems: Wer schnell und günstig an sein Ziel kommen will, bucht einen Platz in so einem uralten Peugeot, in dem eine zusätzliche Reihe in den Kofferraum eingebaut wurde. Seit die Regierung die Autobahn direkt an Diamniadio-Dorf vorbeigebaut und den Ort damit zum Verkehrsknotenpunkt machte, sind die Sept-Place von hier nicht mehr wegzudenken. Bald wird nebenan, in der neuen Stadt, auch ein Zug halten, der Dakar mit dem neuen Flughafen verbindet: 14 Stationen auf 54 Kilometern, gebaut von französischen Firmen mit senegalesischem Geld.

Der Leiter örtlichen Verwaltung kommt um die Ecke gefahren, zwischen den klapprigen Sept-Place fällt seine staubbedeckte Limousine auf. Er stellt sich als Abdou Ndiaye vor, ein vornehm gekleideter Mann, der für den Bürgermeister des alten Diamniadio arbeite. Der Staat habe die 25000 Einwohner im Ort vor vollendete Tatsachen gestellt, sagt er. Mit jedem Hektar, der an Investoren aus dem Ausland gehe, werde es für die Dorfbewohner schwieriger. Ndiaye ist wütend - auf die Regierung und die Spekulanten. Die Menschen wüssten sehr genau, was hier geschehe, sagt er, "sie kriegen mit, dass es hier in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten vorangeht." Der einzige Vorteil des Projekts seien die Jobs. Die aber brächen weg, wenn Schluss sei mit dem Bauboom.

Der Staat dürfe kein "Township" vor den Toren der Stadt zulassen, sagt er. Der Interessenskonflikt zwischen Regierung und Verwaltung schwelt seit Jahren: 2015 wurde der Gemeinde ein Teil ihrer Fläche weggenommen. Die Regierung überschrieb das Grundstück ohne Zustimmung der Verwaltung an eine Firma. Die Leute im Dorf protestierten. "Ich will kein Ghetto hier", sagt Ndiaye noch, bevor er wegfährt. Auf der anderen Seite der Autobahn, dort, wo die neue Planstadt entsteht, hat im Dezember das erste Luxushotel eröffnet. Eine Übernachtung dort kostet fast so viel, wie ein Senegalese im ganzen Monat verdient.

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