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Seenotrettung:"Das kommt der Aufforderung gleich, Menschen sterben zu lassen"

´Alan Kurdi" nimmt Migranten auf

Die Alan Kurdi stach am 30. März in See und rettete am 6. April 150 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Italien und Malta haben ihre Häfen für private Rettungsschiffe geschlossen. Die Organisation Sea-Eye bittet deshalb die Bundesregierung um Hilfe.

(Foto: dpa)

Seit elf Tagen wartet das Rettungsschiff Alan Kurdi im Mittelmeer auf die Einfahrt in einen europäischen Hafen. Wegen der Corona-Krise machen Länder wie Italien dicht. Die Lage der 150 Flüchtlinge an Bord sei "katastrophal", sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye.

Am 30. März brach die 17-köpfige Besatzung der Alan Kurdi zu einer Seenotrettungsmission im Mittelmeer auf. Am 6. April nahm das Schiff der Regensburger Organisation Sea-Eye 150 Menschen aus zwei Holzbooten an Bord. Seitdem wartet das Schiff auf die Einfahrt in einen europäischen Hafen. Weil Italien und Malta ihre Häfen wegen der Corona-Krise für private Seenotretter geschlossen haben, hofft Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye, auf Hilfe aus Deutschland. Die Lage an Bord sei "katastrophal", erklärt er im Interview. Am Mittwoch versuchte ein Passagier, sich umzubringen.

SZ: Herr Isler, auf der Alan Kurdi spielen sich offenbar dramatische Szenen ab, ein Flüchtling hat angeblich versucht, sich das Leben zu nehmen. Was passiert gerade auf dem Rettungsschiff?

Gorden Isler: Die Leute an Bord befinden sich in einer unglaublichen Stresssituation. Sie werden seit nun elf Tagen auf dem Rettungsschiff festgehalten und nur notdürftig versorgt. Die sanitären Zustände sind unwürdig und katastrophal. Es gibt für 146 Personen eine Dusche und zwei Toiletten. Das ist unerträglich. Viele waren davor schon unter unmenschlichen Bedingungen in libyschen Flüchtlingslager untergebracht. In der Nacht zum Mittwoch hat ein 24 Jahre alter Mann versucht, sich das Leben zu nehmen. Er war verzweifelt und wollte sich die Pulsadern aufschneiden. Seine zwei Cousins an Bord haben ihn davon abgehalten. Alle drei wurden daraufhin auf unserer Krankenstation behandelt.

Wie geht es ihnen?

Alle drei standen unter Schock. Der 24-Jährige beschrieb uns, dass er in libyschen Lagern Gewalt erlebt hat, und auch wie anderen Gewalt angedroht wurde. Mit diesen Erfahrungen ist er an Bord gekommen und wurde elf Tage festgehalten. So etwas führt dazu, dass Menschen die Nerven verlieren. Wie es ihnen jetzt geht, wissen wir nicht. Sie wurden gestern von der italienischen Küstenwache abgeholt.

In welchem Zustand?

Unsere Ärztin schreibt in ihrem Bericht, dass er permanent unter Angstzuständen litt. Er konnte sich aber bewegen und von den Italienern auf ihr Schiff gebracht werden. Wir können solche Probleme mit 17 Crewmitgliedern und 150 Passagieren an Bord nicht managen.

Wie geht es den anderen Passagieren?

Die Leute sind aufgewühlt. Sie müssen verstehen, in welcher Situation sie sind. Deshalb haben wir sie sehr ausführlich über die Lage informiert.

Italiens Verkehrsministerium will die Flüchtlinge auf ein größeres Schiff verlegen und dort unter Quarantäne stellen. Was wissen Sie darüber?

Wir haben aus italienischen Nachrichten erfahren, dass es um das Schiff GNV Azzurra gehen soll. Aus Berlin oder Rom hat uns niemand konkrete Details genannt. Ich verstehe, dass man das gut vorbereiten muss, aber die Nachricht ist jetzt vier Tage her und es gibt keinen Hinweis, wie und wann das passieren soll. Wir werden vertröstet und bekommen keinen klaren Zeitplan. Für uns ist das wirklich schwierig.

Gibt es einen Corona-Fall an Bord?

Wir haben Tag elf, die 14-tägige Quarantänezeit ist also fast vorüber und es zeigt niemand Symptome. Ein Quarantäneschiff brauchen wir nicht mehr. Wenn man dieses Schiff wirklich schickt, geht es nur darum, dass die Leute nicht an Land sollen und vom Schiff aus auf EU-Länder verteilt werden sollen.

Das Bundesinnenministerium hat Rettungsorganisationen wie Sea-Eye in einem Schreiben vom 6. April angesichts der Corona-Pandemie aufgefordert, keine Fahrten mehr zu unternehmen und Schiffe zurückzuholen. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Weil man das nicht machen kann. Das sind dieselben Politiker, die seit Wochen betonen, dass die Menschen in der Corona-Krise alle freiheitlichen Einschränkungen hinnehmen müssen, weil es darum gehe, Leben zu retten - und jedes einzelne Leben sei kostbar. Auf der anderen Seite sagen sie, wir sollen die Rettungsarbeit einstellen? Das kommt der Aufforderung gleich, Menschen sterben zu lassen. Und das ist schon passiert. Es sind am Osterwochenende mindestens fünf Menschen im zentralen Mittelmeer ertrunken, weil die maltesische Rettungsstelle nicht reagiert hat. Und es werden immer noch Leute vermisst.

Haben Sie aber nicht auch Ihre eigene Crew durch den Einsatz in Gefahr gebracht?

Wir haben das mit der Crew, die schon vor der Mission 14 Tage zusammen war, diskutiert. Wir hätten es verantwortungslos gefunden, eine einsatzbereite und trainierte Crew nach Hause zu schicken statt in den Rettungseinsatz zu fahren. Weil das Wetter jetzt besser wird, machen sich wieder mehr Menschen auf den Weg über das Mittelmeer. Die Politik betont gerade immer wieder, wie wichtig jedes einzelne Menschenleben ist. Hier stellt sie aber klar, dass eben nicht jedes Leben gleich viel wert ist und nicht jedes Leben schützenswert ist.

gorden isler

"Wir wollen diesen Einsatz so schnell wie möglich beenden", sagt Gorden Isler, Vorsitzender des Regensburger Seenotrettungsvereins Sea-Eye.

(Foto: sea eye)

Haben Sie die Befürchtung, libyschen Schleppern in die Hände zu spielen, wenn Sie Ihre Rettungsfahrten im Mittelmeer fortsetzen?

Diese Pull-Faktoren-Theorie ist wissenschaftlich mehrfach widerlegt worden. Das UNHCR (das UN-Flüchtlingskommissariat Anm. d. Red) sagt genau das Gegenteil.

Sie werfen der EU vor, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken zu lassen und kritisieren, der "erbarmungslose Umgang" sei nicht mit der Pandemie zu rechtfertigen. Was fordern Sie konkret?

Wir wollen diesen Einsatz so schnell wie möglich beenden. Italien und Malta verwehren uns aber wegen der Gesundheitslage die Einfahrt in einen sicheren Hafen. Jetzt muss die Bundesregierung handeln, Deutschland ist unser Flaggenstaat. Notfalls muss Deutschland bereit sein, alle 146 Menschen an Bord aufzunehmen. Das ist nicht zu viel verlangt. Selbst der Bundesaußenminister hat in einem Interview gesagt, dass es für die Alan Kurdi auch eine Lösung sei, nach Deutschland zu kommen.

Das Schiff könnte in einem deutschen Hafen anlegen?

Das wissen wir selber nicht. Aber das italienische Schiff, auf das wir seit vier Tagen warten, ist ein Fährschiff. Das wäre in der Lage, jeden europäischen Hafen zu erreichen. Und ich vermute, dass es in den Gesprächen zwischen Italien und der Bundesregierung genau darum und auch um die Verteilung geht.

Fürchten Sie weitere dramatische Szenen auf der Alan Kurdi?

Natürlich! Die Geretteten an Bord lernen doch gerade, dass sie durch selbstgefährdendes Verhalten an Land kommen können. Das bringt Europa ihnen gerade bei. Die italienische Küstenwache war am Mittwoch mit drei Schiffen vor Ort - für drei Personen. Die wissen genau, warum sie drei Schiffe geschickt haben. Dort sind 149 Gerettete an Bord, die könnten ins Wasser springen. Es wäre fast so weit gewesen. Diese Evakuierung hat zwei Stunden gedauert, weil die Menschen zwei Stunden an der Reling standen und riefen "Nehmt uns mit!". Manche haben gedroht, ins Wasser zu springen.

Wie lange kann die Alan Kurdi noch auf See ausharren?

Das kann nur die Kapitänin entscheiden. Sie muss im Äußersten den Notstand erklären und im Zweifelsfall selbst entscheiden, die Menschen in einen Hafen zu bringen.

Das wäre eine ähnliche Situation wie mit Carola Rackete, die im vergangenen Jahr trotz Verbots einen italienischen Hafen angesteuert hatte und daraufhin festgenommen wurde.

Die Kapitänin könnte irgendwann dazu gezwungen sein, genau das zu tun. Sie darf es nicht so weit kommen lassen, dass Leib und Leben an Bord in Gefahr geraten.

Wir berichten in der Regel nicht über Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe.

© SZ.de//mcs

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