Seehofer und der Machtkampf in der CSU Der Dritte auf dem Tandem

Zwei sind sich einig, und das motiviert den Bundesagrarminister erst recht. Parteichef will er mit Hilfe der Jungen und der alten Stoiber-Anhänger werden.

Von Peter Fahrenholz

Vielleicht ist es ja so, dass am Ende Edmund Stoiber, das Opfer, der eigentliche Sieger ist. Dass mit den beiden Ämtern, die er in wenigen Monaten verlieren wird, endlich eine riesige Last von ihm abfällt. Seitdem er vor knapp einem Monat den Ernst seiner Lage erkannt und unerwartet seinen Rückzug für den Herbst angekündigt hat, reiben sich seine Parteifreunde verwundert die Augen. Das ist nicht mehr der verbissene, alte Stoiber, der mit endlosen Monologen nervt, nicht zuhören kann und ständig gehetzt wirkt.

Plötzlich ist er locker und gesellig. Bei einem Festakt im Münchner Landtag konnten die CSU-Abgeordneten neulich beobachten, wie ihr Noch-Chef nicht nur am Rotwein nippte, sondern sich kräftig nachschenken ließ.

Und bei der Feier zum 65.Geburtstag von CSU-Vize Ingo Friedrich kam Stoiber ganz ohne den berüchtigten und meist ziemlich dicken Stapel seiner grünen Manuskriptblätter und hielt aus dem Stegreif eine launige Festansprache. "Die Leute sagen: Das ist ja ein ganz anderer Stoiber", erzählt ein langjähriger Stoiber-Kenner und kann es selbst kaum glauben. "So, wie er jetzt ist, hätte er auch weitermachen können", juxt ein CSU-Präside.

Die Verwandlung von Edmund Stoiber ist allerdings so ziemlich das einzig Positive, was der Hurrikan, der über der CSU getobt hat, hinterlassen hat. Ansonsten herrscht in der Partei große Konfusion.

Keiner weiß, wie der Machtkampf um die CSU-Führung ausgehen und welche Schäden er anrichten wird. Alle Versuche, eine einvernehmliche Lösung hinzubekommen, sind gescheitert. Seit dieser Woche ist klar: Es wird zu einem monatelangen Wahlgetöse zwischen Horst Seehofer und Erwin Huber kommen.

Die katholischen Bataillone

Das ist die Folge einer Operation, die gründlich aus dem Ruder gelaufen ist. Denn dass sich in Kreuth Erwin Huber und Günther Beckstein, die beiden treuesten Stoiber-Paladine, auf eine Teilung seines Erbes verständigt hatten, stand so nicht im Drehbuch für einen friedlichen Übergang. "Das war ein Betriebsunfall", räumt einer der Teilnehmer ein.

Eher zufällig führte dieser Betriebsunfall zu dem Ergebnis, das noch am Abend zuvor keiner für möglich gehalten hatte: dass Stoiber aus freien Stücken ging, ohne gestürzt werden zu müssen. Für eine Partei wie die CSU, die ständig den Wert von Harmonie und Geschlossenheit beschwört (wobei es mit dem Praktizieren immer wieder gewaltig hapert), ist das unerhört wichtig.

Vorhersehbar war indes, dass es mit der geplanten Erbfolge nicht so reibungslos gehen würde. Denn in der nächtlichen Kreuther Kungelrunde war einfach über den Kopf eines Dritten hinweg politisch gedealt worden: Horst Seehofer, der an der Parteibasis populäre Parteivize, stand plötzlich nicht mehr auf der Liste. Für Seehofer war das ein doppelter Schock.

Denn er war in den turbulenten Kreuther Tagen durch die Enthüllungen über sein Privatleben politisch manövrierunfähig. Dass er in Berlin seit drei Jahren eine Geliebte hatte, die auch noch ein Kind von ihm erwartet, wäre in einer aufgeklärteren Partei vermutlich Stoff für ein bisschen Tratsch gewesen, der sich dann auch wieder gelegt hätte. In der CSU aber, wo die katholischen Bataillone noch immer mächtige sind, kann so etwas die politische Karriere ernsthaft bedrohen.

Seehofer hätte kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt in den Herbststurm seiner Gefühle geraten können. Denn bei seiner politischen Wiederauferstehung war der unberechenbare Charismatiker aus Ingolstadt ein gutes Stück vorangekommen. Nach dem Streit um die Gesundheitspolitik in der Union Ende 2004 war er eigentlich politisch tot.

Doch dann boxte ihn ausgerechnet Stoiber, der ihn im Gesundheitsstreit in letzter Minute im Stich gelassen hatte, um damals nicht die Spaltung der Union zu riskieren, gegen erbitterte Widerstände aus CDU und CSU als Landwirtschaftsminister ins Kabinett Merkel.

Seehofer, alles andere als ein ausgefuchster Agrarexperte, bekam sein neues Haus rasch in den Griff und robbte sich wieder heran: an seine eigene Partei und wohl auch an die Kanzlerin, die ihn um jeden Preis hatte verhindern wollen. Hätte er keine spektakulären Extratouren geritten und wäre Stoiber noch eine Weile im Amt geblieben, wäre ihm das Amt des CSU-Chefs wohl irgendwann quasi automatisch zugefallen.

Und jetzt das: die Verschwörung von Kreuth. Seehofer brauchte allerdings nur kurz, um sich zu sortieren. Es war praktisch die Stunde zwischen zwei Anrufen an jenem Donnerstag, an dem Stoiber zurücktrat. Erst rief ihn Beckstein an, mit dem er bis dato gut ausgekommen war. "Es gibt da eine Erwägung", sagte Beckstein über seine neue Allianz mit Huber.

Eine Stunde später rief Huber an, und da klang es schon viel weniger vage: "Es ist so. Auf gute Zusammenarbeit." Da packte Seehofer wieder jener Polit-Virus, von dem er so befallen ist wie kaum ein anderer. Er nahm den Kampf an. "Die haben nicht geglaubt, dass ich kandidiere", sagt Seehofer über seine Parteifreunde in München, "die hatten mich nicht auf der Rechnung."

Am Montag scheiterte der letzte Versuch der engsten Führungsriege, Seehofer zum Verzicht zu bewegen. Am Schluss hatten die gemeinsamen Gespräche ohnehin eher therapeutischen Charakter. Eine Art Kriegsvermeidung. Wer miteinander redet, zündelt nicht gegen den anderen. "Das hebt die Hemmschwelle", heißt es im Stoiber-Lager. Stoiber will ja jetzt als ehrlicher Schiedsrichter darüber wachen, dass nicht unter der Gürtellinie gearbeitet wird im Nachfolgekampf.

Das ist einerseits bitter nötig, andererseits gibt es in der CSU viele, die daran zweifeln, dass die gesammelten Fairness-Schwüre wirklich monatelang halten. Denn wohl noch nie war die Lage in der CSU so kompliziert und verworren. Das fängt schon bei den heiklen persönlichen Beziehungen der handelnden Akteure an. Das neue Traum-Tandem Beckstein/Huber etwa.

Ein ganz harmonisches Paar

Wer in der CSU daran zurückdenkt, wie giftig sich Beckstein und Huber im Herbst 2005 beharkt haben, als beide Ministerpräsident werden wollten, kann sich nur schwer vorstellen, dass plötzlich eine ungetrübte Freundschaft zwischen ihnen ausgebrochen ist. Damals hatte jeder in der CSU-Fraktion, der etwas auf sich hielt, von beiden ein Angebot für einen Posten im Kabinett.

Dass Beckstein seine Präferenz für Huber als neuen CSU-Chef so demonstrativ betone, hänge auch damit zusammen, dass ihn die heimliche Angst umtreibe, sein neuer Tandempartner könne doch noch umschalten und lieber für das Amt des Ministerpräsidenten kandidieren, hört man in München. Bloß keinen Keil hineintreiben lassen, ist die Devise des Duos. Selbst bei Terminen in kleinster Runde, so heißt es, würden Beckstein und Huber darauf achten, dass sie immer nebeneinander zu sitzen kommen.