Sechstagekrieg vor 50 Jahren "Ich habe einen Familienvater getötet - da zerreißt es dich"

Israelische Soldaten rücken im Juni 1967 auf dem südlichen Sinai auf ägyptischen Stellungen vor.

(Foto: dpa)

Jenseits des Siegesrauschs: Was israelische Soldaten kurz nach dem Sechstagekrieg vor 50 Jahren übers Töten, die Rolle Israels und ihr Verhältnis zu den Arabern dachten.

Zusammengestellt von Barbara Galaktionow

Vor 50 Jahren eroberte Israel, das sich von seinen arabischen Nachbarstaaten bedroht sah, in sechs Tagen - vom 5. bis 10. Juni 1967 - die Sinaihalbinsel, den Gazastreifen, das Westjordanland, Ost-Jerusalem und die syrischen Golanhöhen. "Aus der Angst der bevorstehenden Vernichtung (wurde) die Freude über einen fast übernatürlichen Sieg", beschreibt der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz die damalige Gefühlslage in Israel. All die Euphorie ließ für die Ängste, Qualen und brennenden Fragen, die mit dem Krieg und seinen Konsequenzen verbunden waren, in der öffentlichen Debatte jedoch keinen Raum.

Gemeinsam mit Avraham Shapira, Kulturredakteur und Professor für Judaistik und jüdische Geschichte, initiierte Oz kurz nach dem Krieg Gespräche mit israelischen Soldaten, die sich genau um diese Themen drehten. 1968 erschienen die - zum Teil zensierten - Protokolle dieser Gespräche erstmals in Buchform. Sie erregten erhebliches Aufsehen.

Der schnelle Erfolg brachte nicht den erhofften Frieden

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Nun ist auf Deutsch eine erweiterte Neuauflage des Buches erschienen (Amos Oz, Avraham Shapira: Man schießt und weint. Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg, Westend Verlag).

Hier einige Auszüge, die Einblick geben, welche Fragen und Gedanken die Soldaten unmittelbar nach dem Krieg umtrieben:

"Und da bin ich - und habe einen Familienvater getötet"

"Wir töteten einen ägyptischen Offizier im Kampf, und dann dachten wir, es könnte nützlich sein, ihm seine Papiere abzunehmen. Und plötzlich finde ich unter seinen Papieren ein Foto von zwei kleinen, lächelnden Kindern am Strand. Und einen Brief in weiblicher Handschrift. Sofort dachte ich (es war mitten im Gefecht und rundherum wurde geschossen): Wie ist einer Familie zumute, deren Sohn gefallen ist? Und da bin ich - und habe einen Familienvater getötet. Da zerreißt es dich. Andererseits, fünf Minuten später, in einem anderen Abschnitt, erwischte ich mich plötzlich dabei, wie ich schieße und töte, wie bei einer alltäglichen Aktion, wie in einem Spiel, das ich gelernt hatte, etwa in den Sommerferienlagern." Shmuel, verheiratet, ein Kind, kämpfte in einer motorisierten Patrouilleneinheit

"So ungefähr war mir zumute, als ich auf wirkliche Menschen schoss"

"Nein, ich dachte an nichts. Mitten im Krieg ja, als wir unter Beschuss waren ... Jetzt weiß ich, dass es eine höllische Schießerei war, damals wusste ich noch nicht einmal, woher das Feuer kam. Alles ging so schnell, mein Panzer war defekt, meine Kanone schoss nicht, der Turm drehte sich nicht, und ich knallte mit dem, was mir blieb, mehr oder weniger in die richtige Richtung. Manchmal sah ich die rennenden ägyptischen Soldaten. Ich ballerte auf sie und freute mich, dass ich so ruhig schießen konnte. Sie schienen mir wie Puppen auf dem Jahrmarkt, die man sich mit dem Luftgewehr vornimmt - und wenn du triffst, bist du unheimlich stolz, dass du getroffen hast. So ungefähr war mir zumute, als ich auf wirkliche Menschen schoss. (...) Und ich werde nie wieder auf die Geschichten reinfallen, von der Schönheit des Krieges und dass es herrlich wäre, zu kämpfen und zu sterben." Eliahu

"Beinahe wäre er zum Krieg zu spät gekommen"

"Schon am ersten Tag verfolgte mich das Bild eines Bürschchens, das zu spät kam. Der Junge suchte nach uns in einigen Orten, wo das Bataillon schon durchmarschiert war. Schließlich holte er uns ein, eine halbe Stunde, bevor wir in die Busse nach Jerusalem stiegen. Und er fiel als Erster. Beinahe wäre er zum Krieg zu spät gekommen." Yiftah, 27, verheiratet, zwei Kinder, früher Fischer, dann Molkereiviehzucht, kämpfte als Feldwebelleutnant in einer Fallschirmjägereinheit in Jerusalem

"Figuren in einem Spiel"

"Der Hass ... dieser Hass, den du manchmal für einen Menschen empfindest ... dieses schreckliche Gefühl, dass du dich nicht überwinden kannst und schießen musst und töten und zerstören - das gab es bei mir in keiner Phase des Krieges. Du hast gespürt, dass sowohl der Feind und auch du, dass ihr Figuren in einem Spiel seid." Ehud

"Jerusalem hat für mich eine viel tiefere Bedeutung"

"Ich war nicht bei den Eroberern Jerusalems. Doch ich denke, dass man einen technischen Unterschied machen muss zwischen Jerusalem und den anderen Gebieten. Solange das Sicherheitsbedürfnis des Staates uns zwingt, in diesen Gebieten zu bleiben, müssen wir dort bleiben. Ich sage: In dem Moment, in dem die Sicherheitsprobleme gelöst werden, gibt es kein Recht, in diesen Gebieten zu bleiben, solange sie nichts als ein Resultat unserer militärischen Erfolge sind. Und gleichgültig, wer den Krieg angefangen hat und vor welchem Hintergrund er begann. Was Jerusalem angeht, würde ich das nicht so sagen. Denn Jerusalem hat für mich eine viel tiefere Bedeutung ... Weil ich weiß, dass das der Ursprung war, die Grundlage der jüdischen Welt." Lotan, 30 Jahre, Vater eines sechs Monate alten Kindes, Landvermesser, kämpfte als Sergeant in einer Spähpatrouilleneinheit

"Wir werden mit den Arabern leben müssen"

"Und er (der Kommandeur) erklärte: 'Wir werden mit den Arabern leben müssen ... wenn nicht jetzt, dann in zehn Jahren. Es muss sein. Jede Grausamkeit von uns jetzt wird wiederum Hass erwecken.' Und er fügte hinzu: 'Man kann behaupten, dass es nichts einbringt, wenn wir sie gut behandeln, ihre Verwundeten verbinden, ihnen zu trinken geben und Zigaretten und uns ihnen gegenüber fair verhalten. Doch behaupte, dass sich so etwas bezahlt macht.' Und er hat überzeugt. Die Leute glaubten an ihn. Nach seinen Worten war dieses Problem abgetan. Es gab keine Anzeichen von Grausamkeit." Peter, 40, Vater von zwei Kindern, stammt aus der Tschechoslowakei, war im Konzentrationslager Theresienstadt, Feldwebelleutnant in einem Panzerregiment

"Die Mutigen sind die, die es verstanden, das Unglück zu ertragen"

"Im Krieg gibt es keine menschlichen Phänomene, die für Ruhm oder Heldentum stehen. Ich glaube nicht, dass wir einen Helden in der Stunde des Kampfes bei uns hatten. Die Mutigen sind die, die es verstanden, das Unglück und die Verluste nach dem Krieg zu ertragen. Ich glaube, ich bin voller Furcht." Brief von Uri Zemora

"Es ist schwer, ein religiöser Jude zu sein"

"Es wurde schon oft gesagt - und ich teile die Meinung, dass es schwer ist, Jude zu sein, und zwar physisch, moralisch, theoretisch -, es ist schwer, ein religiöser Jude zu sein, und es ist schwer, bei dieser ständigen Kriegsgefahr human zu bleiben ... Es gibt hier viele Widersprüche. Doch man darf deshalb nicht aufgeben." Nahman, 40, Vater von sieben Kindern, Fürsorgeoffizier in der Armee

"Die nächste Runde wird noch grausamer sein"

"Ich habe dauernd das Gefühl, die nächste Runde wird noch grausamer sein. Wenn uns bis jetzt ein großer Teil der Araber nicht wirklich gehasst hat, so sieht das jetzt anders aus, nachdem wir zu einer Besatzungsarmee geworden sind, zwar zu einer anständigen, denn den Juden, besonders den Kibbuzniks, liegt die Rolle des Herrenmenschen nicht. Wir halten Gebiete, in denen seit Generationen eine arabische Bevölkerung lebt. Deshalb wird der Krieg auch grausamer sein, und es wird viel mehr Opfer geben." Avishai

Der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel einerseits und Ägypten, Jordanien und Syrien andererseits begann am 05.06.1967 und endete am 10.06.1967. Seither besetzt Israel die Palästinensergebiete Westjordanland und Gazastreifen sowie Ost-Jerusalem und die syrischen Golanhöhen. Verhandlungen für eine friedliche Lösung des blutigen Konfliktes sind immer wieder gescheitert.

Amos Oz und Avraham Shapira: "Man schießt und weint. Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg" Westend Verlag, 360 Seiten, 24 Euro

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