Österreich-Kolumne:Teflon-Kurz ist weiterhin da

Es scheint zwei Versionen von Sebastian Kurz zu geben: eine wirkt seltsam steif und bisweilen dilettantisch - die andere führt mit deutlichen Ansagen immer noch die Umfragen an. Wo liegt die Wahrheit?

Von Cathrin Kahlweit

Österreich-Kolumne: Enger Anzug, perfekte Haare - und wilde Vergleiche: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Enger Anzug, perfekte Haare - und wilde Vergleiche: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

(Foto: Helmut Fohringer/AFP)

Ich möchte Ihnen während der parlamentarischen Sommerpause etwas über Sebastian Kurz - und über Sebastian Kurz erzählen.

Es gibt nämlich zwei Kurze, wie mir scheint. Neulich war ich an einem lauen Sommerabend in einem Gartenrestaurant an der Neuen Donau, wo Maschek aufgetreten ist. Für Nicht-Österreicher: Maschek ist ein legendäres Kabarett-Duo/Trio, das aus Peter Hörmanseder, Robert Stachel und manchmal Ulrich Salamun besteht - und seit vielen Jahren mit großem Erfolg und unglaublicher Vielfalt an Stimmen und Dialekten TV-Material mit Voiceover und satirischem Untergriff synchronisiert. Diesmal spielte Maschek "Das war Corona; ein Jahr, das nicht sicher war".

Und abgesehen davon, dass die Politikertruppe, die Österreich derzeit regiert, in den Bildausschnitten auch schon ohne die entblößenden Texte von Hörmanseder und Stachel seltsam steif, mechanisch, hilflos und dilettantisch wirkte, so war die eigentliche Überraschung doch der Kanzler: der Mann, der die Pandemie immer dann zur Chefsache zu machen versuchte, wenn er sich mit Erfolgen brüsten wollte, wirkte in dem ganzen Programm schockierend blutleer: ein freundlich lächelnder Mensch in gut geschnittenen Anzügen und mit perfekt geföhntem Haar, der wenig mehr tat, als seine gut eingeübte Gestik einzusetzen und wiederum neben Menschen zu stehen, die schlecht eingeübte Sätze aufsagten.

Kurz zieht wilde Vergleiche - die Umfragen führt er trotzdem an

Natürlich muss es nicht, aber es kann die Auswahl des Materials gewesen sein, die diesen Eindruck vermittelte. Denn es gibt, wenn man sich nur die vergangenen Wochen anschaut, auch einen zweiten Kanzler. Der sagt die befremdlichsten Dinge, gibt peinliche Interviews, kommt damit aber durch, fährt Punktsiege gegen den Koalitionspartner, die Opposition und die Justiz ein und führt mit seiner Partei immer noch unangefochten die Umfragen an.

Dieser Sebastian Kurz zum Beispiel verglich tatsächlich unlängst Kritik an der katholischen Kirche und ihre Vertuschungsversuche im Umgang mit pädophilen Priestern mit Kritik an der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). Wo sich jemand etwas "zuschulden kommen" lasse, sei es "legitim, das anzusprechen". Was also hatte sich die Staatsanwaltschaft zuschulden kommen lassen, das auch nur im Entferntesten in einem Atemzug zu nennen wäre mit den allfälligen Missbrauchsskandalen der Kirche? "Es war am Anfang nicht gerne gesehen, wenn es öffentlich Kritik an der Kirche gab", so Kurz in der Sendung "Vorarlberg live".

Auch bei der WKStA hätten sich einige Problemfelder aufgetan; so gebe es "sehr, sehr viele Anschuldigungen, die medial in den Raum gestellt werden, die sich dann im Nachhinein alle als falsch herausstellen". Seine Schlussfolgerung: Keine Institution dürfe sakrosankt sein. Seine Botschaft: Mediale Anschuldigungen wegen seiner möglichen Falschaussage im Ibiza-Untersuchungsausschuss seien falsch. Und die massive Kritik der ÖVP an der Staatsanwaltschaft gut "für das System".

Derselbe Kanzler sagte auch in einem Interview mit den Vorarlberger Nachrichten, im Kampf gegen die Klimakatastrophe führe der "richtige Weg" nicht zurück in die Steinzeit; Klimaschutz funktioniere nicht durch Verzicht, stattdessen müsse man "auf Innovation und Technologie" setzen. Beide Aussagen - jene über Kirche und WKStA und jene über die Klimakatastrophe, sind in scheinbar naivem Ton formuliert, aber in der Sache durchaus strategisch platziert. Er stehe auf der "Seite der Bürger", betont Kurz gern, tut so, als gebe es leichte, schmerzlose Lösungen für brennende Probleme und drohende Katastrophen, und packt eine Portion Hybris obendrauf.

Seine Kritiker mögen fassungslos den Kopf schütteln, aber seine Fans fühlen sich bestätigt: Vielleicht nicht die Message Control, aber die Message greift. Hier redet einer, der sich zu wehren weiß gegen politische Gegner, Linkslinke, politisch Überkorrekte, Wohlstandsfeinde und Umwelt-Radikale.

Untermauert wird dieser Eindruck noch durch die Weisung aus dem Justizministerium, die festlegt, dass Kurz in seinem Verfahren wegen möglicher Falschaussage nun von einem Richter, nicht von der WKStA selbst befragt werden muss. Kurz und sein Anwalt hatten das beantragt, weil es sich "um einen besonderen Fall und eine besondere Persönlichkeit" handele. Ohne auf die Frage einzugehen, ob das ein großer Sieg der Kurzisten oder eine reine juristische Selbstverständlichkeit sei, bleibt doch vor allem ein Eindruck zurück: Die Teflonhülle des Kanzlers ist intakt.

Bei Maschek geht die Sache anders aus. Nach 80 Minuten Programm und sehr viel Sebastian Kurz bleibt eine einzige Bemerkung von ihm im Ohr: "Und hobt's schon Mittaggessen? Jo? Jo?"

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© SZ/fhas
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