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Scotland Yard:Die Beste, die Erste

Jetzt führt eine Frau Englands berühmte Polizeibehörde: Cressida Dick gilt als eine der talentiertesten Ermittlerinnen ihrer Generation.

Cressida Dick hatte ihren Traum, eines Tages an der Spitze der Metropolitan Police zu stehen, schon aufgegeben. 2014 wechselte sie nach 31 Jahren im Dienst von Großbritanniens größter Polizeibehörde ins Außenministerium. Wofür sie dort genau zuständig war, blieb vage. Nun hat die Regierung verkündet, dass Cressida Dick zurückkehrt zur Metropolitan Police, besser bekannt als Scotland Yard, und zwar als Chefin. In der 188 Jahre währenden Geschichte der Londoner Polizei ist sie die erste Frau, die es bis ganz nach oben geschafft hat. Die 56 Jahre alte Dick gilt als talentierteste Polizistin ihrer Generation.

Wohl keine andere Polizeibehörde auf der Welt ist so sehr zu einem urbanen Mythos geworden wie Scotland Yard. Die Ermittler galten als die fähigsten des Erdballs, ein Bild, das seit dem 19. Jahrhundert in unzähligen Kriminalromanen geformt und gefestigt wurde. Dass unter den Beamten des Yards auch Unfähigkeit, Rassismus und Korruption verbreitet waren, wird meistens verschwiegen.

Am 29. September 1829 gründete der damalige Innenminister Robert Peel die Behörde, um für mehr Sicherheit in der Hauptstadt des Empires zu sorgen, mithin: in der damals bedeutendsten Stadt der Welt. Das Klischee will es, dass der Ermittler von Scotland Yard damals mit der Pfeife im Mund auch die kniffligsten Fälle löste. Tatsächlich blieben viele Fälle ungelöst. Einer der berühmtesten: Als Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Hauptquartier gebaut wurde, fand sich just auf dem Baugrund eine verstümmelte Frauenleiche. Den Täter haben die berühmten Ermittler nie gefasst. Heute ist Scotland Yard eine hochmoderne Behörde mit 43 000 Mitarbeitern. Noch immer sind übrigens die meisten Londoner Polizisten unbewaffnet: Lediglich 2200 von ihnen tragen eine Waffe.

Cressida Dick, die neue Chefin, studierte in Oxford Land- und Forstwirtschaft, bevor sie 1983 ihren Dienst bei Scotland Yard antrat und zunächst Streife im Londoner West End ging. Dort lernte sie die Grundlagen des Berufs. 1993 wurde sie in ein Förderprogramm für besonders begabte Polizisten aufgenommen, was ihre Karriere deutlich beschleunigte. Sie bildete sich fort und fügte ihrem Abschluss aus Oxford noch einen Master in Kriminologie aus Cambridge hinzu. Sie war die Beste ihres Jahrgangs.

Im Jahr 2005 leitete sie die Operation Kratos. Nach den Terroranschlägen in London, bei denen 52 Menschen getötet und mehr als 700 verletzt wurden, war es die Aufgabe ihres Teams, weitere potenzielle Selbstmordattentäter aufzuspüren. Zwei Wochen nach den Anschlägen erschossen ihre Beamten den unschuldigen Brasilianer Jean Charles de Menezes. In einer Untersuchung hieß es, die Polizei habe schwerwiegende Fehler begangen, Dick sei jedoch frei von persönlicher Schuld. Die Familie von Menezes hat die Ernennung von Dick scharf kritisiert.

Ihre erste große Aufgabe erwartet die neue Scotland-Yard-Chefin in diesem Sommer: Der amerikanische Präsident Donald Trump wird zum Staatsbesuch erwartet, und Hunderttausende Londoner wollen aus Protest auf die Straßen gehen. Es wird Cressida Dicks Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass diese Proteste friedlich ablaufen.

© SZ vom 24.02.2017
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