Schweizer Volksabstimmung über "Ecopop":Verdacht der Heuchelei

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Das aussichtsreichste Mittel, mit den Mitteln des "social engineering" zur "Sicherung der natürlichen Grundlagen der Schweiz" beizutragen, bestünde also vermutlich darin, sie ein wenig ärmer zu machen - aber an diese Option hat die Initiative Ecopop bislang nicht gedacht, jedenfalls nicht öffentlich. Das legt nicht nur den Verdacht nahe, in den ökologischen Argumenten verberge sich womöglich eine Heuchelei, sondern erklärt auch die Sympathien, die diese Initiative mittlerweile von Wählern der SVP, der rechtspopulistischen Partei der Schweiz, erfährt.

Weil sich dieser Verdacht aber so aufdrängt und weil, von den Wirtschaftsverbänden bis zu den alten Parteien, gegen Ecopop immer wieder eingewandt wird, dieses Vorhaben beschädige die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz, werden Umweltbewegte zu strengen Nationalisten - und Vaterlandsliebende zu Fundamentalisten der Ökologie. Und so verwandelt sich dieser kleine Staat in der Mitte Europas in ein höheres, gleichsam selbständiges Wesen, das aus sich heraus eigene Notwendigkeiten und Forderungen gebiert, worauf man sagen kann: "Unser Land verträgt das nicht!"

Der ökologische Fundamentalismus hat einen rationalen Kern: Die Natur tritt dem Menschen tatsächlich als etwas Selbständiges gegenüber. Sie ist, erklärt der Münchner Philosoph Elmar Treptow in seinem "Entwurf einer ökologischen Ästhetik" (Berlin 2006), "die Voraussetzung, von der wir leben, ohne sie hervorbringen zu können". Indessen ist die Natur nicht identisch mit der Schweiz.

Vermischte Interessen

Auch sonst vermischen sich in der Argumentation der Initiative Ecopop beständig Politisches und Ökonomisches mit Natürlichem. Kinderreichtum etwa geht in den meisten Ländern der Dritten Welt keineswegs nur auf Religion und Verblendung zurück, sondern stellt einen Versuch von Lebensversicherung dar, das Wissen um eine hohe Sterblichkeit eingeschlossen. Und dass es so etwas wie einen Kapitalismus gibt, der die natürlichen Ressourcen auch des letzten Erdenwinkels dem Gedanken an Verwertung unterwirft, bleibt der Initiative gleich ganz verschlossen. Stattdessen erscheint die "Natur" unter gleichsam ästhetischen Voraussetzungen: als eine Instanz, die um ihrer selbst willen geschützt werden muss und daher strenge Ignoranz erfordert.

Daher nimmt der Versuch der Initiative Ecopop, mit einer ökologischen Ästhetik ein autonomes Gebilde zu erzeugen, dessen Grenzen aus angeblich pragmatischen Gründen mit den Staatsgrenzen identisch sind, ausgesprochen bösartige Züge an. Das Programm enthält etwa einen Passus, in der sich die Initiative mit dem Argument auseinandersetzt, jeder Mensch sei mehr oder minder der Umwelt nicht zuträglich, gleichgültig, ob er nun im Senegal oder in Lausanne wohne - man könne also deshalb aus ökologischen Motiven nicht gegen Migration sein.

Die Antwort lautet: "Mit der Migration in die Schweiz erhöht . . . sich im Allgemeinen die reale Kaufkraft der Betroffenen stark, was sich in einem höheren Konsum und einer entsprechend höheren ökologischen Belastung äußert." Der arme Ausländer, lautet also der Gedankengang, möge bitte arm und Ausländer bleiben, damit der Schweizer sich weiter an der guten Luft, den grünen Wiesen und dem sauberen Wasser erfreuen kann - aus keinem anderen Grund, als dass der Schweizer eben ein Schweizer ist oder doch zumindest einer, der schon in der Schweiz wohnt und damit unter den Bestandsschutz fällt.

Sozialdemokrat Rechsteiner: Idee klingt nach "Herrenvolk"

So sei das ja nicht gemeint, erklärt die Initiative, wenn sie auf solche Kritik stößt. Denn es sei ja allgemein bekannt, dass es auf der Welt zu viele Menschen gebe und die natürlichen Grundlagen des menschlichen Lebens zerstört würden. Irgendwo müsse man ja anfangen, doch sprächen selbst die Vereinten Nationen davon, dass in der Dritten Welt zu viele Kinder geboren würden. Paul Rechsteiner, sozialdemokratischer Abgeordneter im Ständerat, sagte deshalb zu Recht, solche Ideen klängen nach "Herrenvolk".

Der Vorwurf ist richtig, weil die Initiative Ecopop in ihrem Versuch, die Schweiz vor der vermeintlichen Zerstörung zu retten, von den Gründen der Armut und den daraus resultierenden Wanderungen nichts wissen will - und den Armen als geborene (oder manchmal auch zugezogene) Elite gegenübertritt, die fremden Reichtum gern entgegennimmt, aber nicht im Traum daran denken will, wie er entstanden ist.

Dabei könnte man das Problem, wenn es denn wirklich nur um die Rettung der natürlichen Ressourcen der Schweiz ginge, auch ganz anders lösen: dadurch nämlich, dass eine angemessen große Zahl von Schweizern in den Senegal zöge. Ihr ökologischer "Fußabdruck" würde auf der Stelle schrumpfen.

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