bedeckt München

Schweizer Volksabstimmung:Folgen der Krise in Italien

"Solange das eklatante Lohngefälle zwischen Italien und der Schweiz weiter besteht, wird sich nichts ändern", sagt er. "Italien steckt in einer tiefen Krise, und vor unserer Haustür liegt ein Wirtschaftsraum mit acht Millionen, oft gut ausgebildeten Menschen, die dieselbe Sprache sprechen wie wir." "Mamma Svizzera", wie die italienische Lokalzeitung Corriere de Como das reiche Nachbarland unlängst titulierte, ist daher für viele Italiener nicht nur die letzte Hoffnung auf irgendeine Arbeit, sondern auch eine Chance auf eine vergleichsweise extrem gut bezahlte Stelle.

"In meiner Kanzlei haben wir immer wieder Bewerbungen von fertig ausgebildeten Juristinnen aus Mailand erhalten, die als Sekretärin arbeiten wollten", erinnert sich Michele Rossi von der Tessiner Handelskammer. "Wir sind nie darauf eingegangen, aber finanziell wäre es für beide Seiten sinnvoll." In der Tat: Eine Anwaltssekretärin verdient im Tessin mindestens 3800 Franken, also etwa 3100 Euro, eine Jung-Juristin - so sie überhaupt eine Anstellung findet - muss sich in Italien mit 1500 Euro bescheiden. Ähnlich dramatisch sind die Unterschiede in fast allen Berufszweigen.

Lohndumping gehört also oft zum Alltag, auch wenn die Praxis gerne bestritten wird. Sogar der Grüne Savoia kann die "ökonomische Dynamik" nachvollziehen, wenn man "40 Prozent der Lohnkosten einspart". Aber ob eine Einschränkung der Freizügigkeit dieses Problem lösen wird?

Meinrado Robbiani vom christlichen Gewerkschaftsbund OCST empfiehlt einen anderen Ausweg: "So viele verbindliche Gesamtarbeitsverträge wie möglich, mit denen die Gehälter Branche für Branche festgelegt sind", meint er. "Wenn wir das nicht schaffen, drohen landesweite Mindestlöhne." Aber die würden "Mamma Svizzera" noch attraktiver machen.

© SZ vom 12.02.2014/hai
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema