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Schweizer Nationalstolz:Ringen ums richtige Rütli

Die Schweizer streiten, wie sie das Symbol ihrer Einheit feiern sollen. Am Nationalfeiertag wollen gleich zwei Politikerinnen auf der Waldlichtung antreten.

Gerd Zitzelsberger

Das Rütli ist eine Waldlichtung, ein paar Fußminuten über dem Ufer des Urnersees gelegen, eines Arms des Vierwaldstättersees. "Ich wüsste kein anderes Stück Erde, das mehr wert wäre, Ozeane und Kontinente zu durchqueren, um es zu sehen", soll Mark Twain gesagt haben.

Schweiz, Reuters

Schweizer während eines Alphornkonzerts: "Es gibt eine Rückbesinnung auf das Schweizerische."

(Foto: Foto: Reutere)

Dabei gibt es auf dem Rütli kein Reiterstandbild, keine Kanone aus alter Zeit oder gar ein Panzerdenkmal. Es ist einfach eine Wiese, mitsamt dem, was Kühe eben hinterlassen, wenn sie saftiges Gras gefressen haben.

Anno 1291 sollen auf dem Rütli die drei Schweizer Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden (das sich später in zwei so genannte Halbkantone aufgespalten hat) ihren "Ewigen Bund" beschworen haben. Er gilt als die Geburtsstunde der Schweiz. Historisch bewiesen ist das zwar nicht, aber es könnte gut dort gewesen sein, und im übrigen kommt darauf auch nicht an, sagen die Schweizer.

Nur ein kleines Museum und eine Gastwirtschaft stehen auf der Wiese. Ausflüge zum Rütli werden immer beliebter: "Es gibt eine Rückbesinnung auf das Schweizerische", diagnostiziert Martin Hofer von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), der Hausherrin des Rütli.

Einmal im Jahr, am Nationalfeiertag am 1. August, ist das Rütli neuerdings politischer Brennpunkt der Schweiz. Vor zwei Jahren schrieen Rechtsextremisten auf dem Rütli den damaligen Bundespräsidenten mit rassistischen Parolen nieder, und Fernsehkameras übertrugen die Szenen in alle Welt.

Politisch spielen die Rechtsradikalen keine große Rolle in der Schweiz, aber sie haben den Eidgenossen den Tag gründlich verdorben. Vergangenes Jahr boten dann die Behörden zur Rütli-Feier Sicherheitskräfte in so großer Menge auf, wie es den Schweizern zutiefst zuwider ist: Sie tragen politischen Streit lieber mit Worten und per Abstimmung aus als mit Hilfe der Polizei.

Dieses Jahr kommt es schon im Vorfeld zur Kontroverse, und das zwischen den wichtigen politischen Kräften des Landes: Die Sozialdemokraten wollen das Thema Heimat und Patriotismus, zumal im Herbst Wahlen anstehen, nicht mehr den bürgerlichen und konservativen Parteien überlassen.

Elegante Ausrede

Außenministerin Micheline Calmy-Rey, die gegenwärtig turnusmäßig als Bundespräsidentin amtiert, sagte sich als Rednerin zur Rütli-Feier an, und das gleich im Bunde mit Christine Egerszegi-Obrist, der Nationalratspräsidentin, einer bürgerlichen Politikerin. 50 Jahre, nachdem erstmals Frauen in einem Kanton wählen durften, ist es das erste Mal, dass zwei Frauen die beiden höchsten Staatsämter der Schweiz innehaben.

Gleich zwei Frauen, eine von der Linken und Vertreterin der 68er-Generation - das war manchen Honoratioren im bürgerlichen Lager der Schweiz einfach zuviel. Der Schwyzer Landammann Alois Christen sagte es der Nationalratspräsidentin Egerszegi ins Gesicht: Sie selbst würde man ja noch akzeptieren, die andere keinesfalls.

Man fand eine elegante Ausrede: Den drei Kantonen, welche die Kosten für die Sicherheit der Rütli-Feier hätten übernehmen müssen, fehle das Geld. Es ging um 120.000 Euro. Am Ende sprangen dann ein paar Millionäre ein, unter ihnen Swatch-Erfinder Nicolas Hayek.

Die zwischendurch bereits abgesagte Rütli-Feier findet nun doch statt, die beiden Politikerinnen werden sprechen. Aber ein Symbol der Einigkeit der dürfte der 1. August kaum werden. Die rechtspopulistische SVP, die Calmy-Rey und Egerszegi den Auftritt am meisten missgönnt, will nun das Thema Heimat auf ihre Weise besetzen: Pünktlich zum Nationalfeiertag wirbt sie für eine Volksabstimmung, mit der die Abschiebung von Ausländern erleichert werden soll.

© SZ vom 28.7.2007
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