bedeckt München 22°

Schweizer Initiative Ecopop:Verquickung rechtsextremer und ökologischer Argumente

Geiger schaut durch die Reihen. Es gibt Kuchen, Rauchwürste und Bier. Der Frauenanteil liegt bei maximal zehn Prozent. Auf der Bühne sitzt ein Stofftier namens Willy, das Maskottchen der Partei. Ein Wachhund, hieß es vor einigen Wochen, als Willy vorgestellt wurde, der die Freiheit der Schweiz schützen solle. Wenn er sie bedroht sieht, beispielsweise durch die EU oder zu viele Ausländer, schlägt Willy - eine Kurzform von Wilhelm Tell - sofort an. Geiger grinst. Er hat ein gutes Gefühl.

Dass zwei Männer, die so unterschiedlich sind wie Benno Büeler und Hans Geiger öffentlich für die selbe Sache kämpfen, ist bemerkenswert. Geiger ist vermutlich als Banker öfter in der Businessclass um die Welt geflogen, als Büeler in seiner Küche in Winterthur vegetarischen Couscous zubereiten konnte. Büeler hält ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent für "nicht nachhaltig" und findet es "im höchsten Maße egoistisch", armen Ländern ihre gut ausgebildete Mittelschicht, ihre Ärzte, abzuwerben. Hans Geiger findet schlicht, dass es jetzt mal gut ist mit der Zuwanderung in die Schweiz. Die wirtschaftlichen Nachteile einer Beschränkung würden durch ein Plus an Lebensqualität mehr als aufgewogen. Wenn Geiger von Ökologie spricht, sagt er: "Lebensraum".

Auf dem SVP-Parteitag in Eiken lässt sich alles auf diese Formel bringen: Je weniger Ausländer, desto besser.

Als Hans Geiger ans Mikrofon tritt, wird es still im Saal. Der Professor aus Zürich ist berühmt. Es sei ganz einfach, sagt Geiger, Ecopop könne endlich etwas bewirken. Alles andere, zum Beispiel die Masseneinwanderungsinitiative, war nicht konkret genug und ließ "denen in Bern" zu viele Schlupflöcher.

Balthasar Glättli kennt diese Argumentation. Der Grünen-Politiker ist einer der prominentesten Gegner der Initiative. Im August, als Ecopop noch ein fast unbekannter Verein war, veröffentlichte er das Buch "Die unheimlichen Ökologen". Es warnt vor der Verquickung rechtsextremer und ökologischer Argumente. Eine Streitschrift voll beunruhigender historischer Beispiele, mit der der junge Politiker durchs Land zieht. Er diskutiert mit Grünen, Braunen und Populisten. "Von Öko-Konservativen bis zu Fremdenhassern ist bei den Unterstützern von Ecopop alles dabei", sagt Glättli. "Das Verführerische an dieser Initiative ist, dass sie reale Probleme anspricht", glaubt er. Und dann sage die Initiative: "Schuld an all dem ist nicht unsere Art zu wirtschaften. Es sind nicht unsere Häuser, die freie Flächen zersiedeln, nicht unsere Autos, die die Natur kaputt machen. Es sind die anderen. Wenn sie nicht wären, wäre alles gut."

Die Botschaft von Ecopop verfängt

Wer ehrlich ist, weiß, dass es eben nicht Kinder in der Sub-Sahara sind, die zum Schutz der Umwelt gar nicht geboren werden dürften. Sondern dass es genau unsere Häuser und unsere Autos und all die anderen Annehmlichkeiten der Industrieländer sind, die für den Großteil des weltweiten CO₂-Ausstoßes verantwortlich sind.

Die Botschaft von Ecopop verfängt trotzdem. Bei Umweltschützern wie Büeler, bei Rechtspopulisten wie Geiger. Bei denen, die sich persönlich von Ausländern übervorteilt fühlen. Es sind prominente Namen dabei: der Christdemokrat und frühere Direktor des WWF Schweiz, Philippe Roch. Alt-Nationalräte. Professoren. Männer aus der oberen Mitte der Gesellschaft. Viele von ihnen sind empört, dass sie sich nun "Birkenstock-Rassisten" nennen lassen müssen, dass in der ganzen Schweiz Nein-zu-Ecopop-Plakate kleben - mit einem Sackgassen-Schild als Kopf.

Volksabstimmungen in der Schweiz Vaterlandsliebe und Öko-Fundamentalismus
Analyse
Schweizer Volksabstimmung über "Ecopop"

Vaterlandsliebe und Öko-Fundamentalismus

Wie viel Schweizer sind genug? Die radikale Öko-Bewegung "Ecopop" will die Einwanderung auf ein Minimum drosseln. Am Wochenende stimmen die Eidgenossen über eine Initiative ab, die ausgesprochen böse Züge annimmt.   Von Thomas Steinfeld

Im Einfamilienhaus von Benno Büeler steht im Regal das Buch vom Rössli Hü, das jedes Kind in der Schweiz kennt. In einem seiner Talk-Show-Auftritte stellt Büeler einem jungen Publikum die Frage: "Wie wollt ihr leben? Welche Schweiz wollt ihr einmal haben, wenn wir tot sind?"

Die Antwort auf diese Frage ist immer die gleiche. Im Wohnzimmer von Benno Büeler. Bei den Rauchwürsten der SVP. Sie ist einfach und gerade deshalb so verführerisch: Wir wollen die Schweiz, die wir schon kennen. Alles andere ist uns egal.