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Schweiz:Zu hoch hinaus

Warum ein tollkühnes Hotelprojekt vor dem Aus steht.

Von Charlotte Theile

Ein gläserner Turm, der wie eine Nadel aus dem Boden sticht. 381 Meter hoch, eines der höchsten Gebäude Europas - im Vergleich zu den mächtigen umliegenden Bergen aber kaum mehr als ein schmales, durchsichtiges Objekt. Diese Vision hatte der Schweizer Immobilienunternehmer Remo Stoffel vor zwei Jahren in New York vorgestellt. Die Bilder dazu gingen um die Welt. Alles an dem Vorhaben namens Femme de Vals schien großartig zu sein - oder größenwahnsinnig, je nach Sichtweise: 100 Suiten in einem abgelegenen Bergdorf im Kanton Graubünden, entworfen vom Stararchitekten Thom Mayne. Übernachtungskosten von bis zu 25 000 Euro. Und eine kleine Gemeinde, die sich entscheiden muss, ob sie zum Hotspot der Superreichen werden will.

Für den Schweizer Tourismus hätte dieses Luxushotel einen Ausweg aus der Krise zeigen können. Heute, zwei Jahre später, erweist sich dieses Konzept jedoch als Irrweg. Die Bauarbeiten haben noch nicht begonnen, auch die Abstimmung der Gemeinde Vals steht noch aus. Stattdessen prüft Unternehmer Remo Stoffel neue Standorte für sein Luxushotel. Der US-Getränkehersteller Coca-Cola, dem seit fünfzehn Jahren die Rechte an den Valser Mineralquellen gehören, hat Bedenken, dass die Bauarbeiten diese Wasserquellen gefährden könnten.

Das abgelegene Dörfchen Vals verfolgt seit jeher eine ungewöhnliche Strategie im Tourismus: Vor zwanzig Jahren entstand hier aus dem lokal abgebauten Quarzitstein eine Therme - grau, edel und ruhig - , die Bildungsbürger und Architektur-Fans aus aller Welt anzieht. Ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem Vals auch in der Krise des Schweizer Tourismus bestehen konnte. Der starke Schweizer Franken belastet Hotellerie und Bergbahn-Branche seit Jahren, Touristen aus den Nachbarländern weichen in günstigere Berggebiete aus. Die Schweiz setzt deshalb verstärkt auf wohlhabende Reisende aus dem Nahen und Fernen Osten.

Mit der Femme de Vals dachte Remo Stoffel, der die Therme 2012 gekauft hat, nun noch einen Schritt weiter zu gehen. Er wollte eine Kundengruppe ansprechen, für die Geld überhaupt keine Rolle spielt, und eine "neue Epoche im Tourismus" einläuten. Doch jetzt durchkreuzt Coca-Cola seine Pläne: Direkt neben der Therme wird Stoffel seinen Turm wohl nicht errichten dürfen.

Doch das ist noch nicht alles. Denn nun stehen auch noch Korruptionsvorwürfe gegen Unbekannt im Raum. Als Stoffel, der selber aus Vals stammt, vor fünf Jahren nach einem Volksentscheid die Therme von der Gemeinde kaufte, soll vieles nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Stoffel erwarb das Recht, die beliebte Therme zu nutzen, damals fast gratis. Er machte den etwa tausend Bürgern des Dorfes viele Zusagen, versprach Investitionen im Ort, eine Mehrzweckhalle, einen Architekturwettbewerb. Doch nicht alle Versprechen finden sich auch in den Verträgen wieder, die Stoffel unterzeichnet hat. Zudem sicherte der Verwaltungsrat der Therme Stoffel ein exklusives Verhandlungsrecht zu. Wer diese Vorgänge öffentlich Korruption nannte, wurde verklagt. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt, ein Anti-Korruptionsexperte wurde eingeschaltet. Ob der gläserne Turm gebaut wird, ist unsicherer denn je.

© SZ vom 28.03.2017
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