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Schweiz:Kurven-Knattern

In der Schweiz könnten zu laute Fahrzeuge künftig geblitzt werden.

Von Isabel Pfaff

Es könnte so schön sein. Frühlingssonne, eine dramatische Bergkette vor blauem Himmel, irgendwo bimmeln sogar Schafsglöckchen - und dann: röhrt, knattert und dröhnt es. Innerhalb von Sekunden nehmen ein paar wenige Motorradfahrer ein ganzes Tal akustisch in Gewahrsam. Jeden Frühling erinnert der Krach zuverlässig daran: Mit der Sonne kommt auch der Motorenlärm. Viele, die nicht selbst auf oder in den Fahrzeugen sitzen, leiden darunter - die Schweiz mit ihren kurvigen Strecken und den vielen Passstraßen ganz besonders. Mehr als eine Million Eidgenossen (von insgesamt 8,5) sind von schädlichem oder lästigem Verkehrslärm betroffen, heißt es beim Schweizer Bundesamt für Umwelt. Wohl kein Zufall also, dass es die Alpenrepublik sein dürfte, die es Motorradliebhabern und Autoposern künftig besonders schwer macht.

"Unsere Gesellschaft ist übermotorisiert", sagt die Frau, die den Motorenfans die Tour vermasseln will. Gabriela Suter ist Sozialdemokratin und Abgeordnete im Schweizer Nationalrat. Im vergangenen Frühling, als die Menschen pandemiebedingt sehr viel Zeit zu Hause verbrachten, erhielt Suter mehrere Zuschriften von Menschen, die an Pass- oder Kantonsstraßen leben und Hilfe suchen. "Für viele Leute ist der Motorenlärm nur schwer erträglich, er verunmöglicht Erholung und macht krank", sagt Suter. Im Sommer reichte die Parlamentarierin deshalb zwei Initiativen ein, um den Lärm auf Schweizer Straßen zu reduzieren: Neben einem Fahrverbot für zu laute Motorräder solle die Politik auch die gesetzlichen Grundlagen für den Einsatz von Lärm-Radargeräten schaffen. Geht es nach Suter, sollen bald also nicht nur die geblitzt werden, die die strengen Schweizer Tempolimits knacken, sondern auch jene, die zu viele Dezibel ausstoßen.

"Realitätsfremd" und "diskriminierend" nennen Motorradbegeisterte die Idee

Rein technisch ist das möglich. In einigen Londoner Stadtteilen kommen solche "noise cameras" schon zum Einsatz, und auch in Frankreich laufen gerade Tests. In der Schweiz ist ein Forscherteam der ETH in Lausanne zusammen mit einem Genfer Start-up dabei, einen Lärmblitzer zu entwickeln. Dort heißt es, man werde in rund zwei Jahren mit dem Gerät marktreif sein.

Könnte zeitlich hinhauen. Aus Gabriela Suters Initiativen ist inzwischen eine Motion geworden, also ein Auftrag des Parlaments an die Regierung, einen Erlass zu erarbeiten. Die große Parlamentskammer hat die Motion kürzlich angenommen, und im Juni wird sich die kleine Kammer damit beschäftigen. Bis aus diesem Prozess ein Lärmblitzer-Gesetz wird, dürfte es aber noch Jahre dauern.

Gabriela Suters Gegner haben also noch etwas Zeit, doch sie haben bereits ihre Muskeln spielen lassen. "Realitätsfremd", "rechtlich nicht umsetzbar" und "diskriminierend" seien ihre Ideen, schleuderten ihr Motorradbegeisterte entgegen, und überhaupt: Sie praktiziere regelrechten "Motorradrassismus". Im Sommer legten sie zuerst Hunderte Motorradhelme in Herzform als Mahnung vor dem Parlament nieder, ein paar Tage später versammelten sich 200 Fahrer zu einer Demo auf der Gotthardpasshöhe. Gabriela Suter lässt sich nicht beirren. "Ich habe noch nie so viele Dankesschreiben erhalten wie zum Thema Lärmschutz", sagt sie.

© SZ
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