Frauenstreik in der Schweiz "Schluss mit gratis"

Frauenstreik in Bern.

(Foto: AFP)

Überall in der Schweiz legen Frauen die Arbeit nieder, um für gerechte Löhne, bessere Bedingungen für Familien und ein Ende sexistischer Gewalt zu demonstrieren. Selbst das Parlament macht mit - auch wenn die Rechtspopulisten Einspruch erheben.

Reportage von Isabel Pfaff, Bern

Der Bus kommt nicht weiter. Ein Demonstrationszug aus Hunderten Frauen, Kindern und Kinderwägen blockiert die Marktgasse, Berns Einkaufsmeile. Doch am Lenkrad sitzt auch eine Frau, sie winkt den Demonstrantinnen, auf ihrem T-Shirt leuchtet ein lila Sticker mit einer geballten Faust. "Ich komme wirklich nicht durch", sagt sie und grinst. "Aber das ist mir auch ganz recht."

Es ist Frauenstreik in der Schweiz. Im ganzen Land legen Frauen ganz oder teilweise die Arbeit nieder, um für gerechte Löhne, bessere Bedingungen für Familien und ein Ende sexistischer Gewalt zu demonstrieren. Sie streiken nicht zum ersten Mal: Schon 1991 gingen Hunderttausende Schweizerinnen auf die Straße, um für Gleichberechtigung zu kämpfen. Viele finden, seither habe sich zu wenig getan - und haben nun erneut zum Streik aufgerufen. Seit etwa einem Jahr mobilisieren linke Gruppen und Gewerkschaften für diesen Tag, in fast allen Kantonen haben Streikkomitees Aktionen auf die Beine gestellt.

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Bern macht seinem Ruf als linkste aller Schweizer Großstädte alle Ehre. Die ersten Umzüge und Streikcafés starten schon am Morgen, kurz vor elf Uhr legt dann ein gewaltiger Kinderwagen-Umzug die Innenstadt lahm. Unzählige lila und rosa gekleidete Frauen, viele schwanger oder mit kleinen Kindern, ziehen Richtung Bundesplatz. "Schluss mit gratis", steht auf einem Schild, "lieber gleich-berechtigt als später arm", auf einem anderen. Eine junge Frau hält stolz eine in zarten Lilatönen gezeichnete Vulva in die Höhe. Sie habe schon 1991 mitgestreikt, erzählt eine grauhaarige Frau mit Strohhut. "Da war ich allerdings gerade auf der Alm und niemand hat es mitbekommen." Heute ist sie von ihrem Hof im Berner Oberland angereist. Das Leben sei immer noch auf den Mann ausgerichtet, sagt sie, "oder warum zahlen wir zum Beispiel so viel Mehrwertsteuer auf Tampons?". Am meisten, sagt eine Demonstrantin mit lila Haarband, rege sie die ganze Debatte um den Vaterschaftsurlaub auf. Immer wieder fordern Aktivisten und Parlamentarier, den bislang eintägigen Vaterschaftsurlaub zu erhöhen - bislang ohne Erfolg. "Immer dieses Argument, das sei zu teuer", schimpft die Demonstrantin. "Unsere Männer verbringen Monate in der Armee, das fragt auch keiner, wie viel das kostet."

Der Kinderwagen-Umzug endet auf dem Bundesplatz, gleich vor dem Parlament. Der Platz ist schon um die Mittagszeit herum zum Bersten voll, dabei beginnt das Hauptprogramm erst am Nachmittag. Bei etwa 18 Prozent Lohndifferenz, so haben die Organisatorinnen ausgerechnet, arbeiten Frauen in der Schweiz ab 15.24 Uhr gratis - spätestens dann sollen alle die Arbeit niederlegen.

Tatsächlich wird es mit jeder Stunde voller. Kopftücher, Luftballons, Konfetti: Der Bundesplatz gleicht einem Meer aus Pink und Lila. Auch ein paar Polizistinnen, die durch die Menge schreiten, haben sich pinke Bändchen ans Revers geheftet. Am Rand des Platzes, wo die Sonne noch nicht so erbarmungslos knallt, stehen junge Väter und hüten Kinder, die Mütter sind nicht zu sehen.

Als gegen 18 Uhr in Bern die Hauptdemo beginnt, sprechen die Organisatorinnen von etwa 40 000 Teilnehmerinnen. In Zürich sollen laut Streikkomitee fast doppelt so viele Frauen auf der Straße sein. Aber auch in anderen Städten wie Luzern, Lausanne oder Schwyz stellen Frauen Demos und andere Streikaktionen auf die Beine. Die Ideen reichen von Streikpicknicks über Verkehrsblockaden bis zur Klitoris-Wanderung.

Auch im Parlament in Bern wurde gestreikt, zumindest für eine Viertelstunde: Die Präsidentin des Nationalrats ordnete um elf Uhr eine 15-minütige Sitzungspause an. Versuche der rechtskonservativen SVP, diese Pause zu verhindern, waren vor zehn Tagen gescheitert: Die Abgeordneten stimmten deutlich gegen einen Antrag von SVP-Nationalrat Andreas Glarner.

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