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Schweiz:Auf dem Weg zur Dynastie

Delegiertenversammlung der SVP in der Schweiz

Magdalena Martullo-Blocher, 50, spielt ihren rauen Charme im Straßenwahlkampf aus und beweist ihre Fähigkeit zur Selbstironie. Bald könnte sie ein Amt in der Regierung bekommen.

(Foto: Gian Ehrenzeller/picture alliance/dpa)

Magdalena Martullo-Blocher tritt in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters Christoph - als Unternehmerin und als Politikerin. Nach der Wahl könnte sie ihre Macht ausbauen.

Magdalena Martullo-Blocher ist kleiner als ihr Vater. Sehr wahrscheinlich ist sie auch reicher. Und ihre politische Karriere hat sie deutlich später in Angriff genommen als er. Aber das war es eigentlich schon mit den Unterschieden. Die 50-jährige Tochter von Christoph Blocher, Patron der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), inzwischen 79 Jahre alt und immer noch der wohl berühmteste Politiker der Schweiz, ist ansonsten zu einer Art Abziehbild ihres Vaters geworden. Martullo-Blocher hat nicht nur seinen Platz an der Spitze der "Ems-Chemie" eingenommen, jenem 3000-Mitarbeiter-Unternehmen, das Christoph Blocher einst kaufte und leitete - und dann, als er 2003 Minister wurde, an seine älteste Tochter übergab. Sie ist inzwischen auch politisch in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Seit 2015 ist sie Abgeordnete der SVP, 2018 beerbte sie den Vater auch als Vizepräsidentin der Partei. Nun, 2019, will Martullo-Blocher ihren Parlamentssitz verteidigen.

Entsteht in der sonst so urdemokratischen Schweiz gerade eine Dynastie? Christoph Blocher hat die SVP zur stärksten politischen Kraft des Landes gemacht, als Bundesrat hatte er zudem eines der höchsten politischen Ämter des Landes inne. Wenn seine Tochter es am Sonntag wieder ins Parlament schafft, könnte auch sie sich Hoffnungen auf ein Regierungsamt machen. Im Führungszirkel der SVP ist sie ohnehin längst angekommen. Die schwerreichen Blochers als die schweizerischen Bushs oder Clintons - das ist inzwischen keine unrealistische Vorstellung mehr.

Umso mehr, als der SVP da ein kleines Kunststück gelungen ist: Ausgerechnet jene Schweizer Partei, die neben ausländerfeindlichen Parolen bekannt ist für ein eher rückständiges Frauen- und Familienbild, hat es geschafft, eine erfolgreiche Unternehmerin und Mutter von drei Kindern zu ihrer Vorzeigefrau zu machen.

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Weiß das politische Familienerbe in guten Händen: Christoph Blocher, Patron der Schweizerischen Volkspartei.

(Foto: Urs Flueeler/dpa/picture alliance/Keystone)

Domat/Ems, ein Städtchen in Graubünden. Die Abendsonne wirft letzte Strahlen auf die Dorfkirche, die Berge dahinter liegen schon im Schatten. Auf dem Dorfplatz hat die SVP Wimpel mit ihrem Slogan "Frei und sicher" aufgestellt. Es ist kurz vor den Parlamentswahlen, Endspurt. Magdalena Martullo-Blocher hält Schwätzchen, lässt sich fotografieren und lacht ihr heiseres Lachen. Etwas mehr als ein Dutzend Leute stehen fröstelnd auf dem Platz herum, die meisten gehören zur Partei. Weil in der Schweiz viele im Voraus per Brief abstimmen, ist die Luft ein bisschen raus.

Martullo-Blocher, klein, kräftig, kurze Haare, lässt sich nichts anmerken. Sie verwickelt die wenigen Passanten ins Gespräch, grüßt offensiv ein paar Teenager, die kichernd über den Platz ziehen, und hält schließlich noch eine kleine Rede. Sie ist sich nicht zu schade für Straßenwahlkampf, hat fast täglich Auftritte, manchmal auch mehrere am Tag. Denn: Ihre Wahl ist kein Selbstläufer. Auch wenn die Ems-Chemie, ihre Firma, in Domat/Ems ihren Sitz hat und einer der wichtigsten Arbeitgeber in Graubünden ist, könnte es für Martullo-Blocher knapp werden. Es war eine Überraschung, als sie, eine Zürcherin, 2015 den zweiten SVP-Sitz für Graubünden holte. Nun muss sie wieder kämpfen.

Doch das kann sie. Der vom Vater geerbte raue Charme funktioniert erstaunlich gut auf der Straße, die Lautstärke, der burschikose Auftritt. Selbst ihre politischen Gegner schätzen ihre Direktheit, ihre Authentizität - und ihre Fähigkeit zur Selbstironie. In der sechsteiligen Wahlkampfserie der SVP etwa, einer Art politischer Action-Komödie, spielt sich Magdalena Martullo-Blocher selbst und zitiert aus einem legendär gewordenen Dokumentarfilm, der einmal über sie gedreht wurde: Darin hämmert die noch junge Ems-Chemie-Chefin ihren Managern ziemlich autoritär die Lehre von den "seven thinking steps" ins Hirn - ein eher blamabler Auftritt, den sie nun ohne Probleme nachspielt.

Die Grünen hoffen

Am kommenden Sonntag bestimmen die Schweizer ein neues Parlament. Sie wählen die 200 Abgeordneten des Nationalrats sowie die 46 Mitglieder des Ständerats, der Vertretung der Kantone. Im bisherigen Nationalrat hatte die rechtskonservative SVP die meisten Sitze (68). Sie konnte 2015 so viele Wählerstimmen auf sich vereinigen wie keine schweizerische Partei vor ihr seit der Einführung des Verhältniswahlrechts 1919. Zweitstärkste Kraft waren die Sozialdemokraten (42 Sitze), gefolgt von der liberalen FDP (33 Sitze) und der christdemokratischen CVP (29 Sitze). Laut der jüngsten Umfrage dürfte die SVP am Sonntag verlieren, Grüne und Grünliberale könnten deutlich gewinnen. Die Schweizer Regierung, der Bundesrat, bleibt allerdings vom Wahlergebnis unberührt. Er setzt sich nach der sogenannten Zauberformel zusammen: Je zwei Sitze für SVP, FDP und SP, ein Sitz für die christdemokratische CVP.

Isabel Pfaff

Noch besser kommt Martullo-Blochers entspanntes Verhältnis zu sich selbst bei Bilanzpressekonferenzen ihrer Firma zur Geltung. Sachlich und unaufgeregt präsentiert die studierte Ökonomin da die Zahlen ihres Betriebs, der sehr erfolgreich Hochleistungskunststoffe herstellt. Dann zaubert sie plötzlich einen kleinen Roboter hervor, der Ems-Kunststoffe enthält. Und fängt an, mit ihm auf recht helvetischem Englisch zu plaudern. Der Roboter turnt und tanzt, Martullo-Blocher staunt und applaudiert, als säßen in diesem Moment nicht zwei Dutzend Journalisten vor ihr, sondern eine Grundschulklasse.

Im Parlament, das sagen selbst Parteifreunde, hat Martullo-Blocher eine Weile gebraucht, bis sie sich in ihre neue Rolle eingefunden hat. Anfangs versuchte sie noch, ganz Chefin, sich in Gesprächsrunden mehr Redezeit zu verschaffen, doch schließlich fügte sie sich in den Parlamentsbetrieb ein. Heute gilt sie parteiübergreifend als fleißige und sachkundige Abgeordnete, die vor allem in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben einen guten Job macht. Allerdings hat die Milliardärin Martullo-Blocher auch eigene Mitarbeiter - im Schweizer Parlament, das nicht aus Berufspolitikern mit hohen Bezügen, sondern aus nebenberuflichen Abgeordneten besteht, eine Seltenheit.

Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass das Geld der Unternehmerfamilie Blocher eine nicht unwesentliche Rolle bei ihrem Aufstieg spielt. Es steckt inzwischen in einigen Medienunternehmen, die Vater Blocher in den vergangenen Jahren gekauft hat. Es finanziert mit ziemlicher Sicherheit auch den Wahlkampf der Partei. Und es wird - im Namen der Ems-Chemie - auch über ganz Graubünden verteilt und unterstützt Kirchenorgeln, Vereine, Sportevents.

In Domat/Ems ist es dunkel geworden. Magdalena Martullo-Blocher bleibt noch, obwohl inzwischen nur noch Parteikollegen da sind. Sie wirkt gelöst, gibt noch ein kurzes Interview. Sie redet über den Wahlkampf, das knappe Rennen. Und beginnt dann über die Personenfreizügigkeit zu schimpfen, über die vielen Ausländer, welche die Schweiz gar nicht bräuchte. "Wir können als kleines Land nicht die ganze Welt aufnehmen." Bei allem Charme, bei allem Witz: Martullo-Blocher ist keine moderate Version ihres Vaters, sondern auf harter Linie - genau wie er. Als man sie nach dessen allgegenwärtigem Schatten fragt, grinst sie, guckt sich um, guckt nach oben. "Wie Sie sehen, stehe ich überhaupt nicht im Schatten." Man glaubt es ihr sofort.