Impfen in der Schweiz:Mal nicht die Besten

Coronavirus - Schweiz

Impfzentrum Messe in Zürich: Vom 6. April an sollen hier täglich bis zu 4000 Menschen geimpft werden.

(Foto: Alexandra Wey/dpa)

Für ein kleines, wohlhabendes Land legt die Schweiz ein eher schleppendes Impftempo an den Tag. Jetzt wird gestritten.

Von Isabel Pfaff, Bern

Immerhin, die Aufregung rund um den Astra-Zeneca-Impfstoff bleibt der Schweiz erspart. Denn während Deutschland und immer mehr andere europäische Staaten die Verabreichung des Vakzins wegen möglicher Nebenwirkungen gestoppt haben, ist der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens in der Schweiz noch gar nicht zugelassen. "Beim Impfstoff von Astra Zeneca reichen die bisher vorliegenden und ausgewerteten Daten für eine Zulassung noch nicht aus", teilte Swissmedic, die schweizerische Zulassungsstelle für Arzneimittel, in ihrer jüngsten Mitteilung zu dem Impfstoff mit. Man warte noch auf zusätzliche Wirksamkeitsdaten aus einer in Nord- und Südamerika laufenden Studie.

Trotz der Turbulenzen hofft die Schweiz allerdings auf die baldige Zulassung des Vakzins, denn die Gesundheitsbehörden haben bei dem Hersteller rund 5,3 Millionen Impfdosen vorbestellt. Das Land hat sich im Impfstoff-Lotto für eine ähnlich diversifizierte Strategie wie die EU entschieden: Neben Biontech/Pfizer und Moderna, deren Impfstoffe zugelassen sind und seit Januar verimpft werden, sowie Astra Zeneca hat die Schweiz auch mit Novavax und Curevac Verträge geschlossen. Insgesamt umfassen die Bestellungen mittlerweile 35,8 Millionen Impfdosen, also eigentlich mehr als genug für die rund 8,5 Millionen Menschen, die in der Schweiz leben.

Aber: Ähnlich wie in den EU-Staaten kann auch in der Schweiz von schnellen Impferfolgen keine Rede sein. Trotz des vergleichsweise frühen Impfstarts Anfang Januar sind erst 4,6 Prozent der gesamten Bevölkerung vollständig geimpft. Rechnet man Kinder heraus, die nicht geimpft werden sollen, beträgt die Impfquote 5,6 Prozent. Damit steht die Schweiz nur einen Hauch besser da als Deutschland, wo aktuell 3,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind.

Entsprechend war in den vergangenen Wochen häufig vom Schweizer Impfchaos die Rede - was angesichts von Größe und Reichtum des Landes vielleicht gar nicht mal so übertrieben ist. Dass noch immer wichtige Zulassungen aussteht, ist zwar ein zentraler Grund für die schleppende Impfkampagne. Aber auch die vergleichsweise späten und anfangs vom Umfang her bescheidenen Vertragsabschlüsse mit den wichtigen Herstellern dürften zur aktuellen Impfdosen-Knappheit und damit zur Langsamkeit beigetragen haben. Heftige Kritik musste sich auch das Bundesamt für Gesundheit anhören: Das Online-Tool der Bundesbehörde, mit dem die Kantone die Impfungen organisieren sollten, kam spät und erwies sich als nicht ausgereift. Über Wochen konnten die Behörden außerdem die Zahl der geimpften Personen in der Schweiz nur schätzen.

Ein interessantes Angebot aus dem Wallis

Inzwischen läuft erwartungsgemäß vieles besser als noch im Januar. Trotzdem bleibt das Impfen ein heikles Thema, wie die aktuelle Debatte um eine Recherche der Tamedia-Zeitungen zeigt: Das Medienhaus hatte vor einigen Tagen berichtet, dass das Schweizer Pharmaunternehmen Lonza, das im Auftrag von Moderna den Wirkstoff des Covid-19-Impfstoffs im Wallis herstellt, dem Bundesrat im vergangenen Sommer ein interessantes Angebot gemacht habe. Demnach soll der Präsident von Lonza angefragt haben, ob der Bund eine eigene Produktionsanlage für den Moderna-Impfstoff bei Lonza haben wolle - was dieser abgelehnt habe.

Eine Meldung, die in der pandemiemüden Schweiz natürlich für Furore sorgte: Da hätte man die Impfstoffproduktion selbst in die Hand nehmen können, für schlappe 70 Millionen Franken, und steige dann nicht darauf ein? Inzwischen hat Gesundheitsminister Alain Berset klargestellt, dass es sich bei der Lonza-Anfrage lediglich um das Angebot einer staatlichen Mitfinanzierung gehandelt habe, die keinerlei Zugriffsrechte auf den Moderna-Impfstoff beinhaltet hätte. Trotzdem diskutiert das Land nun darüber, ob der Staat nicht doch bei Lonza einsteigen sollte, um schneller an Impfdosen zu kommen. Eine Gruppe von bürgerlichen und grünen Parlamentariern hat dem Bundesrat einen entsprechenden offenen Brief überreicht. Und die Sozialdemokraten erinnern die Bürgerlichen derweil erbost an eine Initiative aus ihren Reihen, die schon vor Corona erreichen wollte, dass der Staat sich stärker bei der Sicherung von Impfstoffen und Medikamenten engagiert. "Politpfeifen", schreibt die wortgewaltige SP-Abgeordnete Jacqueline Badran auf Twitter.

Die Atmosphäre ist also gespannt in diesen Tagen, in denen sich der erste Lockdown jährt und immer mehr Schweizer auf eine vollständige Rückkehr zur Normalität dringen, obwohl die Ansteckungszahlen wieder steigen. Im Gesundheitsministerium hält man indes unbeirrt am Versprechen fest, dass bis zum Sommer alle Willigen im Land geimpft seien.

© SZ/kit
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