bedeckt München

Schweinebauer in Deutschland:"Manche werden zur Waffe greifen"

Schweinehaltung

Die Verantwortung auf die Bauern abzuschieben, sei "fachlich daneben", sagt Hendrik B.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Die Schlachthöfe in Deutschland arbeiten während der Pandemie mit reduzierter Kapazität, in den Schweineställen stauen sich die Tiere. Landwirt Hendrik B. warnt vor schrecklichen Konsequenzen.

Interview von Theresa Crysmann

Deutsche Schlachthöfe können wegen der coronabedingten Abstandsregeln und Hygienekonzepte deutlich weniger Tiere schlachten und zerlegen. Durch das nahende Verbot der Werkarbeit fehlen die Arbeitskräfte für zusätzliche Schichten. Dadurch stauen sich die Schweine in den Höfen - immer mehr Bauern sind verzweifelt, weil sie nicht mehr wissen, wohin mit den Tieren.

Hendrik B. ist 36 Jahre alt und führt mit seiner Frau einen Schweinehof in Schleswig-Holstein. Mit 800 Säuen, 6000 Ferkeln und 4000 Mastschweinen ist der Betrieb doppelt so groß wie der durchschnittliche Hof in dem Bundesland. Die Familie baut ihr Tierfutter selbst an, düngt mit der eigenen Gülle und behandelt ihre Schweine auch schon mal homöopathisch. Aus Sorge vor Tierschützern möchten sie ihren Nachnamen nicht nennen.

SZ: Herr B., die Schlachthöfe in Deutschland arbeiten wegen der Corona-Pandemie mit reduzierter Kapazität. Was hat das für Auswirkungen?

Hendrik B.: In Deutschland stehen im Moment 400 000 Tiere in der Pipeline; das heißt, sie sind schlachtreif und werden nicht termingerecht abgeholt. Zwischen Ferkelerzeugern und Mästern gibt es einen 16-Wochen-Rhythmus: dann müssen die großen schlachtreifen Tiere raus sein, um die kleinen wieder zu nehmen. Sonst hat der Ferkelerzeuger ein Problem. Wenn ich nicht weiß, wo ich mit meinen mastreifen Ferkeln bleiben soll, und dann nicht weiß, wohin mit den Aufzuchtferkeln und den Säuen, die zwei Tage später ferkeln sollen, da komm ich nachts nicht mehr in den Schlaf.

Wie groß ist der Rückstau?

Jetzt sind wir bei einer halben bis einer Woche Verzug. Das hört sich erst mal nicht dramatisch an. Aber im Prinzip ist das eine Just-in-time-Produktion: die Ferkelerzeugung, die Mast und auch die Schlachtung. Das ist ein Getriebe, und jedes Zahnrad greift in das nächste. Aber wenn jetzt auf den Schlachthöfen die Tiere nicht mehr abgenommen werden, dann staut sich das rückwärts in der ganzen Kette. Das geht eine Woche gut. Aber jede Woche kommen ungefähr 100 000 Tiere dazu. Jeder guckt jetzt, wo ist irgendwie noch eine Hütte, wo noch Schweine reinkönnen, damit man sie nicht rausjagen muss.

Die niedersächsische Landwirtschaftsministein Barbara Otte-Kinast hat angesichts der Lage schon im Landtag geweint.

Dabei kommt das dicke Ende erst noch - und es gibt keinen Plan. Wenn es hart auf hart kommt, können wir die Tiere nicht mehr gesetzeskonform halten. Wir haben Angst auf den Betrieben, weil klar ist, dass das schlimmer wird. Ich fürchte, manche werden zur Waffe greifen. Also das wäre dann die Ultima Ratio. Aber es wird niemand die Genehmigung dafür erteilen, das zu tun. Ich kann mir das nicht vorstellen. Man darf kein Tier ohne Grund töten.

Hätten die Bauern nicht schon selbst die Bremse ziehen können?

Bis man die Produktion auf neue Bedingungen angepasst hat, dauert das mindestens ein halbes Jahr und wenn es um schlachtreife Tiere geht, sogar ein Dreivierteljahr. Das ist das Grundproblem und hat nichts damit zu tun, dass die Bauern ihre Ställe zu voll hätten. Wir kommen aus diesem System nicht raus, weil die Tiere besamt sind, die Ferkel sind geboren oder in den Mastställen. Wenn eine Frau Klöckner sich hinstellt und sagt, die Bauern trügen eine Mitschuld, wir hätten aufhören sollen zu besamen, als Corona losging ... In dieser Lage gab es nie diese Empfehlung oder Warnung, "hört auf zu besamen". Eine Ministerin, die jetzt die Verantwortung auf die Bauern abschiebt, ist für uns nicht mehr haltbar. Einfach schon, weil das fachlich daneben ist. Selbst wenn die Empfehlung ausgesprochen worden wäre, oder die Bauern hätten das selbst gemacht, dann hätten wir vielleicht jetzt gerade die Auswirkungen auf dem Ferkelmarkt, aber die Schlachtschweineproblematik hätten wir immer noch.

Was müsste passieren, um den Druck von den Höfen zu nehmen?

Die einzige Chance, die wir haben, ist, dass die Schlachtbetriebe so viel wie möglich schlachten. Aber die Schlachthöfe sind nicht nur wegen Corona, sondern auch durch die Tönnies-Krise noch einmal sehr stark in den Fokus geraten, was Arbeitszeiten und Beschäftigungsverhältnisse angeht. Die haben permanent den Zoll auf dem Hof. Und dadurch schaffen die es einfach nicht, mehr zu schlachten. Natürlich sind die Arbeitsbedingungen menschenverachtend und ausbeuterisch gewesen. Nur die Politik hat das jahrelang gewusst, es ist nie gehandelt worden. Jetzt ist Corona, und jetzt ziehen sie das durch. Wenn man die Branche kaputt machen will, dann macht man es so. Oder man sagt, wir lösen jetzt dieses akute Problem. Aber die zuständigen Politiker haben bis vergangene Woche nicht daran gedacht, darüber zu sprechen. Wir haben den Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein dann im Urlaub auf seiner Privatnummer angerufen und gesagt: "Ihr müsst jetzt was tun!"

Was denn?

Die Betriebserlaubnisse müssen fürs Schlachten und Zerlegen um einen Tag erweitert werden. Und die Überstunden-Möglichkeiten müssen auch ausgenutzt werden. Wir brauchen in dieser Zeit Leute, die Rückgrat haben in Verwaltung und Politik, die sagen: Das machen wir jetzt befristet und ziehen das durch. Außerdem braucht es einen Plan, bevor ein Schlachthof einen Corona-Fall bekommt. Also wie man die Schließzeiten möglichst kurz halten kann.

Zur Corona-Krise ist nun auch noch die Afrikanische Schweinepest dazugekommen, was sich auch auf die Preise auswirkt. Was heißt das finanziell?

Auf den meisten Betrieben ist spätestens bis Weihnachten das Geld weg. Wir haben zum Glück einen gesunden Betrieb, der auch Sicherheiten hat. Aber der größte Stress entsteht dadurch, dass da mehr Tiere sein könnten, als wir organisieren können. Das ist die größte Angst, die wir haben. Nicht, dass es uns nach Corona nicht mehr gibt.

Trotzdem würde es doch Sinn machen, von konventioneller Haltung auf Öko umzustellen: Die Preise für Bio-Schweinefleisch steigen immer weiter, die Nachfrage auch.

Es sind dennoch nicht mal zwei Prozent der Tiere auf dem Schweinemarkt, die biologisch gehalten werden. Natürlich stehe ich dahinter, den Tieren mehr Platz und mehr Zeit zu geben. Aber ich kenne auch die wirtschaftlichen Zwänge. Der Druck auf die Landwirtschaft ,sich zu wandeln, ist enorm - vor allem seitens der Gesellschaft. Aber die Realität auf dem Markt ist, dass der Großteil der Verbraucher einfach diese Produkte nicht kauft und nicht bezahlt. Und deswegen weiß im Moment auch kein Bauer, was er machen soll. Die Landwirte haben sich immer am Markt orientiert und haben gedacht, damit sind sie auf der sicheren Seite. Und jetzt stellen sie fest, Markt und Gesellschaft sind zwei unterschiedliche Dinge.

Wie meinen Sie das?

Die Deutschen essen weiter Schweinefleisch, und die Welt wird weiter Schweinefleisch essen. Und der eine findet die Art und Weise der Produktion vielleicht blöd - Vegetarier oder Veganer - oder isst nur Bio. Aber es fehlt an einer klaren Lenkung seitens der Politik. Der von den Grünen geplante Tierwohlcent wird wahrscheinlich eingeführt, aber wie lange dieser Cent dann gezahlt wird, ist fraglich. Alle reden von Agrarwende oder von Verkehrswende oder Energiewende. Ich würde lieber eine Wertewende diskutieren. Was wir hier tun, hat einen Wert an sich. Landwirtschaft ist Urproduktion.

© sz.de/lalse
Afrikanische Schweinepest Deutschland

SZ PlusLandwirtschaft
:Großer Mist

Die Afrikanische Schweinepest hat Deutschland erreicht, nun soll sie gestoppt werden. Über die richtigen Maßnahmen, um die Ausbreitung zu verhindern und einen Bauern, der seinen Schweinen einen Lockdown verpasst.

Von Renate Meinhof

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite