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Schweden:Zu Pekings Diensten

Die schwedische Justiz ermittelt gegen die ehemalige Botschafterin des Landes in China. Ihr werden im Fall des inhaftierten Verlegers Gui Minhai "eigenmächtige Verhandlungen mit einer fremden Macht" zur Last gelegt.

Gegen die ehemalige Botschafterin Schwedens in China, Anna Lindstedt, wird nun offiziell wegen eines Verbrechens gegen ihr eigenes Land ermittelt. Das teilte der zuständige Staatsanwalt Hans Ihrman in Stockholm mit. In einem Interview mit Radio Schweden sagte er, die vorläufigen Ermittlungen hätten "den Verdacht bestärkt", dass Anna Lindstedt sich schuldig gemacht habe des Tatbestandes der "eigenmächtigen Verhandlungen mit einer fremden Macht". Im Falle eines Schuldspruchs stehen darauf zwischen zwei und zehn Jahre Haft.

Es ist das neueste Kapitel in der Saga um den von China 2015 aus Thailand entführten Buchhändler Gui Minhai. Gui ist schwedischer Staatsbürger, leitete aber bis zu seinem Verschwinden in den Händen des chinesischen Sicherheitsapparats einen Verlag in Hongkong, in dem chinakritische Bücher erschienen. Die schwedische Regierung wurde von Bürgerrechtlern und Teilen der Presse für ihren leisen Umgang mit dem Fall kritisiert: Das Außenministerium setzte offiziell stets auf "stille Diplomatie". Bürgerrechtler warfen der Regierung vor stillzuhalten, aus Angst, Geschäfte mit China zu verlieren.

Beim Treffen mit Gui Minhais Tochter gab es abwechselnd Drohungen und Versprechen

Zu einem regelrechten Skandal wuchs sich die Geschichte erst im Januar dieses Jahres aus. Und daran hat die damalige schwedische Botschafterin in Peking, Anna Lindstedt, erheblichen Anteil: Sie bestellte nämlich Gui Minhais Tochter, die in England studierende Angela Gui, zu einem konspirativen Treffen mit dubiosen chinesischen Geschäftsleuten in ein Hotel in Stockholm. Zwei Tage lang bedrängten die Chinesen dort Angela Gui, sich endlich nicht mehr öffentlich zum Verschwinden ihres Vaters in China zu äußern und alle Kontakte zu Medien abzubrechen.

Laut Angela Gui gab es bei dem Treffen abwechselnd Versprechen ("Wir können deinem Vater helfen") und Drohungen ("Wenn du uns nicht vertraust, siehst du deinen Vater nie wieder"). Vor allem aber habe Botschafterin Lindstedt sie ermuntert, auf den Handel einzugehen. Wenn sie es nicht tue, werde China nämlich Schweden möglicherweise "bestrafen", erinnert sich Angela Gui an die Worte Lindstedts. Wenn der Handel aber zustande komme, dann könne sie, die Botschafterin, im schwedischen Fernsehen über die "strahlende Zukunft der chinesisch-schwedischen Beziehungen" sprechen.

Angela Gui brach die Gespräche ab - und fand im Nachhinein gemeinsam mit der schockierten Nation heraus, dass Botschafterin Lindstedt offensichtlich ohne das Wissen ihrer Regierung gehandelt hatte: Schwedens Außenministerium erklärte hinterher, man habe nicht einmal gewusst, dass die Botschafterin in Stockholm gewesen sei. Lindstedt wurde aus Peking abberufen, eine Untersuchung eingeleitet. Angela Gui sagte hinterher, die Botschafterin habe wohl "gute Absichten" gehabt, leider aber "ein schlechtes Urteilsvermögen".

Magnus Fiskesjö, ein in New York lehrender schwedischer Chinawissenschaftler, der Gui Minhai persönlich kennt, sagte der SZ, er habe "keine Zweifel", dass die Geschäftsleute "entweder gesteuert waren von der chinesischen Botschaft in Stockholm oder aber direkte Agenten des chinesischen Staates". Fiskesjö war selbst einmal schwedischer Diplomat. Anna Lindstedt, sagt er, hätte sich nie mit der Forderung der Chinesen gemein machen dürfen, dass Guis Tochter Angela in Zukunft schweigen müsse. "Das ist unverzeihlich. Wenn wir eine solche Forderung akzeptieren, dann werden wir wie sie."