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Schweden:Nicht länger immun

Es ist höchste Zeit für schmerzhafte Fragen.

Von Kai Strittmatter

Dass alle anderen auf Schweden schauen, weil die Schweden alles ganz anders machen, das sind die Leute in dem skandinavischen Land gewohnt. Sie waren bislang recht stolz darauf: Egal ob bei der Gleichberechtigung der Geschlechter, bei der Klima- oder Friedenspolitik - man war gerne der, der einsam vorneweg lief. Der, den die anderen dafür insgeheim bewundern. Deshalb sind manche Schweden nun auch so konsterniert: weil Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise vielen Ländern mehr Warnung denn Vorbild ist.

Irritierend an diesem Corona-Kurs war dabei lange Zeit die Abwesenheit jeder politischen Debatte im Land selbst, die die Todeszahlen und die Fehler der Behörden eigentlich erfordert hätten. Die Politik, auch die Opposition, war im Interesse der nationalen Geschlossenheit beiseitegetreten und hatte "der Wissenschaft" in Form der Gesundheitsbehörden die Bühne und das Steuer überlassen - und dabei ignoriert, dass all die Corona-Monate die Wissenschaft überall anders auf der Welt selbst eine suchende, debattierende, sich im Argument fortentwickelnde war.

Mit diesem Burgfrieden ist nun Schluss. Auch die Opposition erwacht wieder und stellt schmerzhafte Fragen. Die Regierung sei nicht länger immun, schrieb eine schwedische Zeitung. Es war höchste Zeit.

© SZ vom 04.06.2020
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