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Nato-Beitritt:Wie steht es um Schwedens Militär?

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Am Mittwoch hat das Land den Beitritt zur Nato beschlossen. Aber sind seine Streitkräfte überhaupt in einem brauchbaren Zustand?

Von Alex Rühle, Stockholm

Am Mittwoch hat der schwedische Reichstag mit 269 zu 37 Stimmen den Beitritt Schwedens zur Nato beschlossen. Sechs der acht im Reichstag vertretenen Parteien stimmten dafür, nur die Grünen und die Linkspartei sind weiterhin gegen den Beitritt. Mehrere Redner nannten die Entscheidung historisch und das ist sie nach 209 Jahren Neutralität in der Tat.

Anders als viele Schwedenfans aber denken, ist das Land kein erweitertes Bullerbü und Neutralität auch kein Synonym für völlige Friedensseligkeit. Die je nach Zählung zehn oder elf Kriege, die Schweden in seiner Geschichte gegen Russland geführt hat, sind tief eingelagert in die kollektive Erinnerungs-DNA. Im Finnischen Krieg verlor Schweden 1809 seine gesamte östliche Landeshälfte an den Zaren (wiederum gut 100 Jahre später wurde aus diesen Gebieten die Republik Finnland).

So hatte Schweden trotz seiner Neutralität in Zeiten des Kalten Krieges immer eine relativ große Armee, in den 50er-Jahren gab das Land fast fünf Prozent seines BIP für Verteidigung aus. Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 hat es seine Militärausgaben freilich, wie andere westliche Länder auch, immer weiter zurückgefahren, 2010 wurde die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft, der Verteidigungshaushalt sank auf ein Prozent des Bruttosozialprodukts. 2013 schreckte der damalige Oberbefehlshaber Sverker Göranson die Öffentlichkeit mit der Behauptung auf, Schweden könne bei einem Angriff etwa eine Woche lang standhalten. Im selben Jahr übten russische Kampfflugzeuge im Rahmen eines Trainings einen Scheinangriff auf schwedisches Territorium, ohne dass die schwedische Luftwaffe reagierte, was ebenfalls zu großer Verunsicherung und Debatten über die Wehrhaftigkeit des Landes führte.

Die schwedische Luftwaffe hat ziemlich viele Jets, aber nicht genügend Piloten

Die eigentliche Wende brachte dann 2014 Russlands Einmarsch in die Ukraine mit der Annexion der Krim. 2017 beschloss der Reichstag, die Wehrpflicht wiedereinzuführen, es werden aber bislang nur 8000 Wehrdienstleistende pro Jahr eingezogen. Im Rahmen der Nato-Beitrittsdebatte wurde beschlossen, die Verteidigungsausgaben von heute 1,2 Prozent bis 2026 schrittweise auf zwei Prozent zu erhöhen. Schwedens Oberbefehlshaber Micael Bydén sagte aber kürzlich in einem Interview, die zwei Prozent würden nicht reichen, um den Anforderungen der Nato gerecht zu werden, man müsse in vernachlässigte Infrastruktur investieren, neue Systeme beschaffen und viel mehr Leute einstellen.

Momentan umfasst die Armee rund 55 000 Personen, wobei da auch die 12 000 Reserveoffiziere und Teilzeitsoldaten sowie die 20 000 Freiwilligen der Hemvärnet (Heimwehr) mit einberechnet sind. Dass die Personaldecke recht dünn ist, kann man beispielsweise aus der Tatsache ablesen, dass die Luftwaffe zwar über ziemlich viele Jets verfügt, aber gar nicht genügend Piloten dafür hat. Bis 2030 soll die Armee auf 90 000 Personen ansteigen.

Was das weitere Nato-Prozedere angeht, so verweigern bisher Ungarn und Türkei ihre Unterschrift unter den schwedischen Aufnahmeantrag, Außenminister Tobias Billström gab sich am Mittwoch aber dennoch auffallend zuversichtlich, Schweden werde beim Nato-Gipfel in Vilnius im kommenden Juli als Vollmitglied am Tisch sitzen.

Die Türkei hatte vergangene Woche angekündigt, den finnischen Antrag bis Mitte April zu unterzeichnen und dabei nochmals klargemacht, dass Schweden nicht engagiert genug im Antiterrorkampf sei. Ankara verlangt weiterhin die Auslieferung angeblicher Terroristen. Überraschenderweise hat zuletzt auch Ungarn angekündigt, dass das Parlament zwar grünes Licht für die Mitgliedschaft Finnlands in der Nato geben werde, die Ratifizierung Schwedens aber noch aufgeschoben werden solle. Der ungarische Regierungssprecher gab dafür keine Erklärung. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán beschwert sich aber länger schon darüber, dass gerade Schweden "sehr unfair" über Ungarns Politik urteile.

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