Schweden:Mit der Mandela-Faust gegen Neonazis

Frau in Schweden wird Social-Media-Star

Artikel über Tess Asplund in der britischen Tageszeitung The Guardian.

(Foto: dpa)

Eine dunkelhäutige Frau stellt sich im schwedischen Borlänge einer Demonstration von Rechtsextremen in den Weg. Und wird nun weltweit gefeiert.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Tess Asplund macht es immer so, wenn sie gegen Neonazis demonstriert. Sie ballt die Hand zur Faust und streckt sie in die Höhe, ihre "Nelson-Mandela-Faust". Die Geste habe sie sich von dem südafrikanischen Freiheitskämpfer abgeschaut. Für sie war es nichts Besonderes, als sie sich so im schwedischen Borlänge Hunderten Neonazis in den Weg stellte. Nur dieses Mal war ein Fotograf zur Stelle, machte ein Bild von ihr, veröffentlichte es auf Twitter, viele Tausend Menschen teilten es dort, Medien in ganz Europa berichteten. "Seht, was diese Frau getan hat. Tess Asplund, du bist großartig", twitterte "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling.

Die ganze Aufregung sei schon krank, sagte die Aktivistin am selben Tag der Zeitung Aftonbladet, sie sei berührt und schockiert. Und auch ein wenig besorgt: Die Neonazis seien nicht glücklich mit dem Bild, und denen traut sie offenbar einiges zu. Asplund engagiert sich seit 26 Jahren gegen Rassismus, ist Sprecherin der Gruppe "Fokus afrofobi", die sich gegen die Diskriminierung von Afro-Schweden einsetzt, zu denen sich Asplund selbst zählt. Von Stockholm ist sie nach Borlänge gefahren, in eine Industriestadt in Zentralschweden, Hochburg der Arbeiterbewegung. Die rechtsextreme Gruppe Nordiska Motståndsrörelsen, Nordische Widerstandsbewegung, ist als Partei eingetragen, weshalb sie am Maifeiertag marschieren durfte. Die Gruppe gilt als gewaltbereit.

"Ich habe nicht darüber nachgedacht, bin einfach vorgesprungen", sagte Tess Asplund einem Lokalradio. Die 42-Jährige ist 1,63 Meter groß und nur 50 Kilo schwer. Fünf Männer führten den Zug an, alle trugen weiße Hemden und dunkelgrüne Krawatten. Es gibt Videoaufnahmen von der Szene: Asplund geht vor dem Zug rückwärts die Straße entlang, einer der Männer versucht, sie wegzuschubsen. "Einer hat mich angestarrt, und ich hab zurückgestarrt. Er hat nichts gesagt und ich auch nicht. Dann kam die Polizei und hat mich weggebracht."

Kurz vorher hat David Lagerlöf, Fotograf der Anti-Rassismus-Organisation Expo, auf den Auslöser gedrückt. Er sagt, sein Foto vermittele ein "David-gegen-Goliath-Gefühl" und berühre die Menschen. Es wird in Schweden bereits mit dem berühmten Foto "Tanten med väskan", "Dame mit Tasche" von 1985 verglichen. Damals demonstrierten Neonazis in Växjö, eine Anwohnerin schlug mit ihrer Handtasche nach einem der Skinheads - und wurde wie Asplund dabei fotografiert. Seitdem Hunderttausende Flüchtlinge nach Schweden gekommen sind, erlebt das Land einen Rechtsruck. Die einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten liegen in Umfragen bei etwa 18 Prozent, die rot-grüne Regierung hat ihre Asylpolitik stark verschärft, es häufen sich die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB