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Schweden:Bartzupfen gegen den Terror

Aftermath of Stockholm Truck Attack

Erhöhte Alarmbereitschaft herrscht in Schweden, seit im April ein Lkw durch die Fußgängerzone von Stockholm raste und fünf Menschen tötete.

(Foto: Michael Campanella/Getty Images)

Die Zahl gewaltbereiter Islamisten steigt, oft stammen sie aus kriminellen Milieus. Der Staat hinkt in Prävention und Verfolgung hinterher.

Von Silke Bigalke, Göteborg

Der Polizist kauft Weintrauben im Laden neben der Moschee, er wird sie später brauchen. Ulf Boström ist Integrationspolizist, der einzige in Schweden, wo es mit der Integration seit Jahren nicht gut läuft. Es ist immer was los vor der Bellevue Moschee in Göteborg, der größten in Skandinavien. Er schüttelt viele Hände, bei einer Gruppe junger Männer bleibt er stehen, diskutiert über die Vorzüge von Kautabak. Smalltalk, mehr geht nicht, das weiß er. Der Polizist will die Stimmung testen, Vertrauen aufbauen. Er hofft, dass die Leute zu ihm kommen, wenn es Probleme gibt. Die Zahl, die der Nachrichtendienst Säpo im Sommer veröffentlicht hat, hat ihn nicht überrascht: Mehr als 2000 potenziell gewaltbereite islamistische Extremisten leben demnach in Schweden. Zehnmal so viele wie bei der letzten Schätzung vor sieben Jahren. "So etwas haben wir noch nie gesehen", hat Säpo-Chef Anders Thornberg gesagt.

Mehr als 70 Prozent der schwedischen Dschihadisten kamen aus Problemvierteln

"Ich sehe viele gefährliche Dinge, die in unseren verwundbaren Vierteln passieren", sagt Polizist Boström. Er meint die Gebiete, die die Polizei als anfällig für Kriminalität und soziale Probleme eingestuft hat. In den Medien werden sie auch "No-Go-Zonen" genannt, weil es dort immer wieder zu Schießereien zwischen kriminellen Banden kommt, zu Angriffen mit Handgranaten, Brandanschlägen und Toten. Die Zahl dieser Problemviertel steigt, heute sind es 61, von denen 23 als "besonders gefährdet" gelten. Sechs liegen in Göteborg, in Ulf Boströms Revier. Die Mehrheit der Menschen dort, sagt er, sehne sich nach Recht und Ordnung. Doch neben dem offensichtlichen Kriminalitätsproblem beobachtet er eine weitere Gefahr: eine wachsende Radikalisierung.

Im Café hinter dem Obstladen kann man Fußball schauen. Junge Männer, die meisten aus Somalia, reichen Popcorn herum. Der Polizist verteilt seine Weintrauben. "Wahrscheinlich haben sie alle schon Schlechtes über schwedische Polizisten gehört", sagt er später. Dass sie die Trauben trotzdem nahmen, ist für ihn ein gutes Zeichen. In der Bellevue Moschee nebenan haben 3000 Menschen Platz, eine umgebaute Lagerhalle, finanziert mit den Millionen eines Scheichs aus Saudi-Arabien, wie der schwedische TV-Sender SVT aufgedeckt hat. Die Moschee folgt dessen ultrakonservativer Auslegung des sunnitischen Islam. Doch viele Muslime kämen nur, sagt Boström, weil sie keine Alternative hätten.

Magnus Ranstorp ist Schwedens führender Terrorexperte, er war schon mit Ulf Boström unterwegs. "Extremisten stoßen in Schweden auf wenig Widerstand", sagt er. Das Land sei "viel passiver als die anderen europäischen Staaten", hänge hinterher bei Prävention und Strafverfolgung. Erst Mitte Dezember hat der Verteidigungsminister ein Gesetz vorgeschlagen, das es verbieten würde, Mitglied einer terroristischen Gruppe zu sein. Etwa 300 Personen sind laut Nachrichtendienst seit 2012 aus Schweden nach Syrien und in den Irak gereist, um an der Seite von Terroristen zu kämpfen. Etwa die Hälfte ist zurückgekehrt. Zwei waren vermutlich an Anschlägen in Europa beteiligt: Mohamed Aziz Belkaid aus Stockholm im November 2015 in Paris, Osama Krayem aus Malmö wenige Monate später in Brüssel. "Das ist einzigartig, zumindest für die nordische Sphäre." Ranstorp beklagt, dass es kein funktionierendes Programm gebe, um diese Leute zu überwachen. Er hat die Daten von 267 schwedischen Dschihadisten ausgewertet: Mehr als 70 Prozent kamen aus den Problemvierteln.

Ulf Boström ist in einem Gebiet unterwegs, aus dem die meisten Schweden weggezogen sind. Zurück bleiben die, die sich den Umzug nicht leisten können, Menschen, die für ein besseres Leben nach Schweden kamen. Boström sagt, dass sie dieses Schweden in ihren Vierteln nicht finden, weil dort weder Demokratie noch Grundrechte wie Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit gelten. Als Polizist müsste er diese Rechte verteidigen. Doch diejenigen, die in den Vierteln für Gewalt verantwortlich seien, sagt er, hielten den Rest "wie soziale Geiseln". Alle schweigen, aus Angst vor Vergeltung.

Man müsste näher an die Menschen ran, um das Problem zu lösen, glaubt ein Polizist

Terrorexperte Ranstorp beschreibt eine "finstere Symbiose" zwischen diesen kriminellen Banden und Extremisten, die dort Anhänger rekrutierten. In Schweden gab es bisher zwei Terroranschläge: 2010 sprengte sich ein Mann im Stockholmer Zentrum in die Luft. Im April raste ein Lkw durch die Fußgängerzone und tötete fünf Menschen. Der mutmaßliche Täter ist ein abgelehnter Asylbewerber. "Ich vermute, Schweden ist eher die Startrampe für Attacken", erklärt sich Ranstorp, warum im Land noch nicht mehr passiert ist. "Wenn die Atmosphäre so gastfreundlich ist, will man keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen."

Zum Mittagessen fährt Ulf Boström im alten Kombi zur nächsten Moschee. Er ist in Uniform unterwegs, aber nicht mit Dienstwagen, denn der ist schon drei Mal demoliert worden. Auf dem Parkplatz trifft er einen Bekannten, zupft ihn freundschaftlich am Bart. Der ist neu, was halte die Freundin davon? Er habe keine, sagt der Mann verlegen.

Ist das nicht naiv, die Weintrauben, das Bartzupfen, der Smalltalk? In Schweden diskutiert man seit Jahren darüber, dass die Polizei unterbesetzt sei. "Helfen Sie uns, helfen Sie uns", bat Polizeichef Dan Eliasson Behörden und lokale Organisationen, als er den Bericht über die Problemviertel vorstellte. Ulf Boström hat das geärgert: "Menschen werden getötet, viele Drogen, viele Waffen, und der Polizeichef sagt nur: 'Helft mir!'".

Er glaubt nicht, dass mehr Polizisten das Problem lösen. Man müsste näher ran an die Menschen, sagt Boström. Die letzten elf Jahre habe er jeden Freitag in der Moschee gesessen. "Die ersten fünf habe ich nichts verstanden. Doch wenn die Leute Vertrauen schöpfen, fangen sie an zu reden." Oft könne er gar nicht helfen, wenn sie anrufen, weil in der Nachbarschaft ein Kind zwangsverheiratet wurde, weil sie Drogengeschäfte beobachtet haben, weil kriminelle Banden Geld aus ihren Restaurantkassen ziehen. Oft fehlten die Beweise, oder er hat einfach zu viel zu tun. Er beschreibt, wie Schweden diese Menschen im Stich lässt. Und sie so womöglich in die Arme der Radikalen treibt.

In Göteborg hat eine Anti-Rassismus-Organisation vergangenes Jahr 1200 Jugendliche dazu befragt, wie sie aufwachsen. Eine Frage war, ob sie mit Extremisten wie dem "Islamischen Staat" sympathisierten. 11,3 Prozent antworteten mit Ja. In Schweden hat man lange nicht über die Problemviertel gesprochen, man wollte nicht als fremdenfeindlich gelten. Nun droht die Stimmung ins Gegenteil zu kippen. Im Herbst demonstrierten Hunderte Neonazis in Göteborg, es gab Zusammenstöße mit der Polizei. Im Dezember flog ein Brandsatz auf eine Synagoge, von den drei Verdächtigen sind zwei Palästinenser. Der Hass kommt von vielen Seiten: Neben den 2000 islamistischen Extremisten zählt der Nachrichtendienst Säpo zusammen tausend links- und rechtsextreme Personen.

Polizist Boström geht bald in Rente. Er ist kürzlich einer lokalen Partei beigetreten, um vielleicht doch etwas zu verändern. "Wenn wir Göteborg hinbekommen", sagt er, "bekommen wir alle anderen Städte in Schweden auch hin."

© SZ vom 27.12.2017

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