Schulz in Ankara Der Westen hat unterschätzt, wie tief die Putschnacht die Türkei verletzt hat

Der türkische Präsident Erdoğan (links) mit Martin Schulz im Jahr 2014: Im Moment ist die Stimmung angespannt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Europa hat darin versagt, sich in das Land hineinzufühlen. Das hat viele Türken gekränkt. Schulz' Besuch kommt fast zu spät.

Kommentar von Mike Szymanski, Istanbul

Es gibt Fälle, in denen die Zeit keine Wunden heilt. Je mehr Zeit verstreicht, desto tiefer werden sie. Nach dem Putschversuch in der Türkei hat es eineinhalb Monate gedauert, bis sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz jetzt nach Ankara aufmachte, um sich durch das beschossene Parlament führen zu lassen und Solidarität zu bekunden. Die Geste kommt fast zu spät.

Tatsächlich hat der Westen lange unterschätzt, wie tief die Putschnacht die türkische Gesellschaft verletzt hat. Die Aufmerksamkeit galt vor allem der erschreckenden Rigorosität, mit der Ankara gegen mutmaßliche Putschisten und angebliche Unterstützer vorging. Das passte viel besser ins festgefügte Bild einer autoritär geführten Türkei, die dem Westen unheimlich geworden ist.

Es sind die Probleme, die verbinden

Europa hat dabei versagt, sich in das Land hineinzufühlen. Das ist es, was so viele Türken gekränkt hat. Deshalb lassen sie sich nun von Europa entfremden. Solange die EU in der Flüchtlingskrise noch Hilfe wollte, kamen die Politiker von ganz alleine. Jetzt zieren sie sich. Das verärgert die Türken.

Es ist Schulz, der am Donnerstag daran erinnerte, dass man nicht vergessen dürfe, vor welchen gemeinsamen Problemen man stehe. Vielleicht trifft sein Ausdruck von der strategischen Partnerschaft das Verhältnis der EU zur Türkei im Moment ganz gut. Vielleicht sind es gerade nur Probleme, die verbinden. Aber das ist besser als nichts. Und vor allem ausbaufähig.

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