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Schulen:Die Vermessung der Schüler

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Deutschland steht am Beginn der Ära künstlicher Intelligenz. Und mit Corona hat das Datenzeitalter auch an den Schulen begonnen.

(Foto: Monkey Business 2/imago images/Shotshop)

Künstliche Intelligenz könnte Lehrern helfen, genauer auf Kinder und Jugendliche einzugehen. Womöglich könnte sie der nervösen Nation sogar verraten, wo die Generation Corona eigentlich steht. Doch die Vorbehalte sind groß.

Von Christian Füller

Zu sehen ist ein junger Lehrer, der seinem Nachhilfeschüler etwas erklärt. Unter dem Bildschirm flimmern nervöse Anzeige-Nadeln auf und ab. Sie zeigen die Emotionen des Lehrers im online geführten Unterrichtsgespräch. Jedenfalls das, was die Maschine als Wut, Trauer oder Freude zu identifizieren glaubt. Eine zweite Kamera verfolgt den Schüler - und vermisst auch seine Gefühle.

Das Experiment ist ein Novum in Deutschland. Der Lehrer arbeitet für "GoStudent", einen Anbieter von Online-Nachhilfe. GoStudent gehört zu den wenigen Bildungsunternehmen, die ganz offensiv künstliche Intelligenz (KI) fürs Lernen einsetzen. "Mit Hilfe der KI können wir den Unterricht transparenter machen", sagt Gründer Felix Ohswald.

KI  // Einmalige Verwendung!!!!

Eine Kamera filmt diesen Lehrer eines Onlinenachhilfeanbieters und misst seine Emotionen - jedenfalls das, was die Maschine als Wut, Trauer oder Freude zu identifizieren glaubt.

(Foto: GoStudent)

Ob KI wirklich in der Lage ist, Unterricht zu verbessern, ist mindestens umstritten. Für die einen ist ihr Einsatz eine Selbstverständlichkeit, andere stürzt die Technik in einen ethischen Zwiespalt. Was gewiss ist: Deutschland steht am Beginn der Ära künstlicher Intelligenz. Und mit Corona hat das Datenzeitalter auch an den Schulen begonnen. Der Zugriff von Jugendlichen auf Schulclouds etwa verzeichnete vergangenes Jahr größere Zuwächse als die Nutzung von Tiktok - immerhin weltweit das Jugend-Medium mit dem aggressivsten Wachstum. Nun fallen massenhaft Daten an. Das ermöglicht den Einsatz künstlicher Intelligenz. Sogar erste staatliche Schulen bereiten sich vor. Nur sind dabei alle sehr leise, denn KI in der Bildung ist verpönt. 70 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage strikt dagegen, Lernfortschritte von Kindern "digital zu erfassen und von Algorithmen auswerten zu lassen".

Den 26-jährigen Österreicher Ohswald plagen diese Skrupel nicht. Er ist sich sicher, mittels KI herausfinden zu können, "warum Unterricht bei Lehrerin A besser als bei Lehrer B läuft". Er will das geheimnisvolle Band erfolgreicher Interaktion zwischen Schüler und Lehrer entschlüsselt haben. Seine Helfer: das Kameraauge und "iMotions", eine Software zur Emotionserkennung. Ihr Algorithmus ist an Millionen von Gesichtern trainiert.

Die bisherigen Erkenntnisse sind, gemessen an den eigenen Ansprüchen, eher trivial: "Wenn eine Emotion durch den/die Tutor:in gezeigt wird, ist dieselbe Emotion zur gleichen Zeit auch bei dem/der Schüler:in vorhanden." Die Schüler, heißt es außerdem, "erleben keine hohe emotionale Intensität". Auf Deutsch: Die Nachhilfe ist oft eher langweilig - und nicht stimulierend.

"Es ist aber wichtig für Individuen, eine Ruhepause zu haben."

Felicitas Macgilchrist sieht einen solchen Einsatz künstlicher Intelligenz kritisch. Die Göttinger Forscherin, die im Projekt "Datafied" datengetriebene Lernsoftware unter die Lupe nimmt, hat etwas gegen die dauerhafte Kamerabeobachtung von Kindern. "Es gibt dann keine Unsichtbarkeit mehr", sagt sie. "Keinen Moment, in dem der Schüler nicht beobachtet wird. Mit dieser Technologie werden Schüler ständig verdatet. Es ist aber wichtig für Individuen, eine Ruhepause zu haben, in der sie sich nicht beaufsichtigt fühlen. Das ist zentral für das Gefühl von Autonomie."

Immerhin probiert GoStudent etwas aus. Bisher werden digital verfügbare Daten im deutschen Schulsystem kaum genutzt. England ließ vergangenes Jahr die Abiturprüfungen ausfallen und die Noten durch einen Algorithmus berechnen. Das verursachte zwar viel Unmut, aber entscheidend ist: Es ging, weil die britische Schulbehörde Ofqual massenhaft Daten über Schüler sammelt. Sachsen hingegen besaß keinerlei Daten, als das Matheabitur im vergangenen Jahr ungewöhnlich schlecht ausfiel. Also musste der Schulminister stichprobenartig seine Gymnasien abtelefonieren lassen, um herauszufinden, wo es gehakt hatte.

Bildungs-Start-ups hingegen, mit Corona in den Mittelpunkt gerückt, verfolgen die Hunderttausenden Lernenden auf ihren Plattformen genau. Allerdings kennen sie auch die schroffe Ablehnung des Instruments KI in Deutschland. Daher sind sie vorsichtig. Der zitierfähige Teil von Gesprächen endet beim Thema KI meist abrupt.

Das Lernmanagementsystem (LMS) Scobees etwa, das mit zwei reformpädagogisch orientierten Schulen in Marburg und München entwickelt und von 650 Schulen in ganz Deutschland genutzt wird, könnte perspektivisch mit Hilfe von KI Schülern Empfehlungen zum Lernen automatisch anbieten. "Viele Lehrkräfte fragen nach dieser Erweiterung des LMS, um mehr Zeit zur Förderung der Kinder zu haben", berichtet Scobees-Gründerin Annie Dörfle. Allerdings ist das Werkzeug noch nicht programmiert.

An der jungen Universitätsschule in Dresden ist man schon einen Schritt weiter. Ihre Gründerin und wissenschaftliche Leiterin, Anke Langner, ist eine in der Wolle gefärbte Lernreformerin. "Meine Idee des Entwicklungsprozesses ist die, dass die Sinnhaftigkeit für das Lernen immer vom Schüler selber ausgeht", sagt Langner. Deswegen versucht sie mit den Lehrern der an die Uni angedockten Schule, Kindern individuelle Lernpfade aufzuzeigen. Bald soll das auch mit Hilfe eines Algorithmus erfolgen, den die Lehrer seit Gründung der Schule fleißig mit Lernspuren füttern.

Anke Langner, die als Professorin der TU Dresden für inklusive Bildung die Schule begleitet, sieht sich nicht "als Positivistin, die in fünf Jahren KI anwenden will, sondern als kritische Bürgerin". Gleichwohl will sie als Wissenschaftlerin das Potenzial, mit KI das Lernverhalten von Schülern zu beobachten, "gerne selbst erforschen". Dabei wird sie auch das Verhalten der Lehrer untersuchen. Sie und ihr Team wollen wissen, ob die Lehrer sich beim Bereitstellen von Lernmaterialien und Aufgaben nur noch auf die KI verlassen. "Wenn der Algorithmus mit seinen Empfehlungen das Lernen steuert", sagt Langner, "würde ich sicher wieder ein Schritt zurück gehen".

Ein Jahr warten auf den Lernstand der Schüler? Ein Lernportal verspricht: Wir können das schneller

Welche Kraft KI beim Lernen haben kann, sieht man an Simpleclub. Aus den schrillen Mathe-Videos der Schüler Nico Schork und Alex Giesecke der 2010er-Jahre ist ein seriöses Lernportal geworden. Eine Million registrierter Nutzer liefern unaufhörlich Daten. Wer bei Simpleclub lernt, betont Giesecke, der bekomme keine fertigen Wissenshäppchen serviert. "Je nachdem, wie der Schüler zurechtkommt, erhält er von uns ein individuell auf ihn abgestimmtes Programm - und zwar aktualisiert auf seinen jeweiligen Lernstand."

Giesecke und Schork haben dem Bundesbildungsministerium angeboten, eine exemplarische Lernstandserhebung für ihre Nutzer zu machen. Bisher wird zwar viel geklagt über die Lerndefizite der "Generation Corona", aber wenig wirklich gewusst. Erste Ergebnisse der für Herbst geplanten Lernstandsmessung durch das renommierte Bamberger Institut für Bildungsforschung werden frühestens in einem Jahr erwartet. "Lernstandserhebung ist unser täglich Brot", sagt hingegen Giesecke. "Wir können das - und die Politik braucht es."

Deswegen sind die beiden Gründer bereit, ihr Angebot auszuweiten. Alle Schüler bestimmter Altersgruppen könnten in der Simpleclub-App ausgewählte Aufgaben in Mathe, Deutsch und Naturwissenschaften bearbeiten. Die Technologie "Jarvis" könnte danach einen anonymisierten Lernstand für den kollektiven Corona-Jahrgang ausweisen. Niemand wäre verpflichtet, Simpleclub zu abonnieren. Es wäre lediglich ein schnelles Röntgenbild des Patienten Corona-Schüler, um den sich gerade alle Sorgen machen.

Giesecke und Schork würden sogar einen Schritt weiter gehen: sie könnten jene Schülergruppe, die Defizite hat, nicht nur nach Größe und Fächern beschreiben, sondern genau sagen, welcher Schüler wo steht. Dann würden die Ministerinnen für Familie und Bildung, Franziska Giffey und Anja Karliczek, die gerade um die Adressaten ihres Zwei-Milliarden-Corona-Aufholprogramms ringen, nicht mehr im Nebel stochern. Sie wüssten dann, welche Schüler wo Hilfe brauchen.

Giesecke und Schork würden gerne beweisen, dass künstliche Intelligenz in der Bildung nützlich sein kann. Eine Antwort vom Ministerium haben sie noch nicht bekommen.

© SZ/pamu
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