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Schule:Vom Leben lernen

Endlich stimmen die Prioritäten: Schulen werden nicht mehr sofort geschlossen, um Infektionen zu verhindern. Sie müssen verhindert werden, um Schulen so lange wie möglich offen zu halten.

Von Paul Munzinger

Eine Schulschließung bleibt eine Schulschließung, auch wenn man sie als Verlängerung der Weihnachtsferien verkauft. Doch so ärgerlich dieser Vorschlag einiger mäßig bekannter Unionspolitiker war - die Debatte, die er auslöste, hatte rückblickend auch ihr Gutes. Denn sie zeigt zwar, dass die alten Reflexe noch da sind: Wenn die Infektionszahlen hochgehen, dann findet sich immer jemand, der vorsorglich die Schulen schließen will. Doch die einhellige Ablehnung, die der Vorstoß erfuhr, beweist eben auch: Viele Freunde macht man sich damit nicht mehr. Zum Glück nicht.

Die Schulen - und ebenso die Kitas - sind auf der gesellschaftlichen Prioritätenliste da angekommen, wo sie hingehören: weit oben. Sie sind vom Mittel der Pandemiebekämpfung zu einem ihrer wichtigsten Ziele geworden. Das ist eine echte Errungenschaft, die einem doppelten Lerneffekt folgt: erstens der schmerzhaften Erfahrung, dass sich Schule nicht einfach ins Kinderzimmer verlegen lässt. Und zweitens der Erkenntnis, dass Kinder und (jüngere) Jugendliche sich und andere zwar sehr wohl mit dem Coronavirus infizieren können, das Pandemiegeschehen aber nicht entscheidend befördern. Beides ist auch jetzt noch richtig.

Die Bundesländer tun deshalb gut daran, an ihrem Kurs festzuhalten. Und dieser Kurs heißt: Der Unterricht in der Schule muss so lange wie möglich und für so viele Schülerinnen und Schüler wie möglich aufrechterhalten werden. Zu den Quarantänemaßnahmen, die seit Beginn des Schuljahres vielfach angewendet wurden, tritt nun vielerorts die Maskenpflicht im Klassenzimmer. Eine unangenehme Maßnahme, gerade in der Grundschule. Aber Unterricht mit Maske ist besser als kein Unterricht. Eine noch viel größere Belastung für Familien ist die Teilung von Klassen, die nun in manchen Kreisen Bayerns kommt. Sie sollte die Ausnahme bleiben. Auch hier gilt: Ein halber Tag Schule ist besser als ein ganzer Tag Homeschooling.

Doch gerade jetzt, wo die Temperaturen sinken und die Zahlen auch an den Schulen steigen, müssen die Kultusminister mehr tun. Es reicht nicht, auf die Stufenpläne zu verweisen und darauf, dass die Schulen keine Pandemietreiber seien. Im großen Maßstab mag das stimmen. Doch einer Lehrerin, die sich in ihrem Klassenzimmer nicht sicher fühlt, oder einem Vater, der sich um die Gesundheit seiner Kinder sorgt, hilft das nur bedingt. Mehr als bisher muss die Politik deshalb einen Auftrag ernst nehmen, den das Robert-Koch-Institut so formuliert: "Stärkung des Vertrauens der Schülerschaft, der Erziehungsberechtigten sowie des Schulpersonals in ein sicheres Umfeld in der Schule." Man könnte auch sagen: Wenn die Schule Vorrang haben soll, dann muss das auch für die Menschen gelten, die dort lernen und arbeiten.

Vertrauensbildende Maßnahmen gäbe es viele: eine zuverlässige Ausstattung der Lehrkräfte mit Masken zum Beispiel. Eine gründliche Dokumentation aller Infektionen an den Schulen - und ein transparenter Umgang mit den Ergebnissen. Oder auch einfach ein bisschen mehr Empathie. Alle 20 Minuten und in den Pausen sollen Lehrkräfte für mindestens fünf Minuten stoßlüften, damit genügend frische Luft in die Klassenzimmer strömt, auch im nahenden Winter. "Wer schnell friert", rät die Kultusministerkonferenz, "kann für die Zeit kurz einen Pullover überstreifen". Dass es manche fröstelt, wenn sie das lesen, ist durchaus nachvollziehbar.

© SZ vom 19.10.2020

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