Schulen:Wie sich die Länder gegenseitig die Lehrkräfte abwerben

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Schulen: Besonders in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie Chemie und Physik fehlen an den Gymnasien Lehrkräfte.

Besonders in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie Chemie und Physik fehlen an den Gymnasien Lehrkräfte.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Die Kieler Kultusministerin freut sich, dass Schleswig-Holstein mehr Lehrkräfte aus dem Rest des Landes gewinnt als verliert. Den Rest des Landes freut das weniger. Über einen Wettbewerb, den die Bundesländer gern herunterspielen - es sei denn, sie gewinnen ihn.

Von Paul Munzinger

Karin Prien, die Kultusministerin von Schleswig-Holstein, hat zum Auftakt des neuen Schuljahres etwas ausgesprochen, was sie und ihre Amtskolleginnen und -kollegen nur ungern zugeben: dass die Bundesländer bei ihrer aktuell wohl größten Aufgabe - dem Kampf gegen den Lehrermangel - nicht nur Verbündete, sondern auch Konkurrenten sind. "Ja, natürlich" gebe es diese Konkurrenz, sagte Prien in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Aber eine Verabredung, "dass wir uns keine Lehrkräfte gegenseitig abwerben", die gebe es eben auch. "Und sobald das jemand tut, gibt es auch richtig Stress."

Wenn das stimmt, dann gibt es eine Landesministerin, die sich jetzt auf Stress einstellen sollte. Und zwar nicht irgendeine Ministerin, sondern die aktuelle Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), die doch in besonderem Maße den Zusammenhalt der Länder verkörpern sollte. Ihr Name: Karin Prien.

Was heißt Lehrerkräfteeinwanderungsland?

Wenige Tage vor dem Interview hatte die CDU-Politikerin auf der Pressekonferenz zum Schuljahresauftakt mit unverhohlenem Stolz verkündet, dass Schleswig-Holstein 2022 "Lehrkräfteeinwanderungsland" sei. Mehr Lehrerinnen und Lehrer wanderten also aus anderen Bundesländern zu als in andere Bundesländer ab. Zahlen nannte Prien nicht, aber die liefert ihr Ministerium auf Anfrage nach: 2022 habe es 270 Anträge auf eine Versetzung nach Schleswig-Holstein und 110 Anträge auf eine Versetzung von Schleswig-Holstein in ein anderes Bundesland gegeben. "Wir reden hier nicht über eine massenhafte Einwanderung", heißt es aus dem Ministerium, "aber über eine immerhin bemerkenswerte Entwicklung." Seit 2013 sei die Zahl der Zuwanderungsanträge von 229 auf 270 gestiegen, die der Abwanderungsanträge von 215 auf 110 gefallen.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht mehr ganz so bemerkenswert, wenn man das Ministerium statt der Zahlen für Anträge um die tatsächlichen Versetzungen bittet. Da verzeichnet Schleswig-Holstein in diesem Jahr 53 Abgänge und 87 Zugänge. Macht ein Plus von 34 Personen - bei insgesamt rund 28 000 Lehrkräften. Ist das schon ein Lehrkräfteeinwanderungsland?

Fragt man im Rest der Republik nach, wie es dort aussieht, dann erhält man einen bunten Strauß von Antworten. Manche Ministerien, darunter Schleswig-Holsteins Nachbarn Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, teilen mit, dass ihnen (noch) keine entsprechenden Zahlen vorlägen. Andere präsentieren selbst positive Bilanzen, das Saarland etwa (14 Abgänge, 25 Zugänge) oder Niedersachsen (16 Lehrkräfte im Plus). Und wieder andere reagieren irritiert bis trotzig. Was daran positiv sein soll, ein "Lehrkräfteeinwanderungsland" zu sein? Das bedeute doch nur, dass selbst nicht genug ausbilde. Was das denn genau heißen soll: Lehrkräfteeinwanderungsland?

Gute Frage. Denn so einfach, wie Prien die Rechnung darstellt, ist sie nicht. Zwischen den Ländern stehen Lehrkräften mehrere Wanderwege offen. Der einfachste: direkt nach dem Studium. Jeder Absolvent, jede Absolventin kann sich in jedem Bundesland bewerben. Ist eine Lehrkraft schon beschäftigt, gibt es zwei Wege. Erstens: über eine Freigabe. Eine Lehrerin aus Thüringen bewirbt sich etwa auf eine Stelle in Bayern. Dafür braucht sie eine Freigabe, die das abgebende Land "so großzügig wie möglich unter Beachtung dienstlicher Interessen" erteilen soll, so hat es die KMK 2001 beschlossen. Möglichkeit zwei: ein Tauschverfahren, das die Länder organisieren. Im Idealfall soll es "planstellenneutral" ablaufen: Für einen Lehrer, der aus Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen wechselt, zieht eine Lehrerin von NRW nach Niedersachsen.

Ein Tausch, der keiner ist

Die Zahlen aus Schleswig-Holstein (wie die aus dem Saarland oder Niedersachsen) beziehen sich nur auf dieses Tauschverfahren. Zu den anderen beiden Wegen hat das Land keine Vergleichswerte parat, ebenso wenig wie die anderen Bundesländer. Dabei wäre für die Einstufung als Lehrkräfteeinwanderungsland ja mindestens ebenso interessant, wie viele Lehramtsabsolventen das Bundesland wechseln, noch ehe sie im Beruf stehen - angelockt von der Aussicht auf sofortige Einstellung, bessere Bezahlung oder Verbeamtung. Vor einigen Jahren gab es hier beträchtliche Unterschiede, von denen viele aber unter dem Druck des Lehrermangels eingeebnet wurden. Prominentestes Beispiel ist die Verbeamtung. Sachsen, Thüringen und Berlin stellten ihr Lehrpersonal lange Zeit nur an - bis ein Land nach dem anderen zu dem Schluss kam, sich einen solchen Wettbewerbsnachteil nicht mehr leisten zu können. Heute winkt die Verbeamtung in allen Bundesländern.

Selbst beim Tauschverfahren lässt sich diskutieren, ob der positive Trend Schleswig-Holsteins auf die Attraktivität des Standorts zurückzuführen ist - oder auf eine eigensinnige Bewilligungspraxis. Denn eigentlich soll das Tauschverfahren ja keinem Land einen Vorteil verschaffen - Stichwort: planstellenneutral. Das Kultusministerium in Hessen teilt dazu vielsagend mit: "Ein Bundesland, das also mehr Lehrer aufnimmt als abgibt, bedeutet nicht automatisch, dass mehr Lehrer dort arbeiten wollen, sondern kann auch bedeuten, dass man einfach keine Lehrer 'gehen' lässt."

Den innerdeutschen Wettbewerb um Lehrkräfte wollen die Länder offiziell gar nicht führen. Aber noch lieber, das gilt nicht nur für Karin Prien, wollen sie ihn gewinnen - auch wenn sie dafür die dürftige Zahlenbasis etwas strapazieren müssen. Das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen teilt mit, dass man seit 2016 über das Tauschverfahren 498 Zugänge und 387 Abgänge verzeichne - ein Plus von 111! Allerdings sind das nur die Grundschulen. Und insgesamt? Die Zahlen liefert das Ministerium erst auf Nachfrage: Sieht man sich alle Schulen an, dann hat NRW seit 2016 unter dem Strich 126 Lehrerinnen und Lehrer verloren.

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