Schule Die Ideen gegen Lehrermangel zeugen von Verzweiflung

Aus Lehrkraftmangel fällt an den Schulen viel Unterricht aus.

(Foto: dpa)

Pensionäre werden zurückgeholt, Quereinsteiger eingestellt und nun auch DDR-Erzieherinnen angefragt. Am Grundproblem ändert all das nichts.

Kommentar von Paul Munzinger

Deutschland ist Lehrermangelland. Die Warnungen vor einem Notstand in den Klassenzimmern sind zur traurigen Sommertradition geworden, seit Jahren begleiten sie den Beginn jedes neuen Schuljahres. Berlin meldete bereits im Juni 1250 unbesetzte Stellen - das gab es noch nie. Die Hauptstadt ist damit Spitze, aber keineswegs einsam. Lücken klaffen überall, die größten in den ostdeutschen Bundesländern und in Nordrhein-Westfalen. Und das Problem wird sich weiter vergrößern: Die Schülerzahlen steigen, die im europäischen Vergleich sehr alten Lehrer werden nicht jünger.

Um die Löcher zu stopfen, überbieten sich die Länder mit Ideen, die sie selbst als kreativ preisen, die aber vor allem von Verzweiflung zeugen. Pensionäre werden zurückgeholt, Gehälter angehoben, Seiteneinsteiger in großer Zahl eingestellt - Studienabgänger also, die im Schnellverfahren zu Pädagogen umgeschult werden sollen. Berlin lockt Studenten mit dem Programm "Unterrichten statt Kellnern" an die Schulen; Thüringen hat bei Erzieherinnen nachgefragt, die noch in der DDR ausgebildet wurden, ob sie nicht an Grundschulen aushelfen können.

Ebenfalls aus Thüringen kommt nun ein Vorschlag, der gegenüber den vielen Notmaßnahmen einen entscheidenden Vorteil besitzt: Statt panisch an den Symptomen herumzudoktern, sucht er nach der Wurzel des Problems. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter, als erster Politiker der Linkspartei derzeit Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK), regt an, das Studium zu reformieren.

Statt Grund-, Real-, und Gymnasialschullehrer getrennt auszubilden, soll nach Altersstufen unterschieden werden: ein Lehrer für die Mittelstufe etwa, egal an welcher Schule. Die Idee ist nicht neu, hat aber Charme - weil Lehrer kaum an Gymnasien fehlen, an Grund- und Förderschulen dafür umso mehr. Der Lehrermangel ist ein Problem, das vor allem da auftritt, wo es an vielem mangelt, aber nicht an Problemen.

Beim der Ausbildung von Lehrern fehlt es an Weitblick

Warum Holters Vorschlag trotzdem keine Lösung ist? Weil er das Grundproblem nicht behebt: Es gibt zu wenig Lehrer. Statt das Studium umzubauen, muss es ausgebaut werden - in vielen Bundesländern geschieht das bereits. Gerade im Osten Deutschlands sind nach der Wende die Studienplätze massiv eingekürzt worden - in der festen Erwartung, die damals rückläufigen Schülerzahlen würden auf ewig weitersinken. Diesem folgenreichen Trugschluss saßen auch die anderen Bundesländer auf. Und an dieser Fehleinschätzung hielten sie in einer Mischung aus Geiz und Trägheit viel zu lange fest.

Dieser Rückblick zeigt auch, woran es in Deutschland vor allem fehlt: an seriöser und koordinierter Planung mit Weitblick. Der Lehrerbedarf hängt maßgeblich von den Schülerzahlen und den Pensionierungen ab - zwei Größen, die sich anhand der Geburtenzahlen und der Altersstruktur der Lehrer mit einigen Jahren Vorlauf prognostizieren lassen. Was sich nicht vorhersagen ließ, war die Ankunft vieler Tausend Flüchtlingskinder seit 2015. Für das Planungsversagen der Länder sind das aber nur mildernde Umstände. Wer vom Lehrermangel überrascht wird, ist selber schuld.

Deshalb lohnt ein Blick nach Baden-Württemberg, wo soeben ein kleiner, aber wichtiger Schritt beschlossen wurde. Dort soll künftig genau erhoben werden, wie viel Unterricht tatsächlich ausfällt. Eine entscheidende Frage, zu der es bislang, man ahnt es, keine Statistik gibt.

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